Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Dunja Hayali in Lübeck: „Heimat gehört uns allen“
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Dunja Hayali in Lübeck: „Heimat gehört uns allen“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:40 07.10.2019
Will sich von den Rechtspopulisten den Begriff „Heimat“ nicht nehmen lassen: Moderatorin Dunja Hayali (45) Quelle: dpa
Lübeck

ZDF-Moderatorin Dunja Hayali viel einstecken müssen, weil sich die 45-Jährige ganz offiziell gegen Fremdenfeindlichkeit stellt und ihren Kampf gegen Rassismus auch in den Sozialen Netzwerken führt, wo sie auch beschimpft und bedroht wird. Nun hat Hayali ein sehr persönliches Buch mit dem Titel „Haymatland“ geschrieben, das sie auf einer Lesereise auch in Lübeck vorstellt und offen diskutieren möchte. Zentrales Thema: Was bedeutet Heimat heutzutage?

Frau Hayali, dann sagen Sie mal, wie Sie „Heimat“ definieren. Was bedeutet das für Sie?

Heimat ist etwas Individuelles. Und daher finde ich, dass niemand das Recht hat, einem anderen zu sagen, was Heimat ist und wer dazu gehört. Für mich ist Heimat in allererster Linie der Ort, wo ich geboren wurde. Und das ist Datteln in Nordrhein-Westfalen. Dort lebt meine Familie bis heute. Aber auch Köln, wo ich studiert habe, ist meine Heimat. Genauso wie Berlin, wo ich mittlerweile lebe. Das Geburtsland meiner Eltern, also der Irak, ist Heimat. Und wenn mir jemand sagt, Heimat sei für ihn eine Eckkneipe, ein besonderer Geruch oder einfach nur ein Gefühl, kann ich das nachvollziehen. Für mich ist Heimat überall da, wo ich mich aufgehoben fühle, angekommen bin.

Also, wo das Herz Zuhause ist...

Absolut.

Tut Ihnen die politische Instrumentalisierung des Wortes weh?

Das ist ja nichts Neues – aber es ist schade, dass dieser Begriff dadurch so negativ besetzt ist. Und deshalb sage ich: Wir dürfen uns die ,Heimat’ von den Abendlandverteidigern nicht nehmen und denen die Deutungshoheit darüber lassen. Wir sollten das Wort wieder positiv besetzen.

Es ist schwierig, bei dem Wort zu differenzieren, weil man sich in ein Boot mit Rechtspopulisten begibt, die diesen Begriff ganz anders definieren.

Wie gesagt, ich bin der Meinung: Es gibt keine Deutungshoheit über diesen Begriff. Heimat gehört uns allen. Und ich möchte nicht, dass Nationalisten diesen Begriff als Chiffre für Ausgrenzung, Abgrenzung und Schlimmeres missbrauchen. Da muss man als demokratische Gesellschaft sagen: Nein, Ihr entscheidet nicht, wer dazu gehört und wer nicht. Und wenn der klare Menschenverstand nicht hilft, dann verweist man zur Not auf unsere Gesetze und die größte Errungenschaft unseres Landes: das Grundgesetz. Die Würde des Menschen ist unantastbar – nicht nur die des Deutschen.

Das machen Sie sehr aktiv.

Ja – weil ich denke, dass es auch wirklich etwas zu verteidigen gibt. Wir leben in einem wunderbaren Land und es droht von vielen Seiten Ungemach. Und für mich gehört es für ein friedliches Zusammenleben in einer Gesellschaft dazu, sich zu positionieren. Auch wenn das ungemütlich ist.

Es gibt Stimmen – nehmen wir zum Beispiel in der Auseinandersetzung mit der AfD –, die sagen: Je lauter man gegen die Rechtspopulisten trommelt, desto mehr Aufmerksamkeit und Stärke gewinnen sie. Wie sehen Sie das?

