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Kultur im Norden Die Angst der Balten vor ihrem Nachbarn
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21:22 25.10.2018
„Bridges of Time" von Kristine Briede und Audrius Stony ist ein Film über Filmemacher in den 1960er Jahren. Quelle: Herz Frank
Lübeck

Zwei Letten lehnen am Geländer einer Brücke hinüber nach Russland. Der eine erzählt einen Witz: „Kommen zwei Männer in die Apotheke. Putin und Medwedew. Putin schreit: ,Zwei Kondome.‘ Sagt die Apothekerin: ,Das sehe ich. Aber wollt ihr auch etwas kaufen?‘“

Darüber lacht man offenbar in den Baltischen Staaten. Der lettische Regisseur Davis Simanis (38) hat die Szene in seinem Dokumentarfilm „Unruhige Grenze/D is for Division“ untergebracht, der bei den Nordischen Filmtagen als Teil des Schwerpunktes mit Produktionen aus Estland, Lettland und Litauen gezeigt wird – eine Reminiszenz an die staatliche Unabhängigkeit, die die drei Länder erstmals vor 100 Jahren erkämpften.

Wie die russische Okkupation bis heute nachwirkt

Simanis ist nicht der einzige baltische Filmemacher, der mit einem Beitrag auf dem diesjährigen Lübecker Festival das schwierige Verhältnis der nordöstlichen Nachbarn thematisiert. Auch der Eröffnungsfilm „Die kleine Genossin” aus Estland hat die russische Hegemonie im Baltikum zum Thema. Die junge Regisseurin Moonika Siimets (38) erzählt in ihrem Spielfilmdebüt die (authentische) Geschichte der Leelo Tungal, die 1950 als Sechsjährige zusehen muss, wie ihre Mutter, eine estnische Lehrerin, von russischen Geheimdienstlern in den Gulag verschleppt wird. „Wenn du ein gutes Kind bist, komme ich bald zurück“, kann Leelos Mutter noch zur Tochter sagen, bevor sie von Soldaten auf einen Lkw geschoben wird. Sie soll im Unterricht die estnische Hymne behandelt haben. „Die kleine Genossin” beschreibt die Nöte und Ängste jener Zeit aus dem Blickwinkel des Kindes, das der Willkür nicht durchschaubarer Mächte ausgeliefert ist. Als die Mutter auch nach langen Monaten, vielleicht Jahren, nicht zurückkommt, klagt Leelo: „Jetzt war ich so lange völlig umsonst ein gutes Kind!“ Sie weiß nicht mehr, was und wer Gut oder Böse ist, zu wem sie halten soll.

Die Stalinisten sterben nicht aus

Zu wem man halten soll, ist heute vielen Bewohnern des Baltikums immer noch nicht ganz klar. Die wechselhafte Geschichte der Region gebar Identitätsfragen. Der lettische Dokumentarfilmemacher Simanis hat selbst Zweifel an seiner Zugehörigkeit. Er erkundet in „Unruhige Grenze“ deshalb die Demarkationslinie zwischen seinem Lettland, dessen Staatsbürger er ist, und Russland, wo er geboren wurde. Auf beiden Seiten findet er Verstörendes. Zum Beispiel auf dem „Hügel der Freundschaft“. Jugendliche singen dort am Unabhängigkeitstag in einem archaischen Ritual: „Hier ist Lettland, wir werden es nicht dem Feind überlassen.“ Kurze Zeit später gibt es dort einen Aufmarsch von russisch-lettischen Veteranen. „Vaterland! Freiheit! Putin“, rufen die ordenbehängten alten Männer und Frauen in ihren Rote-Armee-Uniformen. Auch Stalin wird am „Tag des Sieges über den Nazismus“ gefeiert. Und sie sterben nicht aus, die Stalinisten. Die nachfolgenden russischen-baltischen Generationen begehen den Siegestag an der Seite der Greise.

