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Kultur im Norden Die „Deutschen Werte“ des KP Brehmer
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17:15 27.03.2019
KP Brehmer: Briefmarkenauswahl Sozialistische Staaten
KP Brehmer: Briefmarkenauswahl Sozialistische Staaten Quelle: hfr
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Hamburg

Es gab einst eine KP der Sowjetunion, eine KP Italiens, sogar eine stalinistische KPD im ersten Deutschen Bundestag. Und es gab einen KP Brehmer. Der akademisch gebildete und als Hochschullehrer in Hamburg tätige Künstler hieß mit Vornamen eigentlich Klaus Peter. „Die Verkürzung seines Vornamens nutzte er als Referenz an die Kommunistische Partei“, geben die Kuratorinnen der Ausstellung „Korrektur der Nationalfarben“ in der Hamburger Kunsthalle, Petra Roettig und Josephine Karg, zu Protokoll.

Kapitalistischer Realismus

Die Bezugnahme sollte ironisch verstanden werden, sie entsprach dem Humor der 1960er Jahre. KP war nie in einer Partei, schon gar nicht in einer kommunistischen. Allerdings: Die Kunst von Professor Brehmer (1938–1997) sollte nicht nur witzig, vor allem sollte sie politisch sein. Er prägte seit Mitte der 1960er Jahre zusammen mit Sigmar Polke, Gerhard Richter und Wolf Vostell den sogenannten „Kapitalistischen Realismus“.

Deutschlandflagge neu kodiert

Brehmers Beitrag zu dieser Schule, die mit ihrem Namen den ideologisch bestimmten Sozialistischen Realismus der Ostblock-Staaten verhöhnte, waren vor allem Drucke, wie Grafiken anmutende Ölgemälde und Objekte. Sein prominentestes Artefakt ist die Deutschlandflagge, die der Ausstellung den Namen gibt, sie verrät viel über die ästhetische Auffassung des Künstlers: Brehmer hat die Farben neu kodiert, sie stellen eine Statistik der Vermögensverteilung in der alten Bundesrepublik dar — Gold steht für das Großkapital, Schwarz für den Mittelstand und Rot für die restlichen Haushalte. Der schwarze Steifen wird somit zum Trauerrand degradiert, vom roten ist eine schmale Linie darunter übrig geblieben, der güldene nimmt 90 Prozent der Fahnenfläche ein.

Kunst muss unter die Leute

Brehmer hisste seine korrigierte Nationalflagge 1972 bei der Documenta vor dem Kasseler Fridricianum, zurzeit weht sie dreifach vor der Hamburger Kunsthalle. Er schickte sie aber auch auf gewissermaßen feindliches Terrain: Gedruckt auf PVC-Folie lag sie in großer Auflage der Wirtschaftszeitschrift „Capital“ bei. „Es war ihm immer wichtig, dass seine Kunst unter die Leute kommt“, sagt Kuratorin Petra Roettig – und dass sie verstanden werde. Brehmers künstlerischer Ansatz sei gewesen: „Wie kann ich gesellschaftliche Phänomene in Bilder übertragen.“ Er bediente sich der „ideologischen Kleptomanie“, klaute alltägliche Bildmotive, Werbung und „Trivialgrafiken“, das hatte die Pop-Art aus den USA vorgemacht. Briefmarken, die er als „Inbegriff bürgerlicher Sammelleidenschaft“ sah, vergrößerte er auf Handtuchformat, gestaltete mit ihnen auch wandfüllenden Alben. Doch unter reale Motive wie das Brandenburger Tor (auf der 20-Pfennig-Marke) der Deutschen Bundespost schmuggelte er auch ein Ernst-Thälmann-Konterfei. Stichwort: „Deutsche Werte“. Eine Lenin-Marke schob er der französischen Post unter.

