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Kultur im Norden Fremde kamen sich näher
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18:10 14.05.2018
Syrische Musiker und Studierende aus Lübeck hatten ein gemeinsames Programm vorbereitet – die Zuhörer waren begeistert. Quelle: Foto: Wolfgang Maxwitat

Lukas Stubenrauch und Sebastian Borleis, Studierende an der Musikhochschule Lübeck, haben als Organisatoren und Mitwirkende ungezählte Stunden und viel, viel Herzblut in dieses besondere Konzert gesteckt. Nach zweieinhalb Stunden im voll besetzten Großen Saal konnten nicht nur die Macher zufrieden feststellen: Es hat sich gelohnt. Das Publikum war begeistert und beseelt, besonders von der zweiten Hälfte des als „Begegnungen IV“ betitelten Abends. Das Gast-Ensemble Syriab trat gemeinsam mit mehr als 20 Studierenden der Musikhochschule auf , orientalische und europäische Klänge verschmolzen in multikultureller Symbiose. Im Anschluss wurde im Foyer ausgelassen gefeiert.

„Abgründe und Lichtblicke“

Seit 1992 veranstaltet die Musikhochschule jährlich das Brahms-Festival. Dabei setzen die Organisatoren die Musik des in Hamburg geborenen Komponisten in viele Beziehungen: zu Freunden und Wahlverwandten, zu Vorbildern und Nachfolgern, zu Landschaften und Kulturkreisen, zur Geschichte und Gegenwart. Festivalleiter Wolfgang Sandberger verriet bereits das Motto des kommenden Jahres:

„Abgründe und Lichtblicke“.

Orient und Okzident

Der von den Studierenden passend zum Festival-Motto „Fremde“ gestaltete Abend begann inspirierend, aber noch ein wenig sperrig mit den „Sites auriculaires für zwei Klaviere“ von Maurice Ravel, gefolgt von einer Komposition des türkischstämmigen Komponisten, Pianisten und Bürgerrechtlers Fazil Say für Bläserquintett und der „Suite für Violine, Klavier und kleines Orchester“ von Lou Harrison (1917-2003). Der US-Amerikaner ist dafür bekannt, dass er die Traditionen verschiedenster Kulturen aufnahm, in diesem Fall indonesischer Gamelan-Orchester. Nach der Pause dann die geglückte Begegnung von Orient und Okzident: Das Ensemble Syriab besteht überwiegend aus 2015 nach Deutschland gekommenen, in Syrien an einer Hochschule ausgebildeten Musikern, die in unterschiedlichen Städten leben und sich, wie jetzt in Lübeck, für Projekte zusammenfinden. Drei Tage wurde an der Trave geprobt, das Ergebnis ließ staunen: Bis zu 15 Musiker – sechs von Syriab, die übrigen Studierende der Hochschule in wechselnden Besetzungen – präsentierten in vier traditionellen syrischen, von Kompositionsstudenten der MHL arrangierten Instrumentalstücken ein bemerkenswertes Zusammenspiel. In Improvisationen rückten mal Saxophon oder Klarinette, mal Oud (Laute), Kanun (Zitter) oder Tabla (Trommel) ins Zentrum. Schön auch die klangliche Begegnung von Ney (Längsflöte) und (Quer)Flöte! „Fremde sind Freunde, die man nur noch nicht kennengelernt hat“: Das Bonmot, von Mitorganisator Lukas Stubenrauch zu Konzertbeginn zitiert, wurde an diesem Abend wunderbar eingelöst. Zum Finale des Brahms-Festivals waren am Sonntag noch einmal viele Musikfreunde im Konzertsaal der Musikhochschule versammelt. „...fremd zieh ich wieder aus“ lautete das Motto, das einem der bekanntesten Lieder von Franz Schubert entlehnt ist. Im Ohr hat man es als Sologesang mit Klavierbegleitung, hier wurde es in einer Fassung für Tenor, Chor, Klavier, Harfe, Cello und Saxophon geboten. Daniel Schliewa sang die Verse von Wilhelm Müller mit klarer Diktion und tragender Stimme, der kleine Chor nahm ihm die Zeilen der Melodie von Zeit zu Zeit aus dem Mund. Ekaterina Klewitz hat die Fassung geschrieben, dabei das Original nicht vergewaltigt. Sie verehrt den Meister offenbar genauso wie die Mitwirkenden. Fremd war für viele das Bläserseptett op. 165 von Charles Koechlin. Der Franzose erlaubt sich im Aufbau den einen oder anderen Scherz, wenn etwa die Klarinette (Reiner Wehle) oder die Oboe (Diethelm Jonas) einige Zeit solo spielen müssen. Das Musizieren mit Angela Firkins (Flöte), Britta Just (Englischhorn), Pierre Martens (Fagott), Rico Gubler, (Altsaxophon) und Alexander Hertel (Horn) ergab ein launiges, fröhliches Miteinander. Konstanze Eickhorst (Klavier), Christoph Callies (Violine) und Troels Svane (Cello) boten das Klaviertrio Nr. 2 op. 87 von Johannes Brahms, hervorragend im Zusammenspiel, ausgefeilt bis in die letzte Nuance. Energiegeladen kam der ersten Satz. Die Variationen im Andante con moto glänzten wie Perlen einer Kette. Schwungvoll, fast übermütig der Schluss.

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Spielfreude und Spielwitz

Eine besonders eingängige Kostbarkeit folgte nach der Pause: Antonin Dvoraks Streichquintett op. 97, entstanden in den USA im zeitlichen Umfeld der Sinfonie „Aus der Neuen Welt“. Zu Christoph Callies und Troels Svane gesellten sich Barbara Westphal und Lena Eckels (Bratschen) sowie Shoko Murakami (zweite Geige). Auch hier beherrschten Spielfreude und Spielwitz das musikalische Geschehen.

Farbenreich waren die Variationen im Larghetto, delikat die Wanderungen durch Landschaften der Neuen Welt im Schlusssatz.

Sabine Spatzek und Konrad Dittrich