Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Halbzeit für das Liederaturbuchprojekt
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Halbzeit für das Liederaturbuchprojekt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:00 12.08.2019
Zur harten Arbeit an Bord wie beim Ankerhieven sangen die Matrosen Seemannslieder. Quelle: Zeichnung: „Am Gangspill (1885) aus dem Bildband: „Rolling home" , Convent Verlag
Anzeige
Kiel

Halbzeit beim Liederaturprojekt des Heimatbundes: Liedforscher Jochen Wiegandt appelliert an die Menschen in Schleswig-Holstein, ihm die Geschichten zu erzählen, die sich mit ihren Liedern verbinden. Der Liedersammler setzt dabei auf Einsendungen aus der Bevölkerung: Bilder, Erinnerungen, historische Hintergründe doch der Strom fließt spärlich. Die Zeit des Sammelns ist zur Hälfte verstrichen.

Genug Lieder, zu wenig „Drumherum“ - Jochen Wiegandt hofft auf mehr Einsendungen. Quelle: J. Graf

Sie suchen bereits ein halbes Jahr Material für das Liederaturbuchprojekt des Heimatbundes. Sind Sie zufrieden mit der Ausbeute?

Anzeige

Was die Ausbeute an Liedern betrifft, bin ich außerordentlich zufrieden. Da haben wir jede Menge und könnten sofort ein Liederbuch machen. Aber was die Ausbeute an Fotos, Berichten, Zeitungsartikeln, also, dieses ganze Drumherum betrifft, bin ich unglücklich, weil wir zu wenig haben. Zum Beispiel brauchen wir Bilder, um Seefahrtslieder, die an Ost- und Westküste gesungen wurden, zu illustrieren. Wie waren denn die Schiffe? Wie sahen die Häfen aus? Wie sahen die Leute aus? Was haben sie gefischt?

Sie wollen mit den Liedern auch Geschichten aus dem Land erzählen – haben Sie ein Beispiel dafür?

Da ist zum Beispiel die Geschichte mit den Ostseewellen, die dann zu Nordseewellen geworden sind. Wir wissen, dass das Lied eigentlich aus Mecklenburg-Vorpommern gekommen ist. Dann hat ein gewisser Herr Fischer-Friesenhausen aus Soltau gedacht: „Ach, da kann ich ja auch mal Geld mit verdienen“, er hat sich das unter den Nagel gerissen und dann die Nordseewellen draus gemacht. Und die alte Dame Martha Müller-Grählert, die das Lied geschrieben hat damals, hat so gut wie nichts abbekommen. Auch der Komponist, der die Melodie geschrieben hat, ist relativ leer ausgegangen. Das wäre zum Beispiel so eine Geschichte. Heute machen in Schleswig-Holstein viele Dörfer ihre Dorfhymnen zur Melodie der Nordseewellen.

Sie suchen aber auch nach den kleinen Geschichten, solchen, die viele von uns ganz persönlich mit Liedern verbinden.

Die meisten Menschen nehmen Lieder wahr, als etwas, das auf dem Papier steht und mit Noten und Texten bekannt ist. Früher war das Singen anders. Da haben die Leute das Lied nach dem Gedächtnis nicht mehr ganz richtig zusammengekriegt und dann irgendwas Neues gesungen. Wenn ich zum Beispiel höre, dass bei Familienfeiern früher gesungen wurde: „Maria und Josef, die hatten in Jerusalem ein Buttermilchgeschäft – in der Heimat gibt’s ein Wiedersehen“, dann sage ich: „Kann ich mir das mal eben aufschreiben? Die hatten in Jerusalem ein Buttermilchgeschäft? Das ist ja ganz eigenartig …“  Und dann schreibe ich mir das auf, und dann kommt der typische Satz: „Ach so etwas suchen Sie? Aber das ist doch gar nicht kulturell wertvoll …“

Für Sie ist es das aber schon?

Es ist zum Teil das, was ich suche, denn die höhere Kunst ist schon gesammelt worden in der Volksliedarbeit der ganzen letzten Jahrzehnte. Da haben wir sehr fleißige Schleswig-Holstein-Forscher gehabt. Aber, was die dann verschwiegen haben, das existiert ja – will ich mal sagen – unter der Tischplatte noch irgendwo.

Da findet sich in den Liederbüchern dann der Passus „Weitere Strophen sind vorhanden, eignen sich aber nicht zur Wiedergabe“.

… und schon gar nicht zu finden in den Schul-Liederbüchern!

Sie brauchen also mehr Material?

Ich brauche Material und zwar mächtig viel.

Das Projekt

Ein beispielloses Projekt:Im Auftrag des Heimatbundes stellt Musikforscher Jochen Wiegandt Informationen und Illustrationen zu den Volksliedern der Schleswig-Holsteiner zusammen. Alle sind aufgerufen sich mit Bildern, Gegenständen, Texten und ihrem Wissen zu beteiligen. Voraussichtlich in der Mitte des kommenden Jahres wird das „Liederaturbuch für Schleswig-Holstein“ im Wachholtz-Verlag erscheinen.

Über Zuschriften freut sich der Schleswig-Holsteinische Heimatbund, Hamburger Landstraße 101, 24113 Molfsee oder per E-Mail an j.graf@heimatbund.de, Stichwort: Singen-Heute.

Weitere Infos im Internet unter www.sh-singen-heute.com

Von Jan Graf