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Kultur im Norden Das Phänomen Ingmar Bergman
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20:30 25.10.2018
Auf der Höhes seines Schaffens: der große Regisseur in dem Dokumentarfilm „Bergman – A Year in a Life"“. Quelle: AB Svensk Filmindustri
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Lübeck

Der legendäre Regisseur hat alles von sich in seinen Filmen offengelegt, all seine Ängste, seine Traumata, seine inneren Dämonen in 45 Kino- und 25 Fernsehfilmen der Kamera präsentiert. Ingmar Bergman ist mit seinem überwältigenden Schaffen als Film- und Theatermacher zu einem Mythos geworden – und obwohl Leben und Werk des schwedischen Regisseurs hinreichend ausgeleuchtet sind, ist Bergman dennoch ein Mysterium geblieben.

Was gäbe es also noch zu erzählen über diesen Säulenheiligen des skandinavischen Films?

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Martin Scorsese und Woody Allen waren Fans

Genug offenbar, denn zu seinem Jubiläumsjahr 2018, in dem Ingmar Bergman 100 Jahre alt geworden wäre, haben sich mehrere Dokumentarfilmer mit dem Meister auseinandergesetzt. Eine von ihnen ist Jane Magnusson.

Mit „Trespassing Bergman“ näherte sich die Schwedin dem Phänomen Bergman schon 2013 – sie holte dafür zahlreiche Wegbegleiter und Bewunderer seiner Arbeit wie Martin Scorsese und Woody Allen in sein Haus auf Farö vor die Kamera.

Bergman vor und hinter der Kamera

Der große Erfolg, den Ingmar Bergmans Filme auch in Deutschland feierten, wurde ganz zentral auch in Lübeck begründet: Die Nordischen Filmtage zeigten bereits in den 50er Jahren seine Filme „Abend der Gaukler“ (1953) und „Das siebente Siegel“ (1957). Die Lübecker Nachrichteten berichteten seinerzeit: „Von den gezeigten neueren nordischen Filmen blieben die stärksten und unmittelbarsten Eindrücke zurück von Ingmar Bergmans ,Das siebente Siegel’“. Das Mittelalter-Drama um Religion, Glaube und Tod mit Max von Sydow war Bergmans Durchbruch als Regisseur und kam in der BRD erst 1962 in die Programmkinos.

Das Bergman-Special zum 100. Geburtstag des Altmeisters präsentiert mit „The Touch“ (1971) und „Aus dem Leben der Marionetten“ (1980) auch zwei eher unbekannte Werke. Letzteres wurde mit Robert Atzorn und Gaby Dohm für das deutsche Fernsehen produziert und erstmals am 3. November 1980 im ZDF ausgestrahlt. Das zwischen Farbe und Schwarzweiß wechselnde Filmdrama inszeniert die tödliche Hassliebe des beruflich erfolgreichen Ehepaares Egermann. Peter Egermann, der seinem Psychiater Mordphantasien an seiner Frau gesteht, ermordet schließlich eine junge Prostituierte . . .

Ein Porträt des Regisseurs zeichnet der Dokumentarfilm „Ingmar Bergman“, der 1971 während der Produktion von „The Touch“ entstanden ist. Bergmans langjähriger Weggefährte Stig Björkman begleitete die Dreharbeiten des Ehebruch-Dramas in Visby, London und auf Gotland und zeigt in seiner Dokumentation die Arbeitsweise Ingmar Bergmans und die enge und intensive Zusammenarbeit mit seinen Schauspielern. Eine weitere, sehr persönliche Filmbiografie kommt unter dem Titel „Erinnerung an Ingmar Bergman“ (1971) von Regisseur Jörn Donner, der beim Festival außerdem mit der Fortsetzung seiner legendären Finland-Doku „Fuck off!“ zu sehen ist. „Fuck Off 2“ (2017) zeigt, was sich im äußersten Norden Europas in den letzten Jahren getan hat.