Überprüfung des Landes auf die „Braunwerte“

Farbuntersuchungen waren Brehmers Leidenschaft, auch sie verstand er politisch. Er prüfte zeitgenössische Zeitungen und Zeitschriften auf ihre „Braunwerte“, also ihre Nazi-Restanteile. Im bunten Testbild des Fernsehens entdeckte er Hakenkreuze und zeichnete sie auf. Mit Farbskalen versuchte er politische Tendenzen darzustellen – die Parteipräferenzen der Bundesrepublikaner mischen sich oft zu einem erstaunlichen Braun, immer ist das Ergebnis aber auch ein abstraktes Bild, das nur entfernt an Schautafeln erinnert. Dasselbe gilt für seine „Farbgeografien“, Landkarten, die das Investitionsklima oder die Verteilung von Haarfarben in einem Gebiet wiedergeben sollen. Solche scheinbar objektiven und quasi wissenschaftlichen Darstellungen führt Brehmer mit Akribie ad absurdum.

Musik wird zu Bildern

Es gibt in der Ausstellung, die das gesamte Untergeschoss des Ungers-Baus einnimmt, auch einen Raum, in dem sich die Malerei an der Musik rächt: Hatte Modest Mussorgsky 1874 die zehn „Bilder einer Ausstellung“ des Malers Viktor Hartmann vertont, so machte Brehmer 1975 aus der Musik wieder Bilder. Die Themen der zehn Mussorgsky-Sätze und die „Promenaden“ dazwischen hat er elektronisch in „Sonogramme“ verwandelt und als Ölgemälde wiedergegeben. Man kann nun beides, die Klavierstücke und die gemalten Sonogramme, abschreiten.

Tagebuchfilme auf 12 Monitoren

Brehmer hat sich nicht mit der Bildenden Kunst begnügt, er war auch ein phantasievoller Filmer. Es sind „Tagebuchfilme“ des Künstlers auf zwölf Monitoren zu sehen, in denen er sein „subjektives Befinden“ aufgezeichnet hat. In regelmäßigen Abständen habe er anhand dieser Videos kontrolliert, wie es ihm ging, und das Empfundene in Diagrammform aufgezeichnet. Er muss oft Chaos im Kopf gehabt haben.

Kurzfilme aus Berlin

Weniger wirr sind die schwarzweißen Kurzfilme, die in einem weiteren Raum zu sehen sind. Schauplatz ist Berlin. Hier lässt er die Kamera nach vorgegebenen Mustern durch Straßen fahren oder nimmt die geschichtsträchtigen Orte ins Visier. Auch dabei ist Brehmers Anliegen zu erkennen, seine Gegenwart, den Alltag und die nicht sichtbaren politischen Verhältnisse in Bildern zu fassen und zu analysiere. Ein Zitat des Künstlers aus dem Jahr 1976 verdeutlicht seine Mission: „Ich sehe in der Kunst, neben der Wissenschaft und der Philosophie, ein Instrument zur Aneignung von Wirklichkeit.“ Man kann mit KP Brehmers Bildwerk auch heute noch Erkenntnisse über unser Dasein gewinnen, das lehrt die Ausstellung.

Die Ausstellung „KP Brehmer: Korrektur der Nationalfarben“ ist bis zum 23. Juni in der Hamburger Kunsthalle zu sehen. Sie wird heute Abend um 19 Uhr eröffnet. Von Juli bis Oktober wird die Ausstellung im Gemeentemuseum Den Haag gezeigt, danach im Museum Arter in Istanbul. Die Kuratoren sind der Ansicht, dass der Titel „Korrektur der Nationalfarben“ in der Türkei zu Problemen führen könnte, deshalb wird die Schau dort (und auch in den Niederlanden) als „Kunst ≠ Propaganda“ (Kunst ungleich Propaganda) bezeichnet. Die Suche nach einem geeigneten Titel wird im Katalog ausführlich dokumentiert.

Der 232 Seiten starke Katalog ist im Verlag Kœnig Books London auf deutsch, englisch und türkisch erschienxen. Er kostet 29 Euro.

Michael Berger