Ist Ignorieren der bessere Weg? Ich würde auch lieber mehr für etwas trommeln, aber wenn sie feststellen, dass sie durch den Rechtsruck ein Trommelfeuer an Hass, Hetze, Morddrohungen erhalten, weil sie sich für Menschenrechte auf Basis unserer Gesetze einsetzen, dann muss man Gesicht zeigen. Ganz unabhängig von der AfD: Wer sich rassistisch äußert, ist auch ein Rassist. Das muss man ganz klar benennen – aber auch ganz klar trennen können von denjenigen, die sich vielleicht nicht ganz so gut ausdrücken können und trotzdem Sorgen und Nöte haben, die sie aussprechen möchten. Das Problem ist halt, dass die Lauten mit ihrem Gebrüll die ernsthaften Sorgen und Nöte übertünchen.

Wie ist da Ihr Ansatz?

Ich bin die Letzte, die pauschal und undifferenziert auf andere zeigt und ihnen das Wort abspricht. Ich versuche lieber herauszufinden, wo das Gegenüber steht und wie es zu einer bestimmten Haltung kommt. Gruppen in Sippenhaft zu nehmen, lehne ich ab. Alle Flüchtlinge sind Messerstecher, alle Polen Autodiebe, alle Ostdeutschen Nazis? Was für ein Quatsch! Und so sehe ich das auch im Hinblick auf Parteien und ihre Wähler.

Christlich, irakisch, offen!

Die 1974 in Datteln geborene Tochter christlich-irakischer Eltern moderiert neben dem ZDF Morgenmagazin“seit 2015 ihr eigenes Talk-Magazin „dunja hayali“ und seit 2018 auch das ZDF Sportstudio“.

Hayali istkatholisch aufgewachsen. Sie , war in ihrer Jugend auch Messdienerin, ist aber später aus der Kirche ausgetreten.

Hayali nicht nur Unterstützerin des Vereins „Gesicht Zeigen!“, sondern zudem auch Botschafterin der Initiative „Respekt! Kein Platz für Rassismus“.

Auf ihrem Facebook-Kanal gibt sie regelmäßig Einblick in ihr Leben wie auch ihr Engagement und ihre Gedanken zum Thema Rassismus.

2018 wurde Hayali für ihr Engagement das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.

2008 outete Hayali, dass sie in einer Beziehung mit einer Sängerin lebt. Heute ist sie offiziell Single, liebt vor allem die Natur, Sport, Bewegung und ihre Labradorhündin Wilma.

Sprechen Sie mit der AfD?

Natürlich. Die AfD sitzt im Bundestag und ist die größte Oppositionspartei. Da kann ich als Journalistin eines öffentlich-rechtlichen Senders nicht sagen, ich ignoriere diese Partei. Es würde dann auch bedeuten, dass man all die Bürger ignoriert, die in der AfD ihre Vertreter sehen. Auch wenn ich mich frage, für was eigentlich, denn: Bei vielen Themengebieten zieht die Partei immer noch blank. Aber gut, auch das gehört zur Meinungsfreiheit dazu.

Warum wählen so viele Menschen die AfD?

In der Analyse gibt es die Protestwähler, denen Parteiinhalte und Parteifunktionäre egal sind – was ich bedenklich finde. Und dann gibt es die, die die AfD trotz oder genau wegen ihrer menschenfeindlichen Aussagen wählen. Das abzuwägen und zu untersuchen, gehört zu einem vernünftigen Diskurs dazu. Andere sehen das anders und sagen, so schaffen sich die Toleranten selbst ab. Auch diese Töne nehme ich ernst und hinterfrage mich und meine Position laufend.

Ist die AfD in ihren Augen eine Protestpartei oder eine rassistische Partei?

Diese Frage ist mir zu pauschal. Es gibt Rassisten in der AfD, keine Frage. Es gibt Antisemiten, Homophobe und Islamophobe in der Partei – auch keine Frage. Aber pauschal zu sagen, dass sind alles Neo-Nazis, ist mir zu schlicht. Zu verkürzt. Und was würde das lösen oder ändern, wenn wir nun alle sagen: die AfD ist eine rassistische Partei? Solange der Verfassungsschutz das anders sieht, bringt das gar nix.

