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Kultur im Norden „Unendlich liebenswert“
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16:34 28.01.2019
„Er bindet aus Disteln einen Kranz“: Jens Sparschuh (M.) mit der Autorenkollegin Eva Menasse und Lübecks Bürgermeister Jan Lindenau.
„Er bindet aus Disteln einen Kranz“: Jens Sparschuh (M.) mit der Autorenkollegin Eva Menasse und Lübecks Bürgermeister Jan Lindenau. Quelle: Olaf Malzahn
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Lübeck

Die Kriterien für die Vergabe des Günter-Grass-Preises seien nicht minder mysteriös als die in Stockholm, sagte Tilman Spengler. In diesem Jahr habe die Jury aber nicht lange gebraucht, um sich auf Jens Sparschuh als Preisträger zu verständigen. 45 Sekunden hätten genügt. Am Sonntag (27. Januar) wurde die Auszeichnung im Bürgerschaftssaal des Lübecker Rathauses überreicht.

Jens Sparschuh (63) schreibt Romane und Kinderbücher, Hörspiele und Essays. Er lebt in Berlin und ist in Lübeck gut bekannt. Er war häufig Gast beim Literaturtreffen, in dessen Rahmen der Preis verliehen wird. Er habe daher anfangs überlegt, ob er ihn annehmen solle, sagte er. Das hätte bei einer Ehrung von Autoren für Autoren schon nach „Selbstbedienungsladen“ aussehen können. Aber sie sei eben auch etwas sehr Besonderes.

Die Laudatio wurde mit Ingo Schulze, Thomas Hettche (in Vertretung Dagmar Leupolds), Zora del Buono, Eva Menasse und Tilman Spengler gleich von fünf Kollegen gehalten. Sie lobten die Doppelbödigkeit und den feinen Humor in Sparschuhs Texten. Thomas Hettche sprach mit den Worten Dagmar Leupolds von Sparschuhs „Schmuggelkünsten“ und den geheimen Türen in den Geschichten. Seine Helden seien „unrettbar lebensunfähig, aber unendlich liebenswert“, sagte Eva Menasse und lieferte gleich noch die Definition eines „guten Romans“, der sich zu einer Handlung verhalte „wie eine reichhaltige Landschaft zu einer Autobahn“. Tilman Spengler erklärte das Augenzwinkern zum „Feind des guten Kinderbuchs“ und sagte, Jens Sparschuh brauche keine fernen Galaxien, um Märchen zu schreiben. Er binde vielmehr „aus Disteln einen Kranz“.

„Was ich hier alles zu hören bekam – ach du lieber Himmel. Es war ganz beeindruckend“, sagte der so Gelobte, der von seinem Verleger Helge Malchow (Kiepenheuer & Witsch) und seiner Lektorin begleitet wurde. Er erzählte von „Kopfsprung“, einem frühen Roman aus DDR-Zeiten, der fertig war, aber höherenorts auf Bedenken stieß. Immerhin spielte er in einem Institut für Marxismus-Leninismus und handelte von einem unsterblichen Hausmeister, was ein Gutachten erforderlich machte. Im „neverland“ der Wendezeit sei er schließlich doch noch erschienen, aber er hege Skepsis, wenn ein Text sofort Beifall finde. Irgendwas, denke er dann, stimme da nicht. Seine Rede schloss er mit einem Auszug aus Günter Grass’ „Vonne Endlichkait“. Der sei ja „auch einer aus dem Osten“ gewesen.

Der Günter-Grass-Preis wird seit 2011 vergeben, zum zweiten Mal ist er jetzt nach dem Nobelpreisträger benannt. Dotiert ist er mit einer wechselnden Summe, die sich aus Spenden der Autoren und einer Unterstützung der Günter und Ute Grass-Stiftung zusammensetzt.

Peter Intelmann