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Kultur im Norden Feldzug gegen die Kunst der Avantgarde
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18:10 18.07.2017
Joseph Goebbels besucht die „Schandausstellung“ im Haus der Deutschen Kunst in München (M.). Rechts von ihm (mit Brille) Ausstellungsleiter Hartmut Pistauer. Quelle: Foto: Bundesarchiv
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München/Düsseldorf. Dicht gedrängt und mit höhnischen Kommentaren versehen hingen die Meisterwerke der Moderne am 19. Juli 1937 in den Münchner Hofgarten-Arkaden:

Vor 80 Jahren beschlagnahmten die Nationalsozialisten mit der Aktion „Entartete Kunst“ 21000 verfemte Kunstwerke aus den Museen.

Kandinsky, Nolde, Feininger, Barlach, Kirchner. Für die Femeausstellung „Entartete Kunst“ hatten die Nazis mehr als 600 Kunstwerke aus deutschen Museen konfisziert.

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Die Münchner Wanderausstellung markierte einen Wendepunkt in der NS-Kunstpolitik. Ab August 1937 wurden die Museumsbestände moderner Kunst fast vollständig geplündert. Die Kunstwerke wurden verkauft, versteigert, zerstört. Das, was den NS-Diktatoren wertlos erschien, wurde 1939 in Berlin verbrannt. Die Folgen des Aderlasses sind bis heute zu spüren.

80 Jahre nach dem staatlichen Kunstraubzug ist das großformatige Gemälde „Drei Badende“ (1913) von Ernst Ludwig Kirchner nun nach Düsseldorf zurückgekehrt – allerdings nur zu Besuch. Das beschlagnahmte Gemälde aus dem einstigen Bestand der Düsseldorfer Kunstsammlungen war 1940 nach New York gelangt und 1984 an ein Museum in Sydney verkauft worden. Für eine Ausstellung zur Erinnerung an die Aktion von 1937 macht das Kirchner-Bild nun kurz Station im Düsseldorfer Kunstpalast. Die Düsseldorfer Ausstellung macht an wenigen Beispielen die Verwerfungen der Beschlagnahmeaktion deutlich.

Der Präsident der NS-Reichskammer der bildenden Künstler, Adolf Ziegler, hatte die Ausstellung vor 80 Jahren mit den Worten eröffnet: „Wir sehen um uns herum diese Ausgeburten des Wahnsinns, der Frechheit, des Nichtskönnertums und der Entartung. Uns allen verursacht das Erschütterung und Ekel.“ Zwei Millionen Besucher schreckte das nicht ab, im Gegenteil. Sie kamen innerhalb von nur vier Monaten.

Der Angriff auf die Moderne betraf alle Großen der Zeit: Max Beckmann, Otto Dix, Max Ernst, George Grosz, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee, Oskar Kokoschka, Ernst Barlach, Karl Schmidt-Rottluff und Käthe Kollwitz ebenso wie viele eher unbekannte oder wegen der Feme heute in Vergessenheit geratene Künstler.

Zu sehen bekamen die Bürger knapp 700 Arbeiten, die Ziegler in nur zehn Tagen mit einer fünfköpfigen Kommission in 32 Sammlungen in 23 Städten konfisziert hatte. Bis heute ist die genaue Zahl der beschlagnahmten Werke unklar, ebenso wie der Verbleib rund der Hälfte der Bilder und Skulpturen.

„Extrem dichte Hängung in engen und halbdunklen Räumen erzeugte den Eindruck von Chaos“, schreibt der Koblenzer Kunstprofessor Christoph Zuschlag über die Ausstellung „Entartete Kunst“. Fast überall klebten diffamierende Hinweise: „Bezahlt mit den Steuergroschen des arbeitenden deutschen Volkes“. Die Folge: „Die Stimmung wurde aufgeheizt und der Hass der Besucher gleichermaßen gegen Künstler und Kritiker, Händler und Museumsleiter gerichtet“, erläutert Zuschlag.

Während die Schau anschließend in veränderter Form in zwölf weiteren Städten in Deutschland und Österreich zu sehen war, ging der staatlich organisierte Kunstraub in unvorstellbarem Ausmaß weiter:

Bei „Säuberungsaktionen“ in 101 Museen wurden rund 21000 Werke von etwa 1400 Künstlern beschlagnahmt. Viele wurden später vernichtet, als Devisenbringer ins Ausland verkauft oder gegen andere Werke eingetauscht.

Rechtlich legitimiert wurden die Konfiszierungen durch das „Gesetz über Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst“ vom 31. Mai 1938. Faktisch war die moderne Kunst in Deutschland damit liquidiert.

Das Gesetz wurde nach dem Krieg weder von den Alliierten noch von der Bundesrepublik annulliert. Es gilt noch heute. Und Tausende einst geraubte Kunstwerke werden wohl für immer verschwunden bleiben.

Lübeck bekommt „Brigitte“ geschenkt

Die Bronzefigur „Brigitte“ von Gerhard Marcks (1889-1981) kehrte 2011 in das Lübecker Museum Behnhaus Drägerhaus zurück. 1937 wurde sie von den Nazis als „entartete Kunst“

beschlagnahmt. Damals hatte sie Ferdinand Möller, einer der renommiertesten Händler zeitgenössischer Werke, erworben. 1995 wurde in Erinnerung an ihn und seine Verdienste um die Rettung und Durchsetzung expressionistischer Kunst die Ferdinand-Möller-Stiftung gegründet. Aus dem Eigentum der Stiftung erhielt das Museum Behnhaus/Drägerhaus die „Brigitte“ als Dauerleihgabe. Vor wenigen Tagen hat der Vorstand der Stiftung beschlossen, die Skulptur der Stadt Lübeck zu schenken. Museumsleiter Alexander Bastek bezeichnet das als „einen großen Glücksfall.“ Auch der Zeitpunkt hätte kaum besser gewählt sein können: In den für September dieses Jahres geplanten Teilbestandskatalog der Behnhaus-Sammlung „100 Meisterwerke“ wird Gerhard Marcks’ „Brigitte“ ebenfalls Aufnahme finden.

Insgesamt sind 222 Werke dokumentiert, die 1937 im Lübecker Behnhaus beschlagnahmt wurden, darunter 23 Gemälde und sieben Plastiken. Neben der „Brigitte“ gibt es zwei weitere Rückkehrer: Ernst Ludwig Kirchners aquarellierte Zeichnung „Staffelalp im Herbst“ von 1919 konnte 1949 vom Museum zurückerworben werden. Edvard Munchs Lithographie „Die Schlange wird erwürgt“ aus der Mappe „Alpha und Omega“ konnte 1974 aus dem Kunsthandel zurückgekauft werden.

Dirk Baas und Dorothea Hülsmeier