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Kultur im Norden Fotografie: Ansichten einer Generation
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18:06 11.07.2019
Es brennt: „Kommando Korn“ heißt die Arbeit von Anna Tiessen über junge Leute in Dithmarschen.  Quelle: www.guteaussichten.org
Hamburg

Seit 15 Jahren präsentiert das Haus der Fotografie in Hamburg, angesiedelt in den Deichtorhallen, im Sommer eine Ausstellung mit enormem Anspruch: Hier soll die Zukunft der künstlerischen Fotografie gezeigt werden – und zwar in ihrer hochklassigsten und generationstypischen Ausprägung.

Status quo der Fotografie

Die Ausstellung „Gute Aussichten“ präsentiert in diesem Jahr die Arbeiten von neun Preisträgerinnen und Preisträgern, allesamt Absolventen von renommierten Hochschulen. Eingereicht waren 98 Arbeiten, aus denen eine Jury um den renommierten Fotografen Elger Esser und den Buch-Macher Gerhard Steidl (Verleger von Günter Grass und Karl Lagerfeld) diejenigen auswählte, die „den aktuellen Status quo der jungen Fotografie widerspiegeln“.

Eröffnet wird die Ausstellung am 12. Juli um 19 Uhr mit einer „Sommernacht der Fotografie“ eröffnet. Sie ist bis zum 3. Oktober im Haus der Fotografie/Deichtorhallen in Hamburg zu sehen (Di-So, 11-18 Uhr).

Nicht erschrecken: Fotografie besteht nur noch zu einem kleineren Teil aus rechteckigen Prints oder Abzügen, die ein Stück Realität wiedergeben. Was die neun Künstlerinnen und Künstler als Preisträger des Wettbewerbs „Gute Aussichten“ präsentieren, interpretiert das Genre Fotografie sehr weit und auch individuell.

Es gibt abstrakte Siebdrucke ebenso wie analog erarbeitete Grafiken auf Fotopapier, selbstverständlich werden digitale Experimente mit irgendwelchen Algorithmen vorgeführt. Auch bewegte Bilder, also Videos, sind zu sehen. Was die diesjährige Ausstellung aber einzigartig und auch menschlich macht, sind mehrere biografische Projekte, die sich nicht so sehr um den technischen Aspekt der Lichtbildnerei kümmern, sondern um die Darstellung eines persönlichen Anliegens.

Sexueller Missbrauch

Zum Beispiel die Installation von Sina Niemeyer (28) aus Hannover mit dem schlichten Titel „Für mich“ (und dem zunächst etwas kryptischen Untertitel „A Way of Reconciliation“, ein Weg zur Aussöhnung). Fotos von banalen Räumen gehören dazu, im Zentrum steht ein Video, nur wer es aufmerksam verfolgt, vor allem die Tonspur, erfährt, dass es der jungen Fotografin um die Verarbeitung des sexuellen Missbrauchs geht, den sie als Kind erlitten hat.

Die Bilder zeigen Orte, wo die Übergriffe stattgefunden haben, ein Dialog zwischen Opfer und Täter begleitet die bewegten Bilder. Handschriftliche Notizen und teilweise zerstörte Fotos (des Täters?) aus dem Familienalbum samt Selbstporträts ergänzen die Geschichte eines lebenslangen Kampfes mit den Folgen des Missbrauchs.

Täter aus dem Umfeld

Sina Niemeyer hat auch ein Fotobuch aus ihrem Schicksal gemacht. Je mehr man sich damit beschäftigt, desto erschütternder wirkt diese Arbeit. „Ich finde gar nicht, dass ich mich damit selbst entblöße“, sagt sie und verweist auf eine Statistik: „Jedes achte Kind ist von sexuellen Übergriffen betroffen. Also kennt jeder und jede von uns jemandem, dem solche Gewalt widerfahren ist. Die Hälfte der Täter stammt dabei aus dem engeren familiären und sozialen Umfeld.“ Sie sieht sich als Beispiel.

Beispielhaft will auch Lorraine Hellwig (26) aus München sein. Und zwar für ihre „Generation Y“, den Millennials, die in den 1990er Jahren geboren wurden. Auch sie wartet mit einer opulenten Installation auf, in deren Zentrum ein kleiner Bildschirm steht, auf dem in englischer Sprache Selbstauskünfte von jungen Leuten in Textfragmenten zu lesen sind. „Sorry for the mess“ zum Beispiel, also etwa: „Entschuldigung wegen des Durcheinanders“, oder „I know that I know everything“, „Ich weiß, dass ich alles weiß“. Eine Menge Screenshots und Porträts junger Menschen dominieren den Bildschirm, viel Nacktes darunter. Hellweg versteht ihre Arbeit als Manifest, das auch das ästhetische Ideal ihrer Generation enthält: „Wir sind alle schön.“

Ödnis und Rausch in Dithmarschen

Am leichtesten zugänglich ist die Arbeit von Anna Tiessen, 1993 in Heide geboren und ausgebildet an der Ostkreuzschule in Berlin. Sie hat sich für ihre Abschlussarbeit in das Dorf ihrer Kindheit und Jugend in Dithmarschen begeben – genauer: unter die jungen Männer, die nicht wie sie den Mutterboden verlassen haben. Mit Fotos, die den Protagonisten zum Teil sehr nahe kommen, erzählt sie aus dem feierfreudigen Landleben, „wo das Korn wächst und der Korn getrunken wird“, wie sie sagt. „Kommando Korn!“ nennt sie ihre Reportage. Man begegnet auf den Bildern Ödnis und Rausch, jugendlichem Übermut beim Entzünden des Osterfeuers und trostlosem Suff, harter Landarbeit und stiller Freundschaft. Tiessen bildet die Szenen ästhetisch einnehmend ab, ganz ohne großes Aufhebens um ihr Kunstwollen. Und ein wenig ist ihre Trauer über die verlorene Heimat auf jedem Bild zu spüren.

Michael Berger

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