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Kultur im Norden Die andere Seite des Markus Lüpertz
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20:10 19.06.2013
Von Jürgen Feldhoff
Ein David mit Stahlhelmen: Markus Lüpertz‘ Werk besitzt ein festen Vokabular von Bild-Themen.
Lübeck

Auch bildende Künstler haben eine Sprache. Und wie eine gesprochene oder geschriebene Sprache aus Wörtern besteht, besteht eine Bildsprache aus Zeichen, Farben und Formen.

Bei Markus Lüpertz gehören zum Beispiel Stahlhelm und Waffenrock zum Vokabular. In den Hochzeiten der radikalen Abstraktion, als Realismus schon fast als bürgerlich-faschistoide Konterrevolution galt, konnte Lüpertz mit diesem Krieger-Equipment sogar noch provozieren. Das funktioniert heute nicht mehr. Aber das ändert auch nichts daran, dass Lüpertz‘ Stahlhelme ästhetischen Rang haben. In der Ausstellung „Unruhe im Olymp“ hat der Künstler seine Helme in den Themenbereich „Tod“ eingefügt, zusammen mit einem kolossalen Gips-David und einem an die Wand geschriebenen Gedicht über das Ende des Lebens. Dieses Gedicht — verziert mit einigen lässigen Handzeichnungen — ist orientiert an Hölderlin und Rilke. Epigonal ist es aber dennoch nicht, und das macht den Reiz dieses Textes aus.

Markus Lüpertz ist oft Größenwahn vorgeworfen worden, und in der Tat ist vieles in seinem Werk gleich mehrere Nummern zu groß, zu bombastisch und manchmal wohl auch zu banal. Hier bietet die Ausstellung im Grass-Haus einen wohltuenden Gegenpol. Man hat sich auf kleine Formate beschränkt, in denen man die malerische und zeichnerische Kompetenz von Lüpertz viel besser erkennen kann als in den meisten Groß-Gemälden. Die malerische Bewegung und der Hang zum Gigantismus ist zwar auch in den kleinen Bildern deutlich zu bemerken, aber viel weniger penetrant.

Die Skulpturen im Raum sind sehr geschickt aufgestellt. Keine einzige Bronze ist dabei, nur Gips-Güsse sind zu sehen. Deren Kolorierung korrespondiert mit den Wandfarben — als wären die Plastiken für diesen Raum geschaffen worden. Erstaunlich ist auch, wie relativ leer die eigentlich kleine Ausstellungsfläche trotz der großen Kunst wirkt, die in vier thematische Kreise eingeteilt ist. Jeder ist mit Skulpturen, einem Gedicht und Zeichnungen oder Grafiken versehen. Es geht um Krieg, Liebe, Tod und Kunst, die wichtigen Dinge des Lebens also. Und über diese Dinge sinniert Lüpertz in einer poetischen und unaufdringlichen Art und Weise, die man nicht oft findet, am ehesten noch vielleicht bei Anselm Kiefer. Aber Lüpertz‘ Werk braucht keine Vergleiche, er muss sich nicht in Schubladen pressen lassen. Und es trifft ihn auch nicht wirklich, wenn ein Kritiker ihn den „Liberace der heftigen Malerei“ nennt (was unter anderem daran liegt, dass kaum noch jemand weiß, wer Liberace war).

Lüpertz, dieser begnadete Selbstdarsteller und praktizierende Macho-Dandy, tritt in dieser Ausstellung hinter seine Kunst zurück. Das geschieht sicherlich nicht sehr häufig, es passt wohl auch nicht ganz zum Selbstverständnis des Malerfürsten. Aber es tut der Kunst gut, und die hat im Mittelpunkt zu stehen. Die Gedichte, Zeichnungen und Skulpturen dieser Kabinettausstellung, die eigentlich jedes Kabinett sprengen müssten und es doch nicht tun, diese Werke zeigen, mit welchem Ernst Markus Lüpertz Kunst betreibt. Und nicht nur Künstlichkeit.

Die Ausstellung wird heute um 19.30 Uhr im Theater Lübeck eröffnet.

Aus der Fremdenlegion an die Kunstakademie
Markus Lüpertz wurde am 25. April 1941 in Reichenberg (Böhmen) geboren. 1948 flüchtete seine Familie nach Rheydt im Rheinland. Nach einer Ausbildung an der Werkkunstschule Krefeld ging Lüpertz in die Fremdenlegion, desertierte aber bereits nach wenigen Monaten wieder. 1962 zog er nach West-Berlin, wo er sich ausgiebig in der Boheme bewegte. 1974 wurde Lüpertz Professor an der Akademie in Karlsruhe, in dieser Position blieb er bis zu seinem Wechsel nach Düsseldorf 1986. 1988 wurde er zum Rektor der Akademie berufen, in den mehr als 20 Jahren seiner Amtszeit berief er Kollegen wie Rosemarie Trockel, Jörg Immendorff und A. R. Penck an die Hochschule.

Neben seiner Tätigkeit als Maler und Bildhauer hat Markus Lüpertz seit den 1980er Jahren Gedichte veröffentlicht, zudem widmet er sich dem Free-Jazz. Lüpertz fungiert auch als Herausgeber der Zeitschrift „Frau und Hund“. Unter Kritikern ist Lüpertz, der ein begnadeter Selbstdarsteller ist und sich konsequent als Dandy inszeniert, umstritten. Die Urteile reichen von Kitsch bis zu höchstem Lob.

Begleitprogramm
Am 19. Juli, 29. August und am 31. Oktober gibt es jeweils um 19 Uhr Abendführungen durch die Ausstellung mit Uschi Häckermann. Die Teilnahme kostet 10 Euro einschließlich eines Getränks.

Am 6. Juli und am 3. August, jeweils um 11 Uhr, bietet das Museum Führungen mit anschließendem Brunch im Museumscafé in der Königstraße an. Hier kostet die Teilnahme 18 Euro.

Exklusiv zur Ausstellung bietet das Grass-Haus eine Sonderedition mit Grafiken von Markus Lüpertz an. Eine Kaltnadelradierung mit dem Titel „Odysseus“ (Auflage 35 Exemplare) kostet bis zum 4. August 1290 Euro, danach 1490 Euro.

Ein Holzschnitt in vier Farbvarianten ebenfalls zum Thema „Odysseus“ kostet bis zum 4. August 890 Euro, danach 1100 Euro. Beide Blätter sind in der Ausstellung zu sehen. Der Erlös fließt dem Freundeskreis des Günter-Grass-Hauses zu.

Die Ausstellung ist bis zum 10. November zu sehen, Öffnungszeiten täglich 10 bis 17 Uhr. Der Eintritt kostet 9 Euro.

Jürgen Feldhoff

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