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Kultur im Norden Sven Regener liest Franz Kafka
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17:33 04.10.2019
„Vielleicht sollte man Kafka anders lesen“: Sven Regener. Quelle: Charlotte Goltermann/hfr
Hamburg

Im Theater gewesen. Gelacht. Über Sven Regener. Und über Franz Kafka. Obwohl man über Franz Kafka ja eigentlich gar nicht lachen kann. Aber wenn Sven Regener im Spiel ist, geht es doch. Es geht sogar sehr gut.

Im wahren Leben ist er Musiker (Element of Crime) und ein ausgesprochen erfolgreicher Schriftsteller („Herr Lehmann“). Manchmal aber liest er auch vor, seine eigenen Bücher und die von Kollegen. Jetzt war er im Hamburger Schauspielhaus zu Gast. „Sven Regener liest Franz Kafka: Das Schloss“ stand auf den Plakaten. Das wäre nun doch etwas zu ambitioniert, sagte er. Drei Kapitel aus dem Roman aber sollten es schon werden, etwa 50 Seiten und hundert Minuten, darauf könne man sich einrichten.

Live-Album am 10. Oktober

Kafka erscheint uns rätselhaft, dabei schreibt er doch eigentlich in einer schlichten Prosa“, hat Sven Regener gesagt. „Vielleicht sollte man Kafka anders lesen, nämlich ohne Reserve und ohne interpretatorische Ambitionen.“ Das hat er getan. Es gibt drei Hörbücher mit Kafka-Texten von ihm: „Amerika“, „Der Prozess“ und „Das Schloss“.

Mit Element of Crime ist er auch aktiv. Am 10. Oktober erscheint das erste – im Berliner Tempodrom aufgenommene – Live-Album der Band, als Doppel-CD und Dreifach-LP.

Also stand er da, in schwarzem Polohemd und blauer Hose vor weinrotem Vorhang, an ein Pult gelehnt und vor sich den Text. Kafka hatte ihn 1922 begonnen, aber nicht mehr vollenden können. Die Tuberkulose war mächtiger. Und als er zwei Jahre später starb, zählte das Fragment nicht zu dem, was von ihm bleiben sollte. Er wollte es wie so vieles andere verbrannt wissen, hatte er den Freund Max Brod gebeten. Aber der mochte sich nicht daran halten, zum Glück, und überließ der Welt so Kostbarkeiten von kaum schätzbarem Wert.

Das Buch ist die Geschichte des Landvermessers K., der zum gräflichen Schloss gerufen wird, aber dort feststellen muss, dass man ihn gar nicht braucht. Ein Irrtum offenbar. Ein Irrtum vom Amt sogar. Denn das Schloss ist vor allem eine Behörde, eine unglaubliche Maschinerie, die Papiere produziert und noch mehr Papiere. Die bevölkert ist von Kastellanen und Unterkastellanen, von verborgenen Beamten in verborgenen Kammern. Eine geheimnisvolle Macht, die sich vor allem selbst zu erhalten scheint, die aber natürlich auch einschüchtert und Angst verbreitet. Ein zäh, aber unerbittlich mahlendes Räderwerk des Schreckens, bei dem verloren ist, wer hinein gerät. K. hatte immerfort das Gefühl, heißt es an einer Stelle, „er verirre sich oder sei so weit in der Fremde, wie vor ihm noch kein Mensch“.

Bremer Tonfall

Vielleicht ist es wirklich eine Geschichte über den vergeblichen Weg zu Gott, zur Erlösung, vielleicht auch über den vergeblichen Weg zu sich selbst. Aber dass darin auch eine große Komik verborgen ist, eine Tragikomik, das machte Sven Regener an diesem Abend deutlich. Das lag zum einen an seinem Bremer Tonfall, an dieser breiten norddeutschen Unterströmung, bei der man wechläuft und Tach sagt, bei der immer ein Hauch Uwe Seeler mitschwingt. Das hellte die dunkle Erzählung schon mal auf. Und wenn er dann mit dieser rauen, immer etwas heiser klingenden Stimme die Reise des Landvermessers zu einer in ein verschneites Absurdistan machte, bei der eine Verwicklung grotesker und bizarrer ist als die andere, dann lachte das nicht ausverkaufte Schauspielhaus. Dann wurde daraus ein wunderbar absurdes Theater.

Das hätte man nicht erwartet bei Franz Kafka, dem man eine existenzielle Düsternis nachsagt. Der ein „von der Welt erschreckter Mensch“ war,wie seine Geliebte Milena in ihrem Nachruf schrieb, einer, der „die Welt voll unsichtbarer Dämonen“ sah. Aber er war nicht der zerquälte Autor, der nicht allein genug sein konnte, wenn er seine Geschichten durch die Nacht jagte und tief in die Abgründe schaute, jedenfalls nicht nur. Er kannte sich etwa auch aus in Nachtlokalen und Bordellen, auch in denen von Mailand und Paris, die er mit Max Brod besuchte.

Rudern mit beiden Armen

Der nachtschwarze Franz Kafka ist nur die eine Seite, das wurde bei Sven Regeners Vortrag deutlich. Waren die Gesten anfangs spärlich und verhalten, entwickelte sich das im Verlauf. Dann stand er manchmal auch mit beiden Armen rudernd auf der Bühne, als wäre es ein Konzert seiner Band. Aber es war ja kein Konzert. Und wer gedacht hatte, es gäbe eine Zugabe, vielleicht noch ein paar Sätze Brecht oder Charles Bukowski, der sah, wie sich der Künstler verneigte, noch zweimal wieder herauskam, sich abermals verbeugte, bedankte, winkte und dann den Abend leise beschloss.

Von Peter Intelmann

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