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Kultur im Norden Ein freier Radikaler – Künstlergespräch mit Jonathan Meese
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17:02 03.06.2019
„Ich bin kein Rebell“: Jonathan Meese (M.) mit Oliver Zybok und Antje-Britt Mählmann. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Lübeck

Essen, Freunde treffen, Fernsehen, Schlafen – der Alltag von Jonathan Meese birgt keine Sensationen. Den hat man in der Regel auch zu Hause. In der Kunst aber sieht es anders aus. Da gelten andere Gesetze. Da wird es radikal.

Noch bis August

Vier Ausstellungen und eine Performance umfasst Jonathan Meeses Lübecker Projekt „Dr. Zuhause: K.U.N.S.T. (Erzliebe)“. Die Aktionen in der Petrikirche und der Gollan-Werft sind schon beendet. In der Overbeck-Gesellschaft ist die Schau noch bis zum 9. Juni zu sehen, in der Kunsthalle St. Annen und dem Günter-Grass-Haus bis zum 4. August.

Der Mann, der seit Februar Lübeck mit seiner Kunst bespielt, hat davon am Sonntag (2. Juni) erzählt. In der Kunsthalle St. Annen in einem Gespräch mit deren Leitender Kuratorin Antje-Britt Mählmann und dem Direktor der Overbeck-Gesellschaft Oliver Zybok. Wie seine Arbeit, so wurde auch dieser Nachmittag zum Kampf um Selbstbestimmung, zu einem erneuten vehementen Plädoyer für Autonomie und den eigenen Kopf.

Jonathan Meese hält nichts von der Masse. Deren Macht ist ihm verdächtig. Da ist ihm zu viel Mitläufertum im Spiel, und Mitläufer sind seine Sache nicht. Der erste Schritt hin zur Herde ist für ihn der zum Verrat und zur Denunziation. Demokratie als geistige Lebensform und Endpunkt der Geschichte ist ihm eine schreckliche Vorstellung. Wenn sie als die beste aller schlechten Regierungsformen verkauft werde, dann sei ihm das einfach zu wenig, sagte er. Demokratie sei Menschenwerk und daher zu ändern. In Königszeiten habe man die Monarchie auch für ewig gehalten, wieso solle das hier anders sein?

Wahlen führen nicht zur Qualität

Er hat statt dessen die Diktatur der Kunst vor Augen. Ihr solle das Zepter übergeben werden. Und zwar ohne Wahl, weil Wahlen nicht zu Qualität führten, zu nichts von Bestand. Wahre Autoritäten wie die Liebe oder die Sonne seien keine Sache von Mehrheitsentscheidungen, sondern eine Herrschaft aus eigener Kraft.

Auch der Macht der Straße traut er nicht, zumal wenn sie von Kindern und Jugendlichen ausgeht. Er hat die jungen Klimademonstranten nicht ausdrücklich erwähnt, findet es aber abgrundtief traurig, wenn schon Zwölfjährige von Politik erfasst werden, von Ideologie. Man müsse Kind bleiben, immer. So wie es Picasso noch mit mehr als 90 Jahren gewesen sei. Auch die plötzlich politisch gewordenen Youtuber hätten „schon wieder eine Klientel im Kopf“ und seien ihm zuwider.

Kunst und Liebe

Genau wie Parteien, eine wie die andere. Sie bewegten sich auf Nebenkriegsschauplätzen. Wahre Erkenntnis dagegen sei frei von diesen Verirrungen. „Alle Probleme auf diesem Planeten werden durch Kunst und Liebe gelöst, nicht durch politische Parteien“, sagte er. Und er habe „die metabolische Gewissheit“, dass die Kunst sich durchsetzen werde.

Aber, kam Kritik aus dem Publikum, wenn er so auf der Ideologiefreiheit beharre, sei das dann nicht selbst Ideologie? Nicht, solange er keine Jünger heranziehe, sagte er. Er sei da anders als etwa Joseph Beuys, der auch noch geholfen habe, die Grünen aus der Taufe zu heben. Er sage nur allen: Geht nach Hause und bringt da die Dinge in Ordnung! Macht da klar Schiff! Dann könne es weitergehen. Er habe niemals jemandem gefallen wollen, sei kein Guru und wolle auch keiner werden. „It ain’t me you’re lookin’ for, babe“, heißt es bei Bob Dylan, einem Bruder im Geiste.

Flucht aus dem Supermarkt

Aber dieses Leben als Solitär ist nicht einfach und kann Verletzungen mit sich bringen. Man könne Freunde verlieren, sagte er. Man werde vielleicht angefeindet. Menschen könnten die Straßenseite wechseln oder, wie in Ahrensburg, den Supermarkt verlassen, wenn man ihn betrete. Aber es nütze ja nichts. Man müsse sich abschotten und auf seiner Insel bleiben wie Robinson Crusoe. Der habe auch nie gewählt. Und von einem Parlament der Tiere habe er ebenfalls noch nie gehört. „Die Masse hat immer unrecht, besonders in der Kunst“, sagte er. Und 99 Prozent der Objekte jetzt bei der Biennale in Venedig seien „Dreck“, seien „Systemillustration“.

Er empfahl dagegen „Das kalte Herz“, ein Märchen von Wilhelm Hauff, in dem Peter Munk für den Erfolg seine Seele verkauft und sein Herz eintauscht gegen einen Stein. Erfolg aber sei etwas völlig anderes. „Erfolg ist, wenn du ungestört in deinem Atelier arbeiten kannst.“, sagt er. Wenn man in die Zukunft hineinspringen könne und sich dabei nicht korrumpieren lasse. Und zwar so: „Ich bin kein Rebell, kein Revoluzzer. Ich bin ein Evolutionär. Ich bin ein Spielkind.“

Peter Intelmann

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