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Kultur im Norden Tattoo-Künster Herbert Hoffmann: Nackte Tatsachen in Lübeck
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10:30 01.02.2019
Die Overbeck-Gesellschaft zeigt Fotografien des Tattookünstlers Herbert Hoffmann. Quelle: AP
Lübeck

Ein Bein auf einem Stuhl aufgestellt, die Hände in den Hüften und das Kinn erhoben. Seinen ganzen Körper zieren feine Muster aus blauer Tinte, die unter die Haut gestochen wurden. Selbstbewusst schaut der Mann in die Kamera, zeigt sich völlig entblößt dem Fotografen. Hinter der Kamera stand Herbert Hoffmann. Während heute jeder Musiker oder Sportler seinen buntgestochenen Körper auf Instagram zeigt, entstanden Hoffmanns Bilder vor mehr als 65 Jahren. Hoffmann, legendärer Tätowierer aus Hamburg, hat viele seiner Kunden nicht nur mit Nadel und Tinte verziert, sondern auch auf Film festgehalten.

Älteste Tätowierstube Deutschlands

Rund 170 seiner Schwarz-Weiß-Fotos von 1953 bis 1973 sind von Sonntag an in der Ausstellung „Herbert Hoffmann – Es juckt schon wieder unterm Fell“ bei der Overbeck-Gesellschaft zu sehen. Darunter sind 59 großformatige Bilder im sechs mal sechs Mittelformat, die die weißen Wände der Overbeck-Gesellschaft schmücken. Der Rest sind kleinere Fotos und Karteikarten.

Er war eine Legende in der Szene: Jetzt zeigt die Overbeck Gesellschaft Fotografien, die der Tätowierer Herbert Hoffmann von seinen Kunden aufgenommen hat.

Der 1919 im damaligen Pommern geborene und in Berlin aufgewachsene Herbert Hoffmann geriet im zweiten Weltkrieg in russische Kriegsgefangenenschaft und traf dort auf einen tätowierten baltischen Soldaten, der in ihm die Faszination für diese Art von Körperkunst weckte. Der Schritt, selbst zu tätowieren, war dann klein. Sein Handwerk lernte Herbert Hoffmann unter anderem bei Christian Warlich, Tatovør Ole und Albert Cornelissen. Pläne, ein eigenes Studio in Düsseldorf zu eröffnen, scheiterten erst. 1961 kaufte Hoffmann das Tätowiergeschäft von Paul Holzhaus in St. Pauli und gewann mit seiner „Ältesten Tätowierstube in Deutschland“ über die Landesgrenzen Berühmtheit.

Seine Faszination für die unauslöschliche Kunst veranlasste Hoffmann, seine Bekanntschaften zu fotografieren. Alte Männer, die völlig nackt vor der Kamera posieren und ihre Tattoos zeigen, genau wie junge Matrosen oder Frauen im mittleren Alter. Allen ist eines gemein: Sie sind stolz auf ihre Körper. Die Bilder sammelte der Tätowierer in einem umfangreichen Archiv. Über 5000 Bilder kamen so insgesamt zusammen. Manche der von ihm tätowierten Menschen fotografierte Hoffmann mehrmals. Sobald ein neues Tattoo dazukam, holte er sie wieder vor die Linse. „Ihn haben die Menschen unglaublich interessiert, was sie geprägt hat oder welche Wünsche sie hatten“, sagt Dr. Oliver Zybok, Direktor der Overbeck-Gesellschaft. Diese G

Kunst, die unter die Haut geht

Eröffnet wird die Ausstellung über den Hamburger Tattoo-Künstler Herbert Hoffmann (1919-2010) am Sonntag, 3. Februar, um 17 Uhr mit einer Einführung von Oliver Zybok in den Räumen der Overbeck-Gesellschaft, Königstraße 11, Behnhausgarten. Zu sehen sind die Fotos bis zum 17. März immer dienstags bis sonntags, jeweils von 11 bis 17 Uhr. Insgesamt 170 Werke –Fotos und Texte aus der Hand von Herbert Hoffmann – umfasst die Ausstellung. Am 17. Februar und 17. März findet jeweils um 15 Uhr „Im Kontext – ein Gespräch über Kunst“ als Rahmenprogramm statt.

edanken notierte Hoffmann auf Karteikarten, die Teil der Ausstellung sind.

„Manche Fotos entstanden in seinem Tattoo-Studio, andere bei den Leute zu Hause“, sagt Dr. Oliver Zybok. So kam ein Fundus an Geschichten und Fotos zusammen, der einen umfangreichen Blick in eine Szene erlaubt, die für die meisten Menschen lange Zeit eher anrüchig war. Seeleute, Bergarbeiter, Mitglieder der Hamburger Schwulenszene der 1960er Jahre, aber auch Mittelstandsbürger legten sich bei Herbert Hoffmann unter die Tätowiermaschine, ließen sich den Körper bebildern und hinterher fotografieren.

„Ein liebenswürdiger Mensch, aber auch streitsüchtig“

Zybok hat die Ausstellung, die bereits im vergangenen Jahr im schweizerischen St. Gallen – der späten Wahlheimat von Hoffmann – zu sehen war, erstmals nach Deutschland geholt. Für ihn eine Herzensangelegenheit, lernte er den Künstler kurz vor seinem Tod 2010 noch persönlich kennen. „Er war ein liebenswerter Mensch, der aber auch streitsüchtig werden konnte und sich selbst aber nie als Künstler gesehen hat“, sagt Zybok. Er konnte den Vorstand der Overbeck-Gesellschaft sofort für das Thema begeistern. „Es ist gleichzeitig akuell und historisch“, sagt Oliver Zybok.

Majka Gerke