Sie diskutieren viel in den Sozialen Netzwerken.

Und da zeigt sich immer wieder, dass das Interesse an einem echten Gespräch oft nicht vorhanden ist, weil viele, insbesondere AfD-Wähler, Widerspruch nicht ertragen können. Dann heißt es sofort, es gebe keine Meinungsfreiheit und man würde sie in die Nazi-Ecke stellen.

Wenig konstruktiv . . .

Ich finde dieses „Mimimi, Sie stellen mich in die Nazi-Ecke“ irre langweilig und demaskierend. Zudem erstickt es jedes Gespräch. Wer nur diskutiert und sendet, um Recht zu bekommen, und nicht auch mal empfängt, der muss mit seinem Spiegelbild sprechen.

Woher nehmen Sie sich die Kraft, den Menschen täglich auf Diskussionsebene die Hand zu reichen?

Ich sage nicht, dass mir das leicht fällt und ich gehe da auch über meine Grenzen – aber ich möchte einfach nicht bei Diskriminierung und Ausgrenzung zuschauen und mir später vorwerfen müssen, nichts getan zu haben. Ich habe mein Buch zum Beispiel geschrieben, um aufzurütteln und Mut zu machen – und bei den Lesungen mit den Gästen offen darüber diskutieren, damit wir uns gemeinsam austauschen können. Denn das ist mein zentrales Thema: Austausch. Jeder vom uns lebt in einer eigenen Blase, ich versuche meine, so oft es geht, zu durchstechen und durchlässig zu sein für andere – auch andere Meinungen.

Erleben Sie Alltagsrassismus?

Mittlerweile schon und ich höre das ja auch permanent von anderen Menschen, egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Das Spektrum der Attacken ist breit. Es geht von Anfeindungen auf der Straße bis hin zu Glaubensanhängern, denen zum Beispiel die Kippa vom Kopf gerissen wird. Darüber müssen wir sprechen.

Was glauben Sie, kann man als Einzelner tun?

Jeden so behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte. Ich denke, dass man erst einmal bei sich selbst anfangen und zulassen muss, dass es auch andere Meinungen gibt! Jeder glaubt, er sei im Recht und hört dem Anderen nicht mehr zu. Dabei sollte man einfach mal versuchen, das Gegenüber zu verstehen, solange es sich im demokratischen Spektrum bewegt. Man sollte sich Diskussionen stellen und eher für anstatt prinzipiell gegen etwas zu sein. Damit kann man schon im näheren Umfeld anfangen, im Freundeskreis oder in der Nachbarschaft - und seinen Teil zu einer Gemeinschaft beitragen. Nur auf dem Sofa sitzen und meckern bringt nichts. Wir sollten wertschätzen, dass wir in einem demokratischen Land mit Meinungs- und Parteipluralität leben dürfen.

Was wünschen Sie sich?

Dass wir diese Pluralität erhalten – und mehr Gesicht zeigen für Menschen, die Unterstützung und Hilfe brauchen. Ich wünsche mir mehr Offenheit und Diskurs, Ehrlichkeit, Empathie und Anstand.

Am Mittwoch, 27. November, liest Dunja Hayali um 20 Uhr in der MuK aus ihrem Buch „Haymatland. Karten für die Veranstaltung gibt es im Vorverkauf für 29,85 € bei allen bekannten LN-Geschäftsstellen.

Von Schabnam Tafazoli

Der Sänger machte auf seiner „Musik an. Welt aus. Orchestertour 2019“ Station in der Lübecker Musik- und Kongresshalle und begeisterte sein Publikum vom ersten Moment.

07.10.2019

Nach zwölf Jahren gastiert der US-Superstar am 13. Oktober wieder einmal in Hamburg. Es gibt noch Karten.

07.10.2019

Als „Nedderdütsche Speeldeel to Lübeck“ wurde die Bühne im Herbst 1919 ins Leben gerufen, wir erinnern an die erfolgreiche Geschichte der Niederdeutschen Bühne Lübeck.

07.10.2019