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Kultur im Norden Iggy Pop im LN-Interview: „Freiheit ist absolut essenziell“
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Iggy Pop im LN-Interview: „Freiheit ist absolut essenziell“
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17:19 27.09.2019
„Das Problem mit dem Leben ist, dass es irgendwann aufhört“: Iggy Pop zitiert Philipp Roth. Quelle: dpa
Miami

An einem sonnigen und heißen Mittwochnachmittag sitzt Iggy Pop im Garten einer Villa in Miami und lässt sich die Sonne auf den Pelz brennen. Und zwar buchstäblich, denn auf ein Hemd verzichtet der 72-Jährige wie üblich. Iggy ist braun gebrannt, er sieht fit und drahtig aus wie immer. „Free“ heißt sein neues Album, es klingt eindringlich, tief und entzieht sich dem Drang, es stilistisch zu verorten. Die Musik hat überwiegend der Jazz-Komponist und -Trompeter Leron Thomas für ihn verfasst.

Hier können Sie in das neue Album reinhören:

Iggy, der Titelsong „Free“ besteht aus nur einem einzigen Satz: „I want to be free“. Was bedeutet Freiheit für dich?

Die Antwort auf diese Frage ist sehr persönlich. Ich fürchte: zu persönlich, um sie jemandem mitzuteilen.

Wie wichtig ist Freiheit denn für dich und dein Leben?

Freiheit ist absolut essenziell. Sie ist vital als Idee und auch als Gedanke, dem es zu folgen sich lohnt. Frei zu sein, das ist eine gefährliche Sache, also, wenn man es übertreibt. Aber ein bisschen hier und da, das ist die richtige Dosis.

Menschen, die viel zu sagen haben

Das neue Album ist ganz schön tiefgründig, nicht wahr?

Oh ja, das ist es wohl. Die beiden wesentlichen Mitstreiter sind Menschen, die sehr viel zu sagen haben: Der Jazztrompeter und Songwriter Leron James sowie Sarah Lipstate, die sich Noveller nennt und als Gitarristin, Komponistin und Filmemacherin arbeitetet. „Free“ ist dank dieser Menschen eine herausragende Arbeit geworden.

Wie kam das Album überhaupt zustande?

Der Schlüssel zu dem gesamten Unterfangen war meine wöchentliche Radioshow „Iggy Confidential“ auf BBC 6 Music. Wenn ein alter Sack so eine Sendung bei der BBC bekommt, dann macht der das üblicherweise ein Jahr lang und nudelt in der Zeit seine gesamte Plattensammlung aus der Ära, als er noch jung war, herunter. Aber ich entschloss mich, nach neuer Musik zu suchen. Außerdem versuche ich Zeugs zu finden, dass es sonst nie bis ins Radio schaffen würde. So stieß ich auf Noveller.

Anspruchsvoller HipHop

Und wie hast du Leron gefunden?

Die Verbindung über einen Freund von mir zustande, Ben, der viele Jahre lang Jazzkritiker war bei der New York Times. Leron macht abgefahrenen, künstlerisch anspruchsvollen HipHop mit Jazz. Ben schickte mir also ein paar Songs von ihm, und ich dachte nur: „Wow, der holt aus seiner Trompete verdammt viel raus.“

War gleich klar, dass ihr ein Album zusammen macht?

Nein, diese Platte ist mir eher passiert, fast zugelaufen. Erst dachte ich, wir machen nur einen Song, und ich steuere vielleicht einen Gastgesang bei. Aber Leron hat unfassbar viele Ideen in sehr schneller Folge. Ich tourte heftig in der Phase, hatte bei der Arbeit jede Menge zu tun. Versuchte, meine Finanzen schützen. Denn ich habe Furcht davor und will es um jeden Fall vermeiden, wie so viele andere Musiker im Bankrott zu enden.

Machst du dir noch Sorgen ums Geld?

Wenn du auf der Straße gelebt hast und so arm, so verzweifelt und so verdammt warst wie ich, und das für eine lange, lange Zeit, dann verlässt dich dieses Gefühl der Sorge ums Geld dein Leben lang nicht mehr.

„Die Vergangenheit übermalen“

Würdest du deine Vergangenheit gerne neu schreiben?

Nein, würde ich nicht. Aber was du machen kannst, ist: Mit deinem Werk und deinem Leben von heute die Vergangenheit zu übermalen. Oder zumindest die Farben so zu mischen, dass Heute und Früher ein stimmiges Gesamtbild ergeben. Du kannst nicht mit deinem Wesen und deinen Traditionen brechen. Und rückgängig machen kannst du schon gar nichts. Aber du kannst beeinflussen, wie heute von dir erzählt wird.

Besitzt du eine gute Menschenkenntnis?

Ich denke schon. Menschen sind letztlich auch nur wie Hunde. Entweder sie wollen dich beißen. Oder sie wollen von dir gekrault und gestreichelt werden

Hast du einen Hund?

Nein, im Moment nicht. Meine Frau hatte Hunde, doch die haben alle ihren Lebenszyklus mittlerweile bis zum Ende durchlaufen.

