Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Farbholzschnitte im Berkentienhaus
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Farbholzschnitte im Berkentienhaus
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:16 28.10.2019
Lübeck

Es gibt Bücher, die für ein ganzes Leben prägen. Die Wahl-Lübeckerin Elisabeth Wighton war von klein auf fasziniert von den Kinderbüchern ihrer Mutter aus den 1920er Jahren wie „Hans Wundersam“ oder „Der Weihnachtsstern“ mit den Illustrationen von Ernst Kutzer. „Ich habe sie angeschaut, als ich noch gar nicht lesen konnte.“ Viele kleine Details waren in den Illustrationen zu entdecken, „das war reiner Jugendstil, also sehr plastisch“. Die vertraute Farbgebung, „dieses Matte und Bräunliche“, fand sie später, auch im Rahmen ihres Kunststudiums in Hamburg, in Farbholzschnitten wieder. Mit der Zeit trug sie eine Sammlung von Holzschnitten aus dem 19. Und 20. Jahrhundert zusammen, „Bilder von zeitloser Schönheit und sanfter Farbgebung“.

Einflüsse aus Japan reichen bis in die Moderne

Diese vierzehn Schätze stellt sie nun zur Verfügung für eine Ausstellung im Berkentienhaus. Darunter sich auch Drucke japanischer Künstler, die sichtbar Vorbilder waren für die Europäer: „Sie haben eine ähnliche Farbgebung, aber das Figürliche ist anders.“ Besonders gut zu erkennen ist die künstlerische Nähe bei einem Motiv von Oskar Droege (1898-1983), „Kiefern im Morgennebel“, das fast wie eine feine Tuschezeichnung wirkt, oder bei seiner „Märzlandschaft mit bewegtem Himmel“. Der Einfluss der japanischen Holzschnittkunst, so Wighton, reiche bis in die europäische Moderne. Mit den „Geishas mit Gast im Teehaus“ präsentiert sie ein seltenes Einzelstück des japanischen Meisters Torii Kiyonaga (1752-1815). Durch Neben- und Hintereinanderlegen der Szenen wurde eine perspektivische Sicht erzeugt.

Interessant ist ein weiterer Aspekt, den Wighton nennt. So habe Droege in Holzschnitten ein Medium gesehen, das sich viele Menschen leisten könnten. Und Ernst Rötteken (1882-1945), so Wighton in ihrem Begleitheft, habe „Kunst für viele Schichten“ schaffen wollen. Das sei ihm mit seinen Druckgrafiken von farbigen Blumenmotiven gelungen, die in vielen Haushalten zu finden gewesen seien. Im Berkentienhaus können Besucher seine „Anemonen“ bewundern.

In einem bewegten Berufsleben als Grafikerin, Art Director in der Werbung und später als Bildredakteurin für große Magazine in verschiedenen Städten wurden Elisabeth Wighton die Farbholzschnitte eine visuelle Heimat. Ihre Sammlung umfasst originale und handsignierte Drucke: „Sie sind sehr reduziert und hinterlassen trotzdem einen starken Eindruck.“ Eigentlich sei sie eher landschaftsaffin, sagt Wighton; sie sammelt auch Ölbilder und Grafiken. Je nach dem Auf und Ab im Leben und nach entsprechendem Budget habe sie entweder in Galerien gekauft oder in Trödelläden und auf Flohmärkten gestöbert – und sei auch fündig geworden. „Kunst war mir immer wichtiger als Essen.“

Hausherr Joachim Porschke möchte mit der Ausstellung auch ein Zeichen setzen, dass der Galeriebetrieb im Berkentienhaus erhalten bleibt – trotz der Bauarbeiten vor dem Gebäude auf der Mengstraße. Auch wenn die Pächterin ihren Betrieb deswegen aufgegeben habe, sei das Haus weiterhin an Sonnabenden nachmittags geöffnet. „Wir wollen es auch künftig lebendig halten“, so Porschke.

Berkentienhaus-Mitarbeiterin Elisabeth Wighton hatte das Gebäude als Neuankömmling in Lübeck vor Jahren bei einem Spaziergang für sich entdeckt und gleich liebgewonnen, wie sie erzählt. Das von der Glaskunst geprägte Dielenhaus biete mit seinem Ambiente den perfekten Rahmen für ihre Holzschnittsammlung: „Ein Haus, großzügig und einladend, das glücklich macht und den Geist seiner Bewohner widerspiegelt.“

Margitta True