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Kultur im Norden „Faust“ als poppige Ego-Show am Theater Kiel
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17:53 25.09.2019
„Faust“ am Theater Kiel mit Anne Rohde als Mephistopheles und Imanuel Humm als Faust. Quelle: Olaf Struck
Kiel

Mit der Erkenntnis scheint es nicht weit her unter den Gestalten, die hier über die Bühne irren. Ein dunkelschönes, androgynes Federwesen, das seine Verführungskräfte in den Raum wirft wie ein Popstar. Ein zauseliger Einstein-Verschnitt, der zwar nach Erleuchtung schmachtet, das Leben dabei aber verloren hat. Und auch die beiden puttig-putzigen Engelwesen sehen in ihren Glitzerkleidchen eher aus wie aus dem Fresko gefallen, als auf der Höhe ihrer himmlischen Mission.

Sprache reibt sich am Outfit

Als düster poppige Ego-Show lässt Annette Pullen Goethes Faust, Teil eins, im Schauspielhaus Kiel zur Begeisterung des Premierenpublikums ablaufen. Dicht am Originalton, in einer gelungen auf gute zwei Stunden verdichteten Strichfassung, in der prägende Faust-Wendungen aufs Publikum regnen – mal abgenudelt, aber unerlässlich („Schönes Fräulein, darf ich’s wagen …“), mal mit Aha-Effekt: „Ich bin der Geist, der stets verneint. Und das mit Recht, denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“ Da reibt sich die Sprache durchaus am Pop-Outfit des Abends.

Wesen aus verschiedenen Welten

Faust und Mephisto stellt die Regisseurin zwar als Wesen aus verschiedenen Welten in den Ring, lässt sie aber eher an Generationenproblem und Altmännersexismus zerschellen als in der Unterwelt. Anne Rohdes Mephisto ist in glänzendem Leder (Kostüme: Barbara Aigner) und einer lasziven Laufstegpräsenz ganz irdisch – eine anarchische Verführerin, kläffender Pudel, Vamp, Punk und Spielmacher zugleich. Alles also, was Faust weder ist noch hat – kein Wunder, dass ihm sein Sermon vom Studium der Philosophie, Juristerei, Medizin und Theologie nur noch zwischen Ermattung und Zynismus von den Lippen fällt.

Dauerhaft zum Störbild geronnen

Imanuel Humm nimmt die Gelehrtenfigur erst mächtig ernst – und befreit ihn dann in der dank des Pakts mit Mephisto verjüngten Version zur ironisch lässigen Pose, dem skrupelfreien Egotripper. Jetzt kann es losgehen in den Rausch. Ein bisschen Sinn- und Gottsuche lässt sich neben der Ekstase auch noch betreiben. Die Grenzen sind fließend in dieser Welt, die dauerhaft zum Störbild geronnen ist, seit die Antenne nach oben fehlt.

Den Blick vernebelnd

Bühnenbildnerin Iris Kraft hat dafür mit unzähligen elastischen Schnüren eine Wand über die Bühne gezogen, durchlässig von hüben nach drüben und gleichzeitig gnädig den Blick vernebelnd in die andere Sphäre, die eher Delirium ist als die Erhöhung. Hier ist immer nur ein Teil vom Ganzen deutlich: Mephisto fragmentiert, das Schmuckkästchen, mit dem das Gretchen geködert werden soll, und manchmal plustern sich im Hintergrund auch ein paar Geister. Die Erkenntnis ist zufällig. Oder ist vielleicht doch alles nur Fausts Kopfgeburt?

Gretchen zwischen Parodie und Tragik

Rasant treibt Pullen ihr Ensemble durch die Episoden: Das Hexentreffen zur Walpurgisnacht eine spukige Vision, Auerbachs Keller eine derb trunkene Groteske, und das Gretchen erstmal ganz bei sich in ihrer Liebesblödigkeit. Tiffany Köberich macht das sehr sehenswert, lässt die Figur zwischen der Naiven, die locker auf Youtube die Shopping Queen geben könnte, und einer bemerkenswert starken Fragerin, zwischen Parodie und Tragik oszillieren. Auch Tristan Steeg zeigt sich mit seinem zwischen naturbelassener Selbstverliebtheit und Pennäler-Schwärmerei pendelnden Faust-Famulus Wagner als spannender Neuzugang. Dazu ist Maximilian Herzogenrath ein teutonisch ruppiger Valentin, der sich um den Ruf der Schwester sorgt, und Yvonne Ruprechts Marthe eine eifrige Strippenzieherin in fremden und eigenen Belangen. Dass alle vier nebenbei auch noch locker durch eine Handvoll Randfiguren geistern, versteht sich von selbst.

Faust in Kiel

Das SchauspielhausKiel zeigt „Faust“ in der Inszenierung von Annette Pullen morgen und übermorgen um 20 Uhr. Es gibt noch Restkarten.

Im Oktobersind weitere Vorstellungen zu sehen: 10., 17., 23. und 25. Oktober jeweils 20 Uhr, am 13. Oktober um 18 Uhr.

Im Novembergibt es „Faust“-Aufführungen am 1., 9., und 27. 11. um 20 Uhr, am 10. November um 16 Uhr.

Karten gibt es in den LN-Geschäftsstellen und im LN-Ticketshop unter: www.theater-kiel.de

Nicht alles geht auf an diesem anregend kurzweiligen Abend. Ein bisschen schade, dass es nicht wirklich brizzelt zwischen Faust und dem weiblichen Mephisto. Auch das übliche Männerduo lebt ja von den Funken, die es aus seinen Disputen schlägt. „Heinrich, mir graut vor dir“: Mit Gretchens Worten ist das Drama sehr plötzlich zu Ende. Ohne Antwort, ohne Erlösung. Faust hat sich vorsichtshalber mit Mephisto schon davongemacht.

Von Ruth Bender

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