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Kultur im Norden Frank Schätzing: Vom Bestseller-Autor zum Rockstar
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Frank Schätzing: Vom Bestseller-Autor zum Rockstar
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17:04 17.09.2019
Frank Schätzing: „Für mich war Bowie die Offenbarung. Er sagte: Wenn du nicht weißt, wer du sein willst, dann sei doch einfach alle.“ Quelle: Imago
Köln

Ein Altbau in der Kölner Südstadt. Oben wohnt Bestseller-Autor Frank Schätzing (62) zusammen mit seiner Frau Sabina Valkieser-Schätzing, im Erdgeschoss hat Schätzing sein helles Schreibzimmer mit imposanter Bibliothek. Eine Etage tiefer liegen sein Tonstudio und ein gemütliches Abhängzimmer mit Sofas und einem riesigen Portrait von Amy Winehouse an der Wand. Hier spricht er über sein Musikprojekt Taxi Galaxi und das erste Album gleichen Namens.

Herr Schätzing, machen Sie jetzt mit 45 Jahren Verspätung einen alten Teenager-Traum wahr?

Ich hatte tatsächlich mal geplant, Rockstar zu werden. Maßgeblich befördert durch meinen Musiklehrer, da muss ich zehn oder zwölf gewesen sein. Großer Avantgardist! Spielte uns Strawinksy, Ligeti, Varese vor – harter Stoff für Präpubertierende, aber ich konnte nicht genug davon kriegen. Dann legte er Bowie auf, der gerade angefangen hatte, Platten zu veröffentlichen. Ich weiß noch, ich hörte Space Oddity und dachte: Der ist genau wie Strawinsky! Das sind Klangabenteurer, mit denen willst du auf Expedition. Und dann kam Suzi Quatro . . .

Musikalisch ein ziemliches Kontrastprogramm zu Bowie . . .

Musikalisch stand sie ja eher diametral zu meinen Vorlieben. Aber ich war Teenie, schwer in sie verknallt, hatte ihren Starschnitt überm Bett – um bei der zu landen, musste ich selber Rockstar werden, so viel war klar. Derart hormonell motiviert, lernte ich Gitarre, spielte in allen möglichen Bands, gründete selber welche, immer auf der Suche nach Proberäumen im zu kleinen Köln – und sah mich mit Mitte 20 vor die Frage gestellt, wovon ich eigentlich leben sollte. Außer Musik machen konnte ich zeichnen, schreiben, folgerichtig landete ich mit in der Werbung.

Dann haben Sie als Schriftsteller Karriere gemacht. Wann haben Sie für die Musik noch Zeit gefunden?

Ende der Neunziger kam mir die Idee, Soundtracks für meine Lesungen zu schreiben. In meiner Agentur wurde ein Raum frei, wo man ordentlich Krach machen konnte, mein bester Freund ist Drummer . . . Also ich fing wieder an, Songs zu schreiben.

Wie hat man sich das vorzustellen?

Ich bin ein Nachttier. Entsprechend schwer komme ich in den Tag. Oft stehe ich eine halbe Stunde mit leerem Kopf unter der heißen Dusche, um meine Systeme hochzuladen. Irgendwann fängt mein inneres Radio an, Melodien zu spielen. Unter der Dusche sind mir auch schon komplette Buchkapitel eingefallen. Wiederum bringt das Bücherschreiben Songs hervor, weil ich zwischendurch zur Gitarre greife, um das Hirn zu entknoten. Mit der Zeit sind so an die 100 Songskizzen entstanden.

War das der Auslöser, ein eigenes Tonstudio in den Keller zu bauen?

Ja. Gleich unter meinem Büro lag ein Weinkeller. Als der Besitzer vor fünf Jahren rausging, schlug ich zu. War eine Mordsarbeit. Ein halbes Jahr im Dreck. Wir haben das Gewölbe mannstief ausgeschachtet, uns durch Stahlbeton gebohrt, den irgendein Idiot da meterdick vergossen hatte, Klimaschächte, Kabeltunnel verlegt – ich wollte keine halben Sachen. Ich wollte endlich mein verdammtes Album aufnehmen, von dem ich als Teenager geträumt hatte, und zwar professionell.

Hat das mit Suzi Quatro eigentlich geklappt damals?

(lacht) Nein, die Leidenschaft war flüchtig. Aber man muss sie bewundern. Suzi Quatro hat im Macho-Business Rock ’n’ Roll viel für das Standing weiblicher Künstler getan.

David Bowie klingt jedenfalls deutlich durch in Ihren Songs wie „Trains“. „Perfect Illusion“ erinnert wiederum an die Talking Heads und „Modern Entertainment“ an Britpop-Bands wie Pulp.

