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Kultur im Norden Doris Salcedo: „Der Schmerz ist ein Teil von mir“
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Doris Salcedo: „Der Schmerz ist ein Teil von mir“
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08:00 10.09.2019
Die kolumbianische Künstlerin Doris Salcedo setzt sich mit den Themen Gewalt und deren Folgen auseinander – lässt sich aber ihre optimistische Sicht auf die Welt nicht nehmen. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Die kolumbianische Künstlerin hat ihre Installationen bereits in der Tate Modern in London und im Guggenheim Museum in New York ausgestellt. Ihre erste Einzelausstellung in Deutschland ist derzeit in der Lübecker Kunsthalle St. Annen zu sehen. Anlass war die Verleihung des Internationalen Kunstpreises des Possehl-Stiftung an sie. Wir haben den Weltstar zum Interview getroffen.

Frau Salcedo, was haben Sie getan, als Sie die Nachricht vom Kunstpreis bekamen. Erst mal Lübeck gegoogelt?

Nein, ich kannte Lübeck als Heimat von Thomas Mann und Günter Grass. Mir war klar, dass Lübeck eine Stadt ist, die sich um Kunst und Kultur kümmert. Ich habe mich sehr gefreut, dass ich hier meine Werke ausstellen darf.

Posehl-Preis: 25 000 Euro für die Kunst

2019 wird zum ersten Mal der Possehl-Preis für Internationale Kunst vergeben. Mit dem Preis werden alle drei Jahre lebende Künstlerinnen und Künstler mit nationalem und internationalem Renommee für ihr Lebenswerk oder eine herausragende Arbeit beziehungsweise Werkgruppe ausgezeichnet. Für die Würdigung stehen eine außerordentliche künstlerische Auseinandersetzung und eine mindestens über ein Jahrzehnt hinaus andauernde kontinuierliche Leistung im Vordergrund, die eine besondere Anerkennung verdienen. Der Preis wird innerhalb der Sparten Skulptur, Installation, Neue Medien und Performance sowie Formen des künstlerischen Aktionismus vergeben. Intermediale Bezüge vielfältiger künstlerischer Ausdrucksformen im Gesamtwerk werden verstärkt bei einer Preisvergabe berücksichtigt. Die Auszeichnung umfasst ein Preisgeld von 25.000 Euro sowie die Ausrichtung einer Ausstellung in der Kunsthalle St. Annen.

Weitere Informationen unter: www.possehl-stiftung.de/stiftung/preise/kunstpreis.html

Gewalt und deren Folgen sind Ihre großen Themen. Warum?

Das Thema Gewalt ist allgegenwärtig ist der Welt, nicht nur für mich, die ich aus Kolumbien komme. Gewalt findet überall statt, manchmal gegen Migranten, manchmal werden Zivilisten angegriffen.

Sie haben mit Opfern von Vergewaltigungen gesprochen und symbolhaft für die dauerhaften Verletzungen, die diese Frauen ein Leben lang in sich tragen, Holztische in kleine Teile zerlegt und wieder zusammengesetzt. Wie klein waren diese Teile?

Winzig klein. Man kann es sehen, wenn man die Oberfläche genau betrachtet. Es ist ein essenzieller Teil meines Konzeptes und meiner Arbeit, dass es schwierig sein soll, die Objekte herzustellen. Weil es zeigt, wie schwer das Leben ist. Wir Menschen sind Gemeinschaftswesen. Wir brauchen andere Menschen, die sich um uns kümmern. Wir brauchen die Fürsorge und den Schutz von anderen. Und diese ganze Liebe, die wir brauchen, wird bei einem Akt der Gewalt zerstört.

Bis November kann man sich in der Kunsthalle St. Annen in Lübeck mit den Werken von Doris Salcedo auseinandersetzen. Wir haben uns schon mal umgesehen.

Ein riesiges Tuch, zusammengenäht aus unzähligen getrockneten Rosenblättern, erinnert ein eine Frau, die nach brutaler Folter gestorben ist. Wer hat diesen Teppich zusammengenäht?

Etwa 50 Männer und Frauen, die ich für dieses Projekt angestellt habe. sie haben mehrere Jahre daran gearbeitet.

Sie bereiten sich auf jedes Projekt sehr intensiv vor, führen Interviews mit den Opfern der Gewalt, hören viele grauenvolle Dinge. Was macht das mit Ihnen?

Es ist immer sehr schmerzhaft. Wenn man hört, was ein Mitmensch erlebt hat, verletzt einen selbst das auch. Der Schmerz ist ein Teil von mir und es gibt keinen Weg, den zu vermeiden.

Haben sie den Glauben an die Menschheit schon verloren oder gibt es noch Hoffnung?

Wohl beides. Ich bin vor allem optimistisch, weil es viele Dinge gibt, die sich zum Besseren gewendet haben. Zum Beispiel ist es für die meisten von uns inzwischen klar, dass Rassismus inakzeptabel ist. Wir haben uns als Menschen weiterentwickelt. Die Zahl der Hungernden hat abgenommen. Dennoch erfüllt es mich mit großer Sorge, dass man sieht, dass die liberalen Demokratien bröckeln.

Die rechten Parteien erstarken gerade wieder.

Ja, das ist schlimm. Sie verbreiten Pessimismus, Angst und Hass, nur so werden sie stark. Deswegen erlaube ich es mir selbst auch nicht, negativ zu denken. Wir müssen einfach daran glauben, dass Menschen wunderbare Dinge schaffen können. Schauen Sie sich Deutschland an, wie sich das Land entwickelt hat. Es ist eines der liberalsten Länder Europas geworden. Also, wir können uns alle ändern.

Zu sehen bis zum 3. November

Öffnungszeiten: Di-So von 10 bis 17 Uhr

Bis zum 3. Novemberläuft die Ausstellung

Der aufwendig gestaltete Katalogzur Ausstellung kostet 29 Euro

Es gibt ein umfangreiches Rahmenprogramm

Weitere Infos unter www.kunsthalle-st-annen.de

Sie waren drei Wochen in Lübeck. Haben Sie sich einiges anschauen können?

Natürlich habe ich das Buddenbrookhaus und das Grass-Haus gesehen, wundervolle Erfahrungen. Und ich habe ein großartiges Konzert gehört, die Matthäuspassion von Bach.

Wie haben Sie die Stadt erlebt?

Es ist eine schöner und friedlicher Ort, wo man das Leben genießen kann. Die Menschen gehen freundlich und höflich miteinander um, ich nehme nur die besten Erinnerungen mit.

Mehr über die Ausstellung lesen Sie hier

Von Petra Haase