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Kultur im Norden Dichter und Richter
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18:10 21.02.2018
Lübeck

Das hat seinen guten doppelten Sinn. Zum einen spielt es auf Grass’ „Aus dem Tagebuch einer Schnecke“ an, worin die Hauptfigur Zweifel heißt und auch ReichRanicki zu finden ist. Zum anderen wirft es ein helles Licht auf die Beziehung der beiden Großmeister des deutschen Literaturbetriebs, die komplex zu nennen fast eine Untertreibung wäre.

Der dritte Band

„Freipass“ ist eine Schriftenreihe der Grass-Stiftung. Im aktuellen dritten Band geht es u. a. um das Jahr 1968, um Grass’ Lehrer Otto Pankok und Grass’ Gedichte. Zu den Autoren gehören René Böll und Johano Strasser. (Chr. Links Verlag, 360 Seiten, 25 Euro)

Nachlesen kann man die Geschichte in der neuen Ausgabe von „Freipass“, der Schriftenreihe der Günter-und-Ute-Grass-Stiftung. In dem gerade erschienenen dritten Band widmet sich Uwe Neumann diesem besonderen Verhältnis, und es sind spannende 50 Seiten. Neumann, Oberstudienrat in Ahrensburg, der über Uwe Johnson promoviert und im vergangenen Jahr eine 1000-Seiten-Chronik über Günter Grass vorgelegt hat, konnte dafür den Schriftwechsel von Grass und Reich-Ranicki auswerten. Es sind nur 24 Dokumente erhalten, Briefe, eine Einladung – wenn sie sich etwas zu sagen hatten, taten sie es oft mündlich. Trotzdem sind die Unterlagen bemerkenswert.

Die beiden kannten sich seit Ende der Fünfzigerjahre, als sie literarisch noch namenlos waren und Reich-Ranicki Grass zunächst für einen bulgarischen Spion hielt. Wenig später sahen sie sich bei der Tagung der Gruppe 47 in Großholzleute wieder, wo Grass aus der unveröffentlichten „Blechtrommel“ las (die Reich-Ranicki für kein gutes Buch hielt). Und dann verloren sie sich nicht mehr aus den Augen.

Die Arbeitsteilung war klar: Grass schrieb, und Reich-Ranicki verriss, oft jedenfalls. Natürlich gab es auch Lob, etwa für „Das Treffen in Telgte“ und vor allem für Grass’ Lyrik, aber immer wieder senkte der Kritiker den Daumen. Und Pardon wurde nicht gegeben, schon aus Gründen der Achtung: Einen elenden Dichter tadele man gar nicht, gegen einen großen aber sei man unerbittlich, zitierte Reich-Ranicki ein Wort von Lessing. Dafür erläuterte Grass in einer Rede die Rangordnung und stellte fest, dass der Autor nun mal der Arbeitgeber des Kritikers sei.

Reich-Ranicki forderte immer wieder auch Texte von Grass an, für Anthologien etwa, die er herausgab, für die „Zeit“ oder die „FAZ“, für die er arbeitete. Mal lieferte der Dichter, mal zog er – wie eine Skizze zu Heinrich Böll – den Text in letzter Minute wieder zurück. Man redete sich mit „Mein Lieber“ an, man kam sich näher, man entfernte sich. Man kann es wohl eine Hassliebe nennen.

Den Tiefpunkt erlebte das Verhältnis 1995, als man von Grass mit „Ein weites Feld“ den großen Wenderoman erwartete. Reich-Ranicki hatte das Buch bei einer Lesung mit Grass im April in Frankfurt vorgestellt und stehend Beifall gespendet. Im August aber erschien der „Spiegel“ mit einem Reich-Ranicki, der den Roman auf dem Titelbild wütend zerriss und ihn im Heft selbst völlig niedermachte. Es war eine Vernichtung, eines Buches und eines Autors.

Kein Verriss habe Grass so tief getroffen wie dieser, sagt Jörg-Philipp Thomsa, der Leiter des Lübecker Grass-Hauses. „Das tat ihm fast körperlich weh.“ Auch habe sich Grass an die Bücherverbrennungen der NS-Zeit erinnert gefühlt. Er habe seinen Freund noch nie so niedergeschlagen gesehen, schrieb Peter Rühmkorf, der daraufhin mit Reich-Ranicki brach.

Es sollte Jahre dauern, bevor sich so etwas wie ein Wandel durch Annäherung einstellte. Im Juni 2003 schließlich kam es in Lübeck zu einem Wiedersehen. Reich-Ranicki besuchte das Buddenbrookhaus, wo Schriftstellerporträts aus seiner Sammlung ausgestellt wurden. Bei der Gelegenheit trafen sich die Kontrahenten im GrassHaus und sprachen etwa eine Stunde lang, zwei alte Männer, der eine 75, der andere 83. Reich-Ranicki soll danach Tränen in den Augen gehabt haben, sagt Thomsa, aber es gebe durchaus unterschiedliche Deutungen der Begegnung. „Ich hätte ihn umarmen sollen“, schrieb Grass zwei Jahre später. Und Reich-Ranicki erwiderte: „Grass hat recht. Wir hätten einander wirklich umarmen sollen.“ Aber es sollte nicht mehr dazu kommen.

Peter Intelmann