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Kultur im Norden Als Günter Grass mal Artur Knoff war
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18:00 21.05.2019
Günter Grass’ damalige Frau Anna posierte auf dem Buchdeckel mit Mütze und angeklebtem Bart als unbekannter Dichter. Quelle: Steidl Verlag
Lübeck

Jemand musste Hermann Boitz verleumdet haben. Also, nicht eigentlich verleumdet, es hatte sich nur jemand erinnert. Dass nämlich Hermann Boitz eine Vergangenheit besaß und sich „während der unglückseligen Zeit allgemeiner Verwirrung hatte überreden lassen, den hiesigen SA-Sturm zu führen“.

Vor allem aber soll er „als Sturmführer im Jahre sechsunddreißig Gelder veruntreut haben“. Gelder, mit denen sportbegeisterte SA-Männer zu Olympia nach Berlin hatten fahren wollen, darunter sein jüngerer Bruder Claus. Und deshalb, aus diesem wohl einsichtigen Grunde, konnte Hermann Boitz kein Prinz Karneval werden.

Kein großer Name drauf

So steht es geschrieben in einem kleinen Büchlein, schmale 64 Seiten nur, das jetzt neu auf den Markt gekommen ist. Da war es schon einmal, ist aber gleich wieder verschwunden. Es stand ja auch kein großer Name drauf. Artur Knoff nur, und wer kannte schon Artur Knoff. Dabei hätte man es mit einigem Geschick und Gespür vielleicht besser wissen können.

Geschrieben hatte es Günter Grass in den Sechzigerjahren. Da war die „Blechtrommel“ schon in der Welt, die Danziger Trilogie mit „Katz und Maus“ und den „Hundejahren“ überhaupt. Der Dichter hatte ein paar kleine Geschichten sich ausgedacht, für die sich so recht keine Verwendung fand, die aber auch nicht verkommen sollten. Und weil er sie nicht unter seinem Namen den „Großkritikern zum Fraß“ vorwerfen wollte, wie er sagte, druckte er den Namen seines Onkels drauf.

Biografie erfunden

Artur Knoff war ein Bruder seiner verehrten Mutter Helene, einer von drei Onkeln, die im Ersten Weltkrieg geblieben waren. Alle hatten sie Talente, der eine kochte, der andere zeichnete, und Artur Knoff schrieb Gedichte nach Eichendorff’scher Manier. Und weil ein Dichter auch eine anständige Biografie haben muss, dichtete Grass ihm im Klappentext eine an – 1937 in Hirschberg, Schlesien geboren, jetzt seine erste Veröffentlichung.

Er tat das nicht allein, schreibt sein Biograf Michael Jürgs. Walter Höllerer war eingeweiht, der Kritiker, Literatenkollege und Talentefinder. Der sollte Artur Knoff entdeckt haben. Und weil auf ein Buch ein Foto gehört, hat das Höllerers Frau Renate von Mangoldt gemacht, denn die war ja vom Fach. Allerdings zeigte es nicht Artur Knoff, sondern Grass’ damalige Frau Anna mit Schiebermütze, Pfeife und angeklebtem Schnurrbart.

Zwei Absätze, eine Geschichte

Dem Buch war kein Erfolg beschieden. Es lag in den Regalen und hütete die Läden. Sehr zu Unrecht, denn die Grass’schen Miniaturen sind von ganz eigenem Charme. Dreizehn Stück sind es nur, manche ein paar Seiten lang, „Sophie“ ist schon nach zwei Absätzen zu Ende.

„Bikini Atoll“ hat zwei Absätze mehr, kann aber bei Licht betrachtet auch nur vier Sätze bieten. In ihnen jedoch ist der typische Grass-Tonfall sehr deutlich zu hören. Das klingt dann so: „Als sich in südöstlicher Richtung nicht zeigen wollte, was die Radiomeldung versprochen und eine pilzförmige Wolkenwucherung genannt hatte, ließ Matthias Törne den Kompaß und die Uhr in beiden Joppentaschen gleiten, machte kehrt, ging querfeldein durch die Rüben, bückte sich im Gehen zweimal nach Unkraut und drehte sich auch vor dem Hoftor nicht mehr um.“

Im Suff verplaudert

Das Buch erschien 1968 in der Schriftenreihe des Literarischen Colloquiums Berlin, dessen Leiter Freund Höllerer war. Grass war damals 41 Jahre alt. Ein paar Kritiker, schreibt Jürgs, hätten dem unbekannten Autor Talent bescheinigt. Einer habe gar „eine gewisse Abhängigkeit von einem Romanschriftsteller namens Grass“ entdeckt. Dennoch sei die Geschichte erst aufgeflogen, als Klaus Roehler, der damals Grass’ Bücher im Luchterhand-Verlag lektorierte und den der Dichter eingeweiht hatte, „sich im Suff verplauderte“. Das Buch selbst aber spricht in einer Anmerkung davon, Grass selbst habe das Geheimnis 1980 enthüllt.

Jetzt liegen sie also wieder vor, die Geschichten. Mit Anna Grass als Dichter vorne drauf. Manche sind melancholisch, manche bös, manche zärtlich wie Suleyken. Lesenswert aber sind sie alle.

Info: Günter Grass, „Die Artur-Knoff-Geschichten“, Steidl Verlag, 64 Seiten, 12.80 Euro

Peter Intelmann

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