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Kultur im Norden Ein überschäumender „Otello“
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18:10 09.01.2017
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Hamburg

Der katalanische OpernRegisseur Calixto Bieito ist berühmt und berüchtigt für seine exzessiven Sex- und Gewalt-Szenarien auf dem internationalen Musiktheater-Parkett. Am Sonntagabend hat der 53-Jährige seine vor zwei Jahren für Basel geschaffene Version von Giuseppe Verdis Oper „Otello“ in Hamburg herausgebracht. Während die Musiker einhelligen Beifall bekamen, gab es für Bieito und sein Team neben Applaus auch starke Buhs.

Viel Beifall, aber auch laute Buhrufe für Calixto Bieitos Verdi-Inszenierung an der Hamburger Staatsoper.

Bieito hatte Verdis düsteres Drama auf ein leeres, dunkles Hafen-Gelände verlegt, das einzig von einem giftgelben Kran beherrscht war. Diesen Kran hatte man für die ungleich größere Hamburger Opernbühne völlig neu und monumentaler aufbauen müssen. Doch so machte das monströse Ende von Desdemona und Otello (hier einmal ohne aufgeschminkte Mohren-Schwärze) im hohen Gestänge des Vier-Tonnen-Kolosses umso mächtigeren Eindruck.

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Die Figur des siegreichen venezianischen Feldherrn Otello, den Misstrauen und Minderwertigkeitsgefühle zum Würge-Mord an seiner Frau Desdemona verführen, war dabei krass, aber durchaus logisch von Beginn an auf krankhaft explosive Gewalttätigkeit ausgelegt. Ein berserkerhafter Zerstörer, der seelisch bereits völlig zerstört ist, ehe er hoch oben im Metall-Geäst des bis ins Parkett ausgefahrenen Kran-Arms an einem Herzinfarkt stirbt.

Bieito aktualisierte seine „Otello“-Inszenierung mit Boat People, die in der eröffnenden Sturmszene gefesselt in ein Stacheldraht-Verhau gepfercht und beim Sieges-Gelage der Venezianer zynisch mit Champagner überschüttet werden. Brutalität allerorten. Doch diese Aktionen des übrigens hervorragend singenden Chors wirkten eher plakativ als sinnstiftend oder gar provokant.

Fesselnder gelang dem Regisseur das rigorose, aber in sich doch stimmige Psychogramm der Hauptfiguren, die allesamt als trostlos Isolierte im schwarzen Hafen-Rund erschienen. Der mit metallischem Glanz bezwingende italienische Tenor Marco Berti (eingesprungen für den erkrankten Carlo Ventre) lieferte sich als Otello mit dem äußerst geschmeidigen Bariton Claudio Sgura als aalglatt infamem Intriganten Jago nicht nur sängerisch packende Duelle.

Dritte im tödlichen Bund war die junge, mit kraftvoll strahlender Simme agierende russische Sopranistin Svetlana Aksenova, die als Desdemona hier ihr bewundertes Hamburg-Debüt gab. Zu leiseren, innigeren Tönen fand sie allerdings erst im letzten Akt. Das Philharmonische Staatsorchester spielte unter Paolo Carignanis schwungvollem Dirigat die tragisch glühende Musik Verdis spannungsvoll und ausdruckssatt, mitunter auch knallig laut.

William Shakespeare hat mit „Othello“ Anfang des 17. Jahrhunderts die Vorlage für die VerdiOper geliefert. Die Tragödie wird heute von vielen eher als ein Stück über Rassismus denn als ein Eifersuchtsdrama verstanden, unter anderem von Andreas Höfele, dem Präsidenten der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft. Verdi hat aus dem Stoff mit dem Librettisten Arrigo Boito eine Oper gemacht, die 1887 in der Mailänder Scala Premiere hatte. Der 74-Jährige stand damals im Zenit seines Ruhms. Die Uraufführung geriet zu einem einzigen Triumph.

Er geht keinem Skandal aus dem Weg

Mit „Otello“ gab der spanische Regisseur Calixto Bieito (Foto) sein Debüt an der Staatsoper Hamburg. Die Inszenierung war bereits 2014 in Basel zu sehen, wo Bieito Stammregisseur beim jetzigen Hamburger Opernintendant Georges Delnon war. Er ist bekannt für seine drastischen Inszenierungen. Manchmal, schrieb die „Welt“, würden die Zuschauer hinterher im Foyer von Kamerateams nach ihren Gefühlen gefragt „wie nach einem Zugunglück“.

Barbara Sell

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