Um neun zu Bett

Du lebst seit 21 Jahren in Miami. Schaust du dir viele Sonnenaufgänge an?

Ja. Je älter ich werde, desto früher stehe ich morgens auf. Wenn ich nicht auf Tournee bin, schlafe ich oft schon um 9 Uhr abends, dafür bin ich um 6 Uhr in der Frühe auch schon wieder munter.

Wie hat sich die Stadt verändert, seit du damals hergezogen bist?

Früher war es schon geiler. Miami war ein Sammelbecken für die Alternativen und die Abgefuckten, wir kamen von überall her. Heute ist alles sehr nobel und teuer. Und die Touristen sind überall.

Nerven die?

Nein, sie sollen ruhig kommen. Mich stören die Leute nicht. Zum Glück ist mein Lieblingsstrand ein echter Geheimtipp, den kennen nur Einheimische.

Bist du viel im Wasser?

Ja. Früher bin ich drei Kilometer und mehr geschwommen. Heute begnüge ich mich mit ein paar hundert Metern. Schwimmen tut mir gut. Aber das Wichtigste, das ich für meine Bühnenausdauer tue, nennt sich Qigong. Das ist eine fernöstliche Technik. Du machst bestimmte Bewegungen und atmest ganz tief aus dem Bauch heraus. Es ist ein bisschen wie Tai Chi.

Werbung für die Deutsche Bahn

In Deutschland machst du zusammen mit Nico Rosberg Werbung für die Bahn. Kanntest du den ramponierten Ruf des Unternehmens?

Nein, das habe ich erst später erfahren. Ich konnte das kaum glauben. Als ich in den Siebzigern in Deutschland lebte, war die Bahn echt top. Die Züge waren so groß und die Loks so mächtig und ehrfurchtgebietend. Und immer waren sie pünktlich, vollkommen pünktlich.

Schätzt du die Deutschen, seitdem du unter den Fittichen deines Freundes David Bowie in Berlin gelebt hast?

Ich habe viele unkonventionelle Vögel kennengelernt, die zugleich ihre Arbeit sehr ernst und gewissenhaft betrieben. Das war ja alles noch weit vor der Wiedervereinigung, und ich glaube, seitdem sind in Berlin die Karten ganz neu gemischt, die Charaktere noch bunter und vielschichtiger geworden. Ich habe mich mal mit Rammstein über dieses Thema, über die Berliner und die Deutschen, unterhalten. Für eine Rockband sind das ja auch sehr solide Leute. Die diskutieren alles aus und versuchen immer, eine gemeinsame Basis zu finden. Rammstein respektieren sich, und das ist, glaube ich, etwas typisch Deutsches.

Kaffee statt Heroin

Du hast den harten Drogen vor langer Zeit abgeschworen. Wie gesund lebst du?

Hmmm, naja, ich trinke Kaffee, was jetzt nicht das supergesunde Gebräu ist. Und Wein. Jetzt, wenn ich arbeite: Halbe Flasche am Tag. Sonst ganze Flasche.

Ist 72 ein gutes Alter?

Ich halte dieses Alter für ganz angenehm, sofern du wie ich bei akzeptabler Gesundheit bist. Der furchteinflößendste Satz in diesem Zusammenhang, der mir bekannt ist, stammt von dem Schriftsteller Philipp Roth. Er sagte „Das Problem mit dem Leben ist, dass es irgendwann aufhört“. Bumm, das sitzt.

Würdest du gern den Tod aushebeln wie diese Jungs aus dem Silicon Valley, die sich ihre Gehirne einfrieren lassen wollen?

An solchen Spielchen mit dem Leben habe ich kein Interesse. In der Kunst ist die eigene Sterblichkeit ja ohnehin ein wenig limitiert. Sie vergessen dich nicht gleich, wenn du nicht mehr bist. Dein Schaffen geistert weiter durch die Welt, manchmal für Jahrhunderte oder gar Jahrtausende. Für mich ist das ein tröstlicher Gedanke. Aber noch ist der Gedanke an meine Nachwelt nichts, dessen ich mich übermäßig widmen will. Ich habe noch gut mit meinem Leben im Diesseits zu tun.

„Erfreut, lebendig zu sein“

Wenn du auf die Jahre in Berlin, auf die Heroinsucht und all das zurückblickst – bist du selbst überrascht, noch am Leben zu sein?

Ich weiß, was Sie meinen, doch ich denke nicht sehr viel über diese Frage nach. Ich bin einfach erfreut, lebendig zu sein.

Gibt es etwas, dass du vermisst, wenn du an den jungen Iggy denkst?

Meine endlose Energie, meine Ausdauer. Sonst eigentlich nichts. Aus irgendeinem Grund geht es mir heute in so ziemlich jeder Kategorie, die mir in den Sinn kommt, besser als zu einem beliebigen früheren Zeitpunkt meines Lebens. Puuhh. Langer Satz. Anders formuliert: Mir ging es noch nie so gut wie heute.

Aber in Rente gehen willst du noch nicht?

Ich wüsste nicht, wie das funktionieren sollte. Wenn das Telefon klingelt, gehe ich ran.

Von Steffen Rüth

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