Die AusstellungIngmar Bergman – And His Legacy In Fashion And Art“ präsentiert Ingmar Bergman und vier seiner wichtigsten Filme. Im Mittelpunkt steht dabei der Einfluss, den Bergman auf die Mode und Kunst von heute hat. Bergman war an Mode selbst uninteressiert und trug sein ganzes Leben lang einen einfachen, gleichbleibenden Stil. Heute wird Bergmans stilistische Erscheinung in der schwedischen Mode als trendy angesehen.

Kolosseum, Kronsforder Allee 25, vom 31. Oktober bis 4. November von 10 bis 22 Uhr

Nun wirft sie mit „Bergman: A Year in a Life“, der kürzlich in Cannes Premiere feierte und nun in Lübeck gezeigt wird, erneut einen intensiven und kritischen Blick auf das Idol mit Fokus auf das Jahr 1957, das nach ihrer Sicht die produktivste Phase seines Schaffens markiert: Bergman drehte „Wilde Erdbeeren“, „Das siebente Siegel“, arbeitete an „Schweigen“ und inszenierte mehrere Produktionen am Theater.

Gefangen zwischen Frauen, Affären und der Angst vor dem Tod 

Mit 39 Jahren hatte er bereits sechs Kinder von drei Frauen, managte zahlreiche Affären und ein geradezu manisches Arbeitspensum, das für ein familiäres Leben kaum Raum ließ. Bergman litt unter heftigsten Magenschmerzen, er wache jeden Tag um 4.30 Uhr auf, gepeinigt von Ängsten, die sich dann Bahn brächen, erzählt er zu Beginn von Magnussons Dokumentation.

Es seien Ängste des Versagens, Angst die hohen Erwartungen, die auf ihm lasten, nicht zu erfüllen, Angst vor dem Tod, die ihn seit jeher begleiten.

All das fließt in seine Filme ein. Für seine Szenerien, Themen und Figuren schöpft Ingmar Bergman vor allem aus sich selbst. und leuchtet mit der Kamera die dunkelsten Winkel aus.Er bricht damit Sichtweisen, bürgerliche Tabus und schafft eine provozierend neue Bildsprache, die das Kino revolutioniert. „Er war so furchtlos, so furchtlos“, sagt die Schauspielerin Holly Hunter am Ende des Films.

Intime Einblicke in das Leben Bergmans

„Er ging mit der Kamera bis in die intimsten Winkel.“ Jane Magnusson folgt dem Weg dieses schöpferischen Ausnahmetalents ausgehend von 1957, als Bergman mit dem enormen Erfolg von „Das siebente Siegel“ absolute Freiheit als Filmemacher gewinnt.

Sie folgt seiner Entwicklung, seinen Affären, seinem beinahe maßlosen Wirken, seiner Wirkung auf Frauen, Kollegen, Konkurrenten. Es ist ein – ja – bewundernder und desillusionierender Blick, einer, der nicht darüber hinwegsieht, was dieses unerschöpfliche Wirken, diese einzigartige Karriere ihn selbst und andere gekostet hat.

Die Filmemacherin kratzt am Idol. Das mag nicht überall ankommen, macht aber sehr viel Spaß, vor allem, wenn sie dabei nicht nur so behutsam zu Wege geht wie in ihrem Dokumentarfilm, sondern auch mal zum filmischen Eispickel greift wie bei ihrem Beitrag zu „Bergman Revisited“ (2018). Die Kurzfilmkompilation ist ein Gemeinschaftswerk von sechs schwedischen Filmschaffenden, darunter Pernilla August, Patrik Eklund und Linus Tunström, die in sechs zehnminütigen Kurzfilmen ihre Sichtweisen auf Ingmar Bergman ins Bild gesetzt haben.

Jane Magnusson hat ihren Beitrag mit Koregisseur Hynek Pallas als Animationsfilm inszeniert – eine kleine, böse Satire über Bergman als Frauenverschleißer. Sie dürfte dem am Ende unantastbaren König des Kinos nicht gefallen haben.

Regine Ley

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