Die 60. Nordischen Filmtage

199 Filme insgesamt werden vom 30. Oktober bis 4. November an sechs Tagen gezeigt – das ist ein Tag mehr als bei den vorherigen Festivals.

17 Filme wetteifern um den mit 12 500 Euro dotierten NDR-Filmpreis. Insgesamt werden neun Preise im Wert von 50 000 Euro vergeben, darunter zum 40. Mal der LN-Publikumspreis. Zum ersten Mal ausgelobt wird ein Preis für das Beste Spielfilmdebüt.

Tickets gibt’s ab dem 27. Oktober um 15 Uhr im CineStar Filmpalast Stadthalle und online über www.cinestar.de

Dann sind da noch zwei Freunde des Regisseurs: Der eine floh aus Lettland vor staatlicher Verfolgung – er hatte bei einer Protestaktion Steine auf das Parlamentsgebäude in Riga geworfen und wurde dafür verurteilt. Er ist der Ansicht, dass auch nach 25 Jahren der Unabhängigkeit die Sowjetunion immer noch in den Köpfen der Letten herumspukt, „samt Korruption und Heuchelei“. Der andere, Sohn eines Migranten aus Uganda und einer Lettin, geht freiwillig außer Landes. Er meint, er müsse das „faschistische lettische Regime“ bekämpfen und übt dafür schon mal im Donbas. Er hat sich dort den russischen Separatisten im Kampf gegen die ukrainischen Truppen angeschlossen.

Die obsessive Beschäftigung der baltischen Kulturschaffenden mit der Geschichte der russischen Okkupation habe einen schlichten und durch Aktualität verstärkten Grund, weiß Linde Fröhlich, die künstlerische Leiterin der Nordischen Filmtage: „Es existiert in den Baltischen Staaten nach wie vor eine große Angst vor dem Nachbarn, die noch größer wurde mit der russischen Annexion der Krim.“ Die Balten sehen sich als nächstes Opfer der russischen Expansionspolitik, die Präsenz der sogenannten Nato-Battlegroups in Estland, Lettland und Litauen seit 2016 hat die Sorge nicht verkleinert.

Die Filmtage präsentieren auch einen Dokumentarfilm, der die russische Minderheit zu Wort kommen lässt. Jedenfalls jenen Teil, der in dritter Generation in Estland lebt und sich der Integration nicht völlig verweigert. „14 Fälle/14 Cases“ nimmt sich der Sorgen dieser Minderheit an, die immer noch ausschließlich Russisch spricht, russische Medien und russisches Essen konsumiert und deren Kinder russische Schulen besuchen. Es stellt sich – wenig überraschend – heraus, dass die Sprache ein Haupthindernis bei der Annäherung an die estnische Kultur ist: Das Estnische hat 14 Fälle, daher der Filmtitel, und überhaupt eine völlig andere Struktur als das Russische.

Baltische Filme prägen alle Sektionen des Festivals

Die Filmemacherin Marianna Kaat von „14 Fälle“ gehört zu den zahlreichen Frauen, die das Filmgeschäft im Baltikum inzwischen prägen. Aus Litauen kommen die junge Produzentin Giedré Beinoriute mit „Breathing into Marble“ sowie Marija Kavtaradze mit „Summer Survivors“. Die Filmkunst der Länder am Rande der EU wurde in West- und Mitteleuropa lange kaum beachtet. „Die Nordischen Filmtage Lübeck waren das erste Festival, das bereits 1989, also noch vor Wiedererlangung der Unabhängigkeit, baltische Filme im Programm hatte“, kann Linde Fröhlich für ihr Festival in Anspruch nehmen. „Seit 30 Jahren prägen sie das Gesicht der Nordischen Filmtage, und zum 100. Jubiläum der Staatsgründungen werden spannende Produktionen aus Estland, Lettland und Litauen in allen Sektionen präsentiert.“

Michael Berger

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