Echt? Spannend. Ich denke niemals über so was nach. Klar beeinflusst mich, was mir gefällt, und speziell die Siebziger haben mich geprägt. Aber Nostalgie ist nicht mein Ding. Überwiegend höre ich aktuelles Zeug. Billie Eilish ist sensationell. Und Musikerinnen wie St. Vincent, Anna Calvi, Monika Roscher; zuletzt habe ich mir „I Am Easy To Find“ von The National gekauft, tolle Truppe. Auf Vinyl. Ich liebe Vinyl! Aber eigentlich habe ich keine musikalischen Säulenheiligen. Bis auf Bowie. Mein einziger Held.

Was bewundern Sie an Bowie besonders?

Ich halte ihn schlicht für den größten Popstar aller Zeiten. Wer sonst war fünf Jahrzehnte relevant, hat so viele Impulse gesetzt, gerade für junge Künstler? Bowie zeigte, dass Kunst keine Kompromisse kennt. Wenn du in Kauf nimmst, auf dem Zenit deines Ruhms zu scheitern, einfach um dich radikal neu zu erfinden, und das gleich mehrfach, erfordert das Mut. Es kann gut gehen, es kann fürchterlich schief gehen. Aber nur so funktioniert Kreativität. Für mich damals, einen unsicheren, schüchternen 15-Jährigen, war Bowie die Offenbarung. Er sagte: Wenn du nicht weißt, wer du sein willst, dann sei doch einfach alle. Probier dich aus. Und tu es ein Leben lang.

Fehlt in Deutschland eine Kultur des Scheiterns?

Leider. Ich bin wirklich ein Fan der Deutschen. Wie das Land sich nach seiner dunkelsten Stunde neu erschaffen hat, verdient Respekt. So viel Aufbruchswille und Kreativität! Deutsche Unternehmen wurden Weltmarktführer, deutsche Musiker auch. Denk an die Siebziger, als unsere Musikszene die ganze Welt inspirierte. Nicht von ungefähr gingen Leute wie Bowie, Eno oder Iggy Pop nach Berlin. Und dann kam uns das Visionäre abhanden. Die Macher wurden abgelöst von den Verwaltern und Bedenkenträgern. Bloß, nichts zu riskieren ist das Ende aller Innovation. Wir sollten wieder lernen, das meiste richtig zu machen, statt das wenigste verkehrt.

In Ihrem 2018 veröffentlichen Roman „Die Tyrannei des Schmetterlings“ geht es um Künstliche Intelligenz. Bräuchte Deutschland technologische Pioniere wie Elon Musk, der Tesla gegründet hat und aktuell das menschliche Gehirn mit dem Computer verschmelzen will?

Ein paar Musks täten uns gut. Oder ein Larry Page, der Google-Mitbegründer. Die sind ja keine Halbgötter, aber sie setzen die großen Hebel des Fortschritts in Gang. Manchmal mit nervigen Nebenwirkungen: Social Media ist, wie Lady Gaga so schön sagt, die Kloake des Internets, aber das Internet an sich ist großartig! Musks Vorstoß in die Elektromobilität, sein Griff nach den Sternen – bewundernswert. Eine bessere Zukunft lässt sich nur mit Pioniergeist und Radikalität anstreben. Im Silicon Valley mögen sie ein paar Gänge zu schnell unterwegs sein – das ist immer noch tausendmal besser als die Bräsigkeit, mit der Politiker und Populisten den Planeten vor die Wand fahren. Künstliche Intelligenz, Robotik, autonomes Fahren bergen Risiken, stimmt, vor allem aber halten sie unglaubliche Chancen bereit. Die digitale Revolution ist unumkehrbar. Wollen wir sie mitgestalten oder maulen? Zurzeit maulen wir. Auch unsere Kulturszene, Musik, Literatur, Film, gefällt sich in feinsinnigem Pessimismus. Mir fehlt die Lust am Aufbruch, am bahnbrechend Neuen.

Sie selbst sind aber auch nie großartig gescheitert, oder? Erfolgreiche Werbeagentur, gleich der erste Roman verkaufte sich gut, „Der Schwarm“ wurde 2004 ein Bestseller.

Fake News! (lacht) Soll ich Ihnen mal die fünfzig Absageschreiben von Verlagen zeigen, bevor mich einer publizierte? Ich bin mehr als einmal krachend gescheitert, nur ist das nicht Teil der öffentlichen Wahrnehmung. Ich wollte Musik studieren, Kunst – mit meinem Numerus Clausus illusorisch. Dafür klappte es mit Kommunikation, und mit 27 hatte ich den ersten Job, bei dem ich nicht befürchten musste, dass sie mich gleich wieder rauswerfen. Plötzlich startete ich durch. Gründete mit Freunden meine eigene Werbeagentur, erster Job: Plattencover für die EMI. Wir schossen regelrecht durch die Decke, Top 30 im deutschen Agentur-Ranking – dann sprangen über Nacht zwei Großkunden ab. Zack, bankrott. Comeback. Talfahrt. Während der Krise schrieb ich den Schwarm, nachts und an Wochenenden. Da war ich noch kein Bestseller-Autor. Ich investierte anderthalb Jahre meiner Kraft ohne Gewähr, dass sich ein Mensch für ein Unterwasserabenteuer mit intelligenten Einzellern interessiert. Aber du bewegst nur was, wenn die ins Risiko gehst.

