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Kultur im Norden Hänsel und Gretel auf Kampfeinsatz im Wald
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21:10 16.03.2013
Berlin

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann ballern sie noch heute. In der Vox-Fernsehserie „Grimm“ geht ein Nachkomme der Märchenbrüder mit einem Wohnwagen voller Waffen auf Monsterjagd. Im aktuellen Kinofilm „Hänsel und Gretel“ sind aus den verlorenen Kindern von damals treffsichere Kampfmaschinen geworden, die in Tarantino-Manier mit Megawummen Hexen erlegen. Auch der Disney-Film „Die fantastische Welt von Oz“ und das diese Woche in deutschen Kinos anlaufende Warner-Werk „Jack and the Giants“ nach dem Märchen „Hans und die Bohnenranke“ erinnern eher an „Herr der Ringe“ als an Defa-Märchenfilme.

Nach der Fantasy-Welle bedient jetzt die Märchen-Industrie die Sehnsucht nach übernatürlichen Welten. Doch sind Ballerszenen wie im Film „Hänsel und Gretel“ tatsächlich so weit weg von den ursprünglichen Märchen, wie es scheint? Schließlich spielt Gewalt auch bei den Brüdern Grimm eine große Rolle: Die Stiefschwestern von „Aschenputtel“ hacken sich die Fersen ab, in der „Gänsemagd“ wird eine Übeltäterin nackt in ein mit Nägeln beschlagenes Fass gesteckt und zu Tode geschleift.

Der Märchenforscher Heinz Rölleke, emeritierter Germanistik-Professor der Bergischen Universität Wuppertal, erklärt: „Märchen konfrontieren den Leser mit Gewalt, weil die ein Teil der Welt ist. Doch die Geschichten lehren, dass der Märchenheld die Gewalt überwinden kann.“ In jüngeren Verfilmungen jedoch werde die Märchenmoral auf den Kopf gestellt. „Das Gleichgewicht der Geschichte geht kaputt, wenn die Gewalt zum Selbstzweck wird“, sagt Rölleke. Die modernen Adaptionen zapfen das kollektive Kulturgut Märchen an und pressen es in ein zeitgemäß buntes, lautes und action-lastiges Gewand. Das gilt insbesondere für die US-TV-Serie „Grimm“, die bei Vox märchenhafte Quoten von 16,7 Prozent einfährt. Sie wirkt wie eine Mischung aus US-Ermittlerserien à la CSI und „Buffy — Im Bann der Dämonen“. Jede Folge basiert lose auf einem Märchen, ein Postmann entführt rotgekleidete Mädchen, Grimms Freundin wird mit einem Schlafzauber belegt. Nur Grimms Gehilfe, ein Nachkomme des bösen Wolfes, der seine düstere Seite mit Pilates im Zaum hält, steht für eine gewisse Ironie. Im übrigen wird der Zauber durch Grusel ersetzt.

Stephan Schlafke, Leiter des Kobalt Figurentheaters in Lübeck, kritisiert viele Märchenfilme noch aus einem anderen Grund. „Man nimmt nur den Namen, weil der populär ist — zum Beispiel bei ,Der gestiefelte Kater‘ mit Antonio Banderas. Aber mit der eigentlichen Handlung hat es nichts mehr zu tun“, sagt Schlafke. Auch sein Theater geht in seinen Märchen-Bearbeitungen mit den Vorlagen frei um. „Wir versuchen, einen Aspekt herauszugreifen — aber wir versuchen auch, das Märchen nicht zu beschädigen.“ Immer müsse die Zielgruppe im Blick bleiben. Für den Herbst plant das Figurentheater eine Schneewittchen-Inszenierung.

„Das ist eigentlich eine Geschichte, in der es um die Mutter-Tochter-Problematik geht. Das kannst du nicht für die ganz Kleinen inszenieren.“

Ein Ende des Märchenbooms im Kino ist nicht abzusehen: Angelina Jolie wird 2014 als böse Dornröschen-Fee in „Maleficent“ zu sehen sein, Filmregisseur Kenneth Branagh plant eine „Aschenputtel“-Adaption, und Tim Burton überlegt, „Pinocchio“ mit Real-Schauspielern auf die Leinwand zu bringen.

Übrigens waren die Macher von „Hänsel und Gretel“ nicht die ersten, die Märchenhelden mit Schusswaffen ausstatteten. Der Kinderbuchautor Roald Dahl („Charlie und die Schokoladenfabrik“) beschrieb 1982 in einem ironischen Gedicht, wie Rotkäppchen den Wolf erschießt. Die letzte Strophe handelt davon, wie das Mädchen ihr Rotkäppchen gegen das erbeutete Wolfsfell tauscht. So kann Aufrüstung im Märchenreich auch aussehen.

Einfache Geschichten mit Potenzial
Ein Märchen ist eine einfach erzählte Kurzgeschichte, die in einer Fantasiewelt spielt. Typische Merkmale sind sprechende Tiere und Fabelwesen wie Riesen und Hexen. Meist siegen die Kleinen und Schwachen. Gut und Böse sind klar voneinander abgegrenzt.

Im 19. Jahrhundert wurde das Märchen zur Literaturgattung. Die Brüder Grimm sammelten und bearbeiteten volkstümliche Märchen. Dichter wie Wilhelm Hauff und Hans Christian Andersen schufen die Gattung Kunstmärchen.

Märchenfilme waren oft erfolgreich. Das begann mit den Disney-Trickfilmen „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (1937) und „Cinderella“ (Aschenputtel, 1950). Einer der erfolgreichsten deutschen Filme war „7 Zwerge — Männer allein im Wald“ von und mit Otto Waalkes.

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