Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Glanzvoll: Britten-Oper in Lübeck
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Glanzvoll: Britten-Oper in Lübeck
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:10 25.06.2018

Brittens Oper ist ein düsteres Werk. Die tugendhafte Römerin wehrt sich gegen die Vergewaltigung durch den Tyrannen- Sohn Tarquinius und muss sie doch erleiden. Obwohl ihr Mann Collatinus Verständnis für seine Frau hat, nimmt sie sich aus Scham das Leben. Anthony Pilavachi hat einiges geändert. Collatinus ist bei ihm nicht der verständnisvolle Ehemann, er passt zum Rest der derben männlichen Gesellschaft. Schon im ersten Teil bandelt er mit zwei leichten Damen an, seine Frau erfährt von ihm nur Ablehnung, er selbst drückt ihr den Dolch in die Hand. Und direkt nach dem Freitod seiner Frau bandelt er mit dem Zimmermädchen an. Das ist eine Uminterpretation der Geschichte, die Sinn macht, weil sie die Fronten in diesem Stück klärt. Dazu gehört auch, dass Pilavachi die beiden Erzähler zu handelnden Personen macht.

Spielen lässt Anthony Pilavachi auf einer fast leeren Bühne. Ein paar Stühle, als Requisiten Plastikblumen, ein Dolch und zwei Tücher. Es ist die ausgeklügelte Personenführung, die fasziniert.

Pilavachi bewegt sein Personal so geschickt und intensiv auf der Bühne, dass man kaum bemerkt, dass diese fast leer ist. Eine wunderbare Leistung.

Bewundernswert war auch die Leistung des Ensembles. Der Regisseur hat die jungen Sänger bei Null abgeholt und zu einem darstellerischen Niveau geführt, das kaum glaublich war. Annemarie Wolf als Lucretia schien ihre Rolle wirklich zu durchleben, Jeunggeun Choi als Tarquinius gab den Bösewicht mit wahrer Wollust. Stimmlich und darstellerisch auch überzeugend Daniel Schliewa als Erzähler und Dorothee Bienert als Erzählerin, allein schon ihr Duell hätte einen Abend gefüllt. Die Nebenrollen erfüllten Maxim Sankirov (Collatinus), Jeremy Almeida Uy (Junius), Iris Meyer (Amme) und Celina Charlotte Denden (Zimmermädchen) mit Leben.

Musikalisch war die Qualität ebenfalls erlesen. Robert Roche dirigierte vom Klavier aus im Stehen, so absolvierte er auch den Klavierpart. Das Orchester spielte engagiert und fast immer präzise. Ein wunderbarer Abend. Und umso trauriger ist, dass Anthony Pilavachi nicht mehr am Theater Lübeck inszenieren will. Als Professor für szenische Darstellung wäre er ein riesiger Gewinn für die Hochschule. Und für die Stadt. fel

LN