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Kultur im Norden Eine Kulturgeschichte der DDR
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17:33 12.04.2019
Großes Hallo: die Kosmonauten Sigmund Jähn (Mitte) und Waleri Fjodorowitsch Bykowski (li.) mit dem Staatratsvorsitzender Erich Honecker (DDR/SED) und Willi Stoph (DDR/Vorsitzender Ministerrat) 1978 in Berlin-Marzahn. Quelle: Imago
Lübeck

Mit der „Kulturgeschichte der DDR“ hat Gerd Dietrich ein Standardwerk geschrieben. Wer sich in Zukunft wissenschaftlich mit deutscher Geschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschäftigen will, kommt an den drei voluminösen Bänden nicht vorbei. Für den interessierten Laien sind 2429 Seiten natürlich viel Stoff, aber auch er wird reichlich belohnt.

„Erichs Krönung“

In den 1970er Jahren explodierten die Weltmarktpreise für Kaffee. Kostete ein Pfund Brasilkaffee 1970 noch 0,50 US-Dollar, so hatte sich der Preis bis April 1977 mehr als versiebenfacht. In der DDR brach angesichts der knappen Devisen die Kaffeekrise aus. Das Politbüro beschloss, die Kaffeeimporte „maximal“ zu vermindern. Ende Juli 1977 setzte man die Beschlüsse des Politbüros um: Die Produktion der billigsten Kaffeesorte „Kosta“ wurde eingestellt. Die Sorten „Rondo“ (70 Mark/kg) und „Mona“ (80 Mark/kg) blieben im Angebot, bestanden aber lediglich aus schlechteren Rohkaffeesorten. Gaststätten und Kantinen wurden nur noch mit einer neuen Mischkaffeesorte „Kaffee-Mix“ (51 Prozent Röstkaffee, 49 Prozent Surrogate) beliefert. Der neue Mischkaffee wurde als minderwertig abgelehnt und bald „Erichs Krönung“ genannt. Das Surrogat mit Zuckerrübenschnitzel und Roggen/Gerste-Gemisch machte die Kaffeemaschinen kaputt. Die Verbraucher protestierten. Dem Arbeiter werde sein letzter „kleiner Luxus“ genommen, hieß es. Die SED-Führung richtete einen „Kaffeestab“ ein, der das Experiment Ende 1977 abbrach. 134 Tonnen „Kaffee-Mix“ wanderten in den Abfall.

Dietrich hat einen sehr weiten Kulturbegriff: Populär- und Alltagskultur stehen gleichberechtigt neben der Hochkultur. Es geht um die Entwicklung der Massenmedien ebenso wie um die Geschichte von Architektur und Städtebau, des Tourismus, des Sports und der Kirchen.

Dietrich schreibt gründlich, aber auch unterhaltsam. Er beherrscht die wissenschaftliche Literatur zu seinen Detailfragen, kennt aber auch prägnante Beispiele für die Gerüchte-, Mecker- und Witzkultur im SED-Staat. Wir erfahren, wie die renovierte Semperoper am 13. Februar 1985 mit einer Neuinszenierung des „Freischütz“ wiedereröffnet wurde, können aber auch Frank Schöbels Schnulze „… denn wir brauchen keine Lügen mehr“ als „Höhe- und Schlusspunkt der DDR-Schlagergeschichte“ richtig bewerten.

Prägnante Thesen aus dem Buch

Defa-Kinderfilme: Kinder seien die Ureinwohner des Landes Fantasie. Der Kinderfilm war eine Art Markenzeichen. Etwa ein Viertel der Jahresproduktion der Defa waren Kinderfilme. Besonders die Märchenfilme, die real-fantastischen und heiter-ironischen Geschichten aus dem Alltag füllten die Kinos und brachten auch Devisen ein.

DDR-Schrankwand: Die raumfüllende Schrankwand setzte sich in den siebziger Jahren durch. Sie überzeugte durch viel Stauraum und war den standardisierten Wohnungen angepasst. (…) „Wer über die Schrankwand verfügte, stand weniger in Verdacht, wider die Ordnung zu sündigen.“

Manfred Krugs Ausreise: Als Krug die DDR verließ, war dies „der Anfang vom Ende (…). Der Arbeiter- und Bauernstaat hat sich vom Verlust des proletarischen Volksgottes Manne nie wieder erholt. Biermann kannten vor seinem Rauswurf nur Eingeweihte. Krug liebten die Massen. Er war Popkultur.“ (Christoph Dieckmann)

Witzkultur der DDR: Die verbreitetste Form der mündlichen Volkskultur waren Witze als eine Form von Ersatz- oder Gegenöffentlichkeit. Es gab eine blühenden Witzkultur und politische Witze konnten ein Barometer der Volksmeinung sein.

Im Staat der Fünf-Jahrespläne kam man dem deutschen Hang zur Statistik in besonderem Maße nach. Vieles wurde erfasst und vermessen: Von der Orgasmusfähigkeit 27-jähriger Frauen (99 Prozent) bis zur Zahl der Briefmarkenfreunde (1976 gab es 70 000 Philatelisten), von der Anzahl der Volkssportkegelbahnen (240) bis zur „fruchtbringenden Tätigkeit“ der 1,03 Millionen organisierten Kleingärtner. Gerd Dietrich erklärt uns dies alles und ordnet es überzeugend und manchmal überraschend ein.

Die DDR war eine Diktatur, aber das politische Klima, die Freiheiten und Restriktionen gestalteten sich je nach politischer Großwetterlage sehr unterschiedlich. Die detaillierte Analyse der einzelnen Phasen, vom Tauwetter und dem Revisionismus der Fünfzigerjahre bis zu den bleiernen Achtzigern, sind vielleicht der Kern dieses beeindruckenden Geschichtsbuches.

„Besser als der Westen“

Und dann definierte sich die DDR von Beginn an als Kulturstaat. Wirtschaftlich konnte sie mit dem westdeutschen Konkurrenten nicht mithalten. Deshalb konzentrierte man sich auf die Kultur: Gemessen an der Einwohnerzahl gab die DDR dafür doppelt so viel Geld aus wie die Bundesrepublik. Am Ende seiner umfangreichen Kulturgeschichte zitiert Dietrich den Dichter Wolfgang Hilbig über das seltsame Nachleben jenes untergegangenen ostdeutschen Teilstaates: „Vielleicht wird uns eines Tages die Erkenntnis kommen, dass erst jener Beitritt zur Bundesrepublik uns zu den DDR-Bürgern hat werden lassen, die wir nie gewesen sind, jedenfalls nicht, solange wir dazu gezwungen waren.“ Und der Titanic-Satiriker Martin Sonneborn sagte: „Die DDR hat es nie gegeben, und sie war besser als der Westen.“

Info: Gerd Dietrich: „Kulturgeschichte der DDR“, drei Bände, 2429 Seiten, Vandenhoeck & Rupprecht, Göttingen 2018, 120 Euro

Christian Schwandt

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