Ist die Musik ein zweites Karrierestandbein?

Ich habe noch nie eine Karriere geplant. Meist hatte ich nicht mal einen Plan. Ich gehe einfach in die Richtung, die mich lockt. Und ich muss brennen für das, was ich tue. Dann gebe ich alles! Klar ist die Musik ein Spaß, sonst hätte ich nicht damit angefangen, aber ich habe auch extrem hohe künstlerische Ansprüche an mich selbst. Ein Perfektionismus, der mich schon manche Nacht Schlaf gekostet hat. Aber was willst du machen, so ticke ich. Mit einem Flop könnte ich leben. Mit dem Gefühl, etwas veröffentlicht zu haben, das ich hätte besser machen können, eher nicht.

Auf dem Album spielen einige sehr bekannte Musiker. Haben die zugesagt, weil sie wussten, bei Ihnen müssen sie nicht hinter ihrem Geld herlaufen?

Nein, weil sie die Songs gut fanden. (lacht) Dass Musiker angemessen und pünktlich bezahlt werden, versteht sich von selbst. Das Ganze kam so: In meinem SF-Roman „Limit“ gibt es ein Kapitel über Musik im China des Jahres 2025: Neo-Prog, der sich auf Vorbilder wie King Crimson beruft. Das las der Komponist und Gitarrist Markus Reuter und nahm Kontakt mit mir auf. Markus ist Robert Fripp-Schüler und hat zusammen mit Peter-Gabriel- und King Crimson-Bassist Tony Levin und Crimson-Drummer Pat Masteletto eine Band, Stick Men. Ich fragte Markus, ob er als Koproduzent einsteigen wolle, er sagte zu, spielte Tony und Pat die Songs vor, und plötzlich hatte ich zwei Superstars auf dem Album. Übermütig geworden, kontaktierte ich Mike Garson, David Bowies Pianist – und tatsächlich, Mike griff in die Tasten! Was für eine Ehre! Am Ende hatte ich eine Supertruppe beisammen, mit der ich allerdings kaum würde touren können. Darum sieht man in der Live-Band neue Gesichter. Ich wollte vor allem Frauen. Mit Julia Hofer am Bass und Hilde Müller am Piano sind jetzt zwei fantastische Musikerinnen dabei.

Das Multitalent

Der Kölner Frank Schätzing ist ein wahres Multitalent. Als Creative Direktor machte er erst in der Werbebranche Karriere, sich dann mit eigener Agentur selbstständig. „Tod und Teufel“ hieß 1995 sein erster Roman. „Der Schwarm“ wurde 2004 ein Welterfolg. 2014 spielte Schätzing in einem „Tatort“ mit.

Jetzt erscheint sein Musikdebüt:Taxi Galaxi“, CD 16.99 €, Vinyl 28,99 €

Seid ihr schon aufgetreten?

Wir spielen demnächst ein paar Gigs und schauen, wohin uns das alles führt. Vielleicht gibt’s 2020 ja eine kleine Clubtour.

Woher kommen die Ideen für Songtexte?

Aus Beobachtungen. Ich sitze im Stammcafé, sehe die Menschen kommen und gehen. Irgendwann fiel mir ein Nordafrikaner auf, kultivierte Erscheinung. Er trank seinen Cappuccino und strahlte eine gewisse Traurigkeit aus. Ich stellte mir vor, wie er hier lebt. Hat vielleicht ein schönes Zuhause, einen guten Job, Freunde – aber seine Frau ist traumatisiert, und er selbst schreckt nachts hoch und sieht seine Welt in Flammen stehen. So entstand „Loser“, ein Song über die nie verheilende Wunde, die der Verlust der Heimat reißt. „Modern Entertainment“ erzählt von einem Fernseh-Junkie, den es erregt, wenn sein Lieblings-News-Girl schlechte Nachrichten verliest, ein sarkastischer, lustiger Song. Andere Texte stammen von meiner Frau Sabina, die sehr coole, surreale Lyrics schreibt.

Was macht eigentlich die lange geplante Verfilmung von „Der Schwarm“?

Die geht voran. Ich arbeite zusammen mit Frank Doelger, dem Mastermind hinter „Game Of Thrones“, das Buch zur achtteiligen Serie um. Die Finanzierung steht, internationale Produktion, Drehbeginn voraussichtlich im Frühjahr 2020. Wenn alles gut geht.

Von Steffen Rüth

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