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Kultur im Norden Der Tod, das Leben, die Liebe – Jostein Gaarder in Lübeck
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17:22 26.07.2019
„Der Tod ist eine Gemeinheit“: Jostein Gaarder (66). Quelle: Agentur 54°/Felix König
Lübeck

Jostein Gaarder hat zehn Jahre an der Schule Philosophie unterrichtet. Dann setzte er sich hin, schrieb ein dickes Buch, und Norwegen war neben Henrik Ibsen und Knut Hamsun mit einem weiteren Namen in der internationalen Literatur vertreten. Ungeheure 60 Millionen Mal wurde „Sofies Welt“ seither verkauft und in 65 Sprachen übersetzt. Es war ein seltener Erfolg. Jetzt hat Gaarder ein neues Buch veröffentlicht, eine schmale Erzählung. „Genau richtig“ heißt sie, in Lübeck hat er sie im Rahmen des Literatursommers Schleswig-Holstein vor Hunderten Zuhörern in der Petrikirche vorgestellt.

Es geht um Albert, einen Mann in den Fünfzigern, der von seiner Ärztin eine furchtbare Diagnose erhält. Er zieht sich in eine Hütte zurück, einsam am See gelegen, macht Feuer im Ofen, sieht nach draußen in den noch kalten April, in den Himmel und fängt an zu schreiben. Es ist ein Brief an seine Frau Eirin, an seinen Sohn und dessen Familie. Es ist der Versuch, mit dieser Diagnose irgendwie umzugehen und eine Haltung dazu zu finden. Und er begibt sich damit auf den Weg zu den ganz großen Fragen.

Fast 67 Jahre für 128 Seiten

Das hat Jostein Gaarder schon immer getan, gerade auch in „Sofies Welt“, wo er um die Geschichte eines jungen Mädchens die abendländische Philosophie aufblättert. Und er macht Ausflüge in die Naturwissenschaften, in die Astrophysik. Er habe fast 67 Jahre gebraucht, um diese 128 Seiten zu schreiben, sagt er und macht deutlich, dass sie auch so etwas wie eine Bilanz sind.

Dass die großen und die letzten Fragen nicht grau und ernst daherkommen müssen, ist Gaarder anzusehen. Da sitzt ein ausgesprochen munterer Mann zwischen dem Moderator Kai U. Jürgens und der Übersetzerin Nann Molskred, einer, der gern lacht und erzählt. Von dem Erstaunen über die Existenz etwa, das ihn mit zehn Jahren befiel. Da hat er es völlig verrückt gefunden, dass er hier herumläuft, dass es Leben gibt und überhaupt so etwas wie die Welt und dass die Zeit auf der Erde kurz ist und sich nicht wiederholt. Aber noch verrückter war, dass die Erwachsenen das alles selbstverständlich hinnahmen. Es war nichts, was sie groß beschäftigt hätte. Das Leben lebte, so einfach war das.

Einer bleibt allein zurück

Gaarder hat diese Erschütterung nie losgelassen. Er geht ihr auch in „Genau richtig“ nach, diesem Buch über den Tod, das Leben und die Liebe, wie er sagt. Einer Liebe, die wie jede Liebe zwischen zwei Menschen immer auch eine kosmologische Dimension habe. Denn wie alles sei auch sie endlich, der eine müsse den anderen allein zurücklassen. Der Tod sei eine Gemeinheit, lässt er Albert in der Erzählung klagen, und genauso sehe es ja auch aus, unterstreicht Gaarder. Schon die unruhigen Studenten hätten 1968 an die Wand der Pariser Sorbonne geschrieben: „Der Tod ist konterrevolutionär!“

Viele klassische Fragen der Philosophie seien heute das Geschäft der Naturwissenschaften, sagt Gaarder. Astrophysiker etwa fragten: Was ist die Welt? Die Philosophie sei damit aber nicht überflüssig geworden, im Gegenteil. Was ist Liebe? Was ist Freundschaft? Was ist Vergebung? Da hätten die Naturwissenschaften keine Antworten. Er wäre im Übrigen nicht erstaunt, wenn es nach dieser Welt noch eine andere gäbe, sagt er auf die Frage nach der Religion. Und freuen würde es ihn auch.

Die Termine des Literatursommers in Lübeck:Lesung mit Tomas Espedal am 1. August in der Buchhandlung Hugendubel (Königstraße, 20 Uhr). Lesung mit Hanne Ørstavik am 9. August in der Hanseresidenz (18 Uhr).

Lesung und Musik mit Pål Moddi Knutsen am 27. August (Hafenschuppen C, Willy-Brandt-Allee, 19 Uhr).

Peter Intelmann

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