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Kultur im Norden Irgendwas ist ja immer
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15:23 23.11.2018
„Das ist der Nachteil, der dadurch entsteht, dass noch andere Menschen da sind“: Dieter Nuhr über den Kompromiss. Quelle: Agentur 54°
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Lübeck

In der ausverkauften Musik- und Kongresshalle rückt der vielfach ausgezeichnete Kabarettist Dieter Nuhr mit seinem Programm „Nuhr hier, nur heute“ den Deutschen die Köpfe zurecht. Statt Hysterie, Opferhaltung und Innovationsfeindlichkeit legt er der deutschen Befindlichkeit mehr Wertschätzung für das Erreichte nahe. Was eine klare Haltung gegenüber Rechtsextremismus und Islamismus geradezu beinhaltet.

Schönreden wolle er gar nichts, stellt er klar. Und zu kritisieren gebe es genug. Anderes wäre auch zu überraschend gewesen, immerhin kann Dieter Nuhr auf 30 Jahre Bühnenerfahrung als Kabarettist zurückblicken, „der Punkt, an dem man sich mal Gedanken macht“. Seine Jubiläumstour stellte er unter das Motto einer Mahnung: Schaut euch um, wie gut ihr es habt. Hier und heute wolle er leben, bekennt der 58-Jährige dankbar. Und räumt schonungslos mit der „Früher-war-alles-besser-Nostalgie“ des rechten Lagers auf. Welche Zeit von einst es denn wert sei, wiederbelebt zu werden? Die der Weltkriege? Die Jahre des Nazi-Regime? Die Depression, die Industrialisierung? Um archaisch und naturverbunden als Bauer auf der eigenen Scholle schuftend, mit 23 Jahren an einem eitrigen Weisheitszahn zu krepieren? Oder auch nur, mühsam mit zwei Briketts das Badewasser anzuheizen und als Letzter der Familie in das gebrauchte Badewasser zu steigen? Auf diese Kindheitserfahrung könne er zukünftig verzichten.

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Wir haben es heute einfach gemütlicher. Dass wir uns darin einrichten, lässt Nuhr aber nicht zu; er zeigt unter Applaus klare Kante gegen politische und religiöse Fanatiker. Man könne durchaus gegen Islamismus und Rassismus sein, „das muss man sogar“. Dabei gehe es jedoch weder um rechte noch um linke Positionen, sondern diese Haltung sei einfach normal.

Und überhaupt – Normalität sei immer noch das, was die tägliche Erlebniswelt der meisten von uns ausmache. Ganz gleich, welche Ausnahmezustände mediale Bilder auch vermitteln oder auf welcher Hysteriewelle die Deutschen gerade schwimmen, von Feinstaub über Sexismus und Pisa-Studien bis zum Mobbing – „früher haben wir es Hänseln genannt“. Nuhr deckt die Schizophrenie der öffentlichen Reaktion auf, gleichsam die „Quadratur der Raute“. So hätte Merkel die Fremden gleichzeitig herein und draußen lassen sollen, „das ist schwer“. Und immer dieses Nörgeln und Quengeln, auch über die vielen Kompromisse in der Politik: „Das ist der Nachteil, der dadurch entsteht, dass noch andere Menschen da sind.“ Eine Eigenschaft der Zivilisation und somit ein Zustand, den er gern erhalten würde. Was aber zunehmend schwierig wird. Denn früher stand „der klassische Bekloppte“ an der Theke und sprach in sein Glas – mit exakt einem Follower, dem Wirt. Heute gebe es das Internet und somit Netzwerke.

Dort hatte Nuhr gerade für Aufregung gesorgt mit einem extrem ungeschickt gemachten Trailer, den die ARD gesendet hatte, ausgerechnet vor dem Jahrestag der Pogromnacht: „Man sagt ja immer: Der 9. November, das ist ein wichtiger Tag in der deutschen Geschichte. Der wichtigere Tag ist aber eigentlich der 8. November, denn da kommt wieder ‚Nuhr im Ersten‘.“ Der Künstler entschuldigte sich, zeigte in der MuK aber auch, dass ihn Pauschalisierungen in der darauf folgenden Kritik nervten.

Es gab viel Zwischenapplaus für den Kabarettisten, ausgezeichnet unter anderem mit dem Deutschen Kleinkunstpreis, dem Deutschen Comedy- und dem Jacob-Grimme-Preis. Das Publikum „mit einer unglaublich niedrigen Idiotendichte“ honorierte stets seine Bekenntnisse gegen jegliche Form von Extremismus. Nuhrs einleitendes Statement, dass die Welt noch nie besser gewesen sei als heute, wurde allerdings mit verblüfftem Schweigen hingenommen. Touché!

Margitta True

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