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16:06 07.12.2018
Franz Gertsch vor dem drei mal vier Meter messenden Bild „Große Pestwurz“, das er für die  Kieler Ausstellung noch fertig gemalt hat.
Franz Gertsch vor dem drei mal vier Meter messenden Bild „Große Pestwurz“, das er für die Kieler Ausstellung noch fertig gemalt hat. Quelle: Helmut Kunde
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Silvia zum Beispiel hat Franz Gertsch 1997 fotografiert. Eine Schülerin, sie war ihm im Tai-Chi-Kurs seiner Frau aufgefallen. Ein Jahr später hat er sie gemalt. Und jetzt hängt sie hier, zweimeterneunzig mal zweimeterachtzig, und lässt einen nicht aus den Augen.

Die Kunst von Franz Gertsch ist gewaltig. Wo andere die kleine Form wählen, greift er zu großen Formaten. Und doch ist darauf alles bis ins Kleinste geregelt. Er hat nicht viele dieser raumgreifenden Bilder geschaffen, gut fünf Dutzend, aber er kennt jeden Millimeter darauf. Er hat sich mit jeder Ecke vertraut gemacht.

Noch bis zum 24. Februar

Franz Gertschwurde 1930 im schweizerischen Kanton Bern geboren. 1969 begann er fotorealistisch zu malen, Mitte der Achtziger verlegte er sich auch auf Holzschnitte. Seit 2002 hat er in Burgdorf bei Bern ein eigenes Museum, finanziert von dem Sammler und Unternehmer Willy Michel, der mit Insulinspritzen zu einigem Vermögen gekommen ist. Bei der Universität Kiel ist Gertsch Ehrenbürger. Die Ausstellung „Bilder sind meine Biografie“ in der Kieler Kunsthalle läuft noch bis zum 24. Februar (Dienstag bis Sonntag 10 – 18 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr). Eintritt: 7/4 Euro

Fotorealismus heißt die Kunst, die Gertsch betreibt. Er nimmt ein Foto, wirft es als Dia auf eine große Fläche und schafft in einiger Vergrößerung ein neues Werk. Der Schweizer ist so zu einem der namhaftesten Künstler geworden mit Ausstellungen von New York bis Peking. Jetzt sind in der Kieler Kunsthalle vierzehn seiner Werke zu sehen. Dazu 30 Aquarelle aus den Sechzigerjahren, der Zeit also, bevor er sich an die Nacherzählung der Wirklichkeit im großen Stil gemacht hat. Und die Wirkung ist enorm.

Dabei spielt es keine Rolle, ob Gertsch einen Menschen porträtiert oder einen Waldweg nahe seinem Haus im schweizerischen Rüschegg zum Gegenstand nimmt. Ob er sich für ein Gras-Schilf-Gewimmel entscheidet, für Pestwurz-Blätter oder für seine Frau Maria beim Sonnenbaden am Strand von Guadeloupe, ein Holzschnitt im Übrigen, fast drei mal fünf Meter groß. Man staunt über diese Technik, diese Fertigkeit. Man fragt sich, wie das geht, Bilder solcher Größe und Genauigkeit zu schaffen, ohne unterwegs die Nerven zu verlieren. Zumal es ja auch dauert. Als ihm das Foto eines Herbstwaldes in die Hände fiel, hat er mit anderthalb Jahren gerechnet, bis es fertig sein würde. Er ist dann ein wenig schneller gewesen und hat nur etwa ein Jahr gebraucht, aber so ist das meist.

Eine Art Notwehr

Gertsch’ Bilder sind Übungen in Demut. Es sind Langzeitstudien und ihm auch so etwas wie Lebensabschnittspartner. Wer sich über Monate in die Arme eines solchen Abenteuers wirft, der sollte wissen, was er tut. Aber es ist wohl eine Art Notwehr: „Mir tut jeder Stein leid, den ich nicht porträtiert habe“, wird er zitiert. „Ein Bild ist umso besser, je mehr dem Betrachter die Worte fehlen.“

Gertsch hat Ende der Sechzigerjahre begonnen, naturalistisch nach Fotografien zu malen. „Hua ...!“ hieß das erste Bild, ein wilder Reiter auf weißem Pferd. Er habe begriffen, „dass die Realität heute nur noch mit dem Fotoapparat festgehalten werden kann“, sagte er. Und dann machte er immer so weiter.

In der Ausstellung hängt „Maria und Benz“ von 1970, entstanden nach einem Foto von seiner Frau und seinem kleinen Sohn. Eine zufällige Szene, wie man sie auf jedem Smartphone junger Eltern findet. Da ist die Malerei noch etwas flächiger, nicht so feinkörnig wie auf den späteren Bildern. Aber es sollte nicht lange dauern bis zu seinem künstlerischen Durchbruch. 1972 war das, als Harald Szeeman ihn zur documenta nach Kassel einlud und sein Bild „Medici“ zusammen mit den Arbeiten der amerikanischen Fotorealisten Robert Bechtle, Chuck Close und Richard Estes ausstellte.

Mitte der Achtziger ließ Gertsch die Malerei vorerst ruhen und machte sich an Holzschnitte, allerdings in den gleichen Dimensionen. Mit feinen Hohleisen kerbte er kleinste Partikel aus Lindenholzplatten, bevor auf eigens geschöpftem Japanpapier monochrome Abzüge gemacht wurden. Auch das war eine Entdeckung der Langsamkeit, eine Meditation. Nach zehn Jahren aber griff er auch wieder zum Pinsel.

„Sie mussten einfach groß sein“

Warum macht man das? Warum nimmt man ein Foto, manchmal wie bei „Meer“ erst nach 46 Jahren, und malt es in riesigem Format noch einmal neu? Weshalb muss eine geriffelte Wasseroberfläche wie das Tryptichon „Schwarzwasser“ 2,76 mal 5,97 Meter in Holz geschnitten werden?

„Sie mussten einfach groß sein“, hat Franz Gertsch einmal gesagt. „Warum? Darüber könnte man stundenlang sprechen.“ Jedenfalls werden die konkreten Bilder umso abstrakter, je näher man ihnen kommt. Aus kurzer Distanz lösen sie sich fast ganz auf. Aus einiger Entfernung aber kann man in ihnen spazieren gehen.

Wobei die Fotos aber nicht alles vorgeben. Sie müssten ihm die Möglichkeit lassen, „ein Bild daraus zu machen“, hat er gesagt. Es sei wie eine „Partitur, die der Musiker umsetzen und interpretieren muss“. Außerdem hat er keine Probleme mit seinem Beruf: „Bei mir ist das Malen eine Befriedigung, eine Lust.“

Peter Intelmann

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