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Kultur im Norden Die Rock’n’Roll-Retter von Scheeßel
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18:07 24.06.2019
Ein in sich ruhender Außenseiter: Robert Smith von The Cure. Quelle: Imago
Scheeßel

Sonnabends um 12.30 Uhr ist keine dankbare Zeit, um auf einem großen Musikfestival wie dem Hurricane in Scheeßel zu spielen. Für die zehn Schüler des Goethe-Gymnasiums in Schwerin, die sich als Band Highheel Sneakers nennen, spielt das keine Rolle. Die Coast-Stage, die kleinste von vier Bühnen des Festivals mit 68 000 Besuchern, ist wohl die prominenteste, auf der die jungen Musiker jemals aufgetreten sind. Sie haben vor zwei Monaten mit ihrer mitreißenden Mischung aus Funk, Soul, Rock und Jazz den Wettbewerb School Jam 2019 gewonnen – und damit auch diesen Auftritt.

Nur wenige Neugierige sind so früh auf dem Gelände, nachdem sie am Freitagabend noch vor den großen Bühnen gefeiert haben. Dennoch zeigt die Band, wie gut es klingen kann, wenn man der Welt noch etwas zu beweisen hat. Im intimen Rahmen des Zelts funktionieren auch ungewöhnliche Auftritte. Hier spielen Black Honey aus Brighton knallenden Indie Rock, dessen Verruchtheit aus einem Film von Quentin Tarantino stammen könnte. Rosborough aus Derry zeigen hier, dass man nur mit Schlagzeug, Gitarre und einer durchdringenden Stimme grandiosen Progressive-Rock spielen kann.

Sonnencreme und Bier

Johnny Marr bringt schließlich am Sonnabend die Smiths auf die kleine Bühne, die er 1982 als Gitarrist gemeinsam mit Morrissey gründete und vor über 30 Jahren wieder auflöste. Wohl bei keinem anderen Konzert des Festivals lächeln die Fans so glücklich. Und in diesem Jahr bietet das Zelt nicht wie sonst oft Schutz vor Regenmassen und Unwettern, sondern vor zu viel Sonne. Wer Sonnencreme und Bierkonsum richtig zu dosieren weiß, ist klar im Vorteil. Aber auch unter dem wolkenlosen Himmel bietet dieses Hurricane Gelegenheit zu kleinen Zeitreisen und sentimentalen Erlebnissen.

Muff Potter spielen das erste Festivalkonzert seit dem vorläufigen Ende der Band vor fast zehn Jahren und haben nicht verlernt, wie dichter Indie-Gitarrenrock funktioniert. Die Toten Hosen rechnen vor, dass seit ihrem letzten Hurricane-Auftritt sogar 18 Jahre vergangen sind. Mit satter Wucht und ausreichend Selbstironie inszenieren sie sich als Punk-Veteranen, denen vor allem Gemeinschaft und Solidarität am Herzen liegen. Um Mitternacht feiern sie dann den 57. Geburtstag ihres Sängers Campino, „im Kreis der Familie“, wie der sagt. „Ich bin noch hier!“, ist seine Botschaft, die er mit dem Song „Wie viele Jahre“ untermauert.

C. J. Ramone am Bass

Bei der Punk-Supergroup Me First And The Gimme Gimmes, die alte Hits rotzig covert, steht ein weiterer Veteran am Bass. Da Fat Mike von NOFX keine Zeit hatte, vertritt ihn mal eben C. J. Ramone. Andere Bands sind zu jung, um jung geblieben sein zu können. Shame aus dem Londoner Süden und die Idles aus Bristol beeindrucken mit wütendem, politischem Post Punk. Die erst 25-Jährige Alice Merton, die an der Pop-Akademie Mannheim studierte, beweist, warum ihr nicht nur mit „No Roots“ Powerpop-Welthits gelingen dürften.

Und dann ist da die österreichische Band Bilderbuch auf ihrem Weg zum ganz großen Erfolg, mit cooler Selbstverständlichkeit, maximaler Präsenz und jener betörenden Mischung aus Falco und Prince. Vielleicht gehört sie bald schon zu den alten Helden, die auf dem Hurricane demonstrieren, was ihren Erfolg ausmacht: Bloc Party mit Komplexität und Charisma, Macklemore mit großem Gespür für die Verbindung von Unterhaltung und Anspruch oder die Wombats mit ihrer ganz eigenen Perfektionierung des britischen Indie-Gitarrenpops.

Mumford & Sons knüpfen am Sonnabend als Headliner opulente Folk-Klangteppiche, auf denen sich ebenso gut entspannen wie Purzelbäume schlagen lässt. Frank Turner, stets liebenswerter britischer Lagerfeuerpunk und Volksheld, bringt den Glauben an die Kraft der Musik, auf diesem Festival auffallend oft mit Statements für aufmerksames Miteinander und eine offene Gesellschaft verbunden, auf die optimistische Formel: „Wer hätte gedacht, dass am Ende so etwas Simples wie Rock’n’Roll uns alle retten würde?“

Cure: „Das Feuer ist fast verloschen“

Bei The Cure am Sonntag steht die Sonne neben der Bühne tief am Himmel, ihr Licht bricht sich am künstlichen Nebel – wer bereit ist, knapp daran vorbei zu blinzeln, erahnt Robert Smith, dessen sehnsüchtige Stimme bereits keinen Zweifel daran lässt: The Cure sind zurück in Deutschland, exklusiv beim Hurricane in Scheeßel und seinem Schwesterfestival Southside. Smith zerbirst nicht zu Asche, als ihn die Sonnenstrahlen schließlich doch treffen. Vielmehr trägt der Effekt zur nötigen Dramatik bei und scheint zunächst visuell zu widerlegen, was die gealterte Ikone später im Song „39“ andeutet: „Das Feuer ist fast verloschen.“

The Cure haben die Genres Wave und Gothic seit 1978 maßgeblich mitgeprägt, sind längst schillernder Teil der Musikgeschichte. Eine junge Frau im Publikum hält ein großes Banner hoch, auf dem der junge Smith zu sehen ist, perfekt gestylt. Äußerlich hat der Veteran nur noch wenig damit zu tun, er hat längst kultiviert, inzwischen eher auszusehen wie eine zerzauste Krähe. Doch musikalisch beweisen er und sein Band, dass sie die bloßen Zitate ihres Sounds den anderen überlassen. Sie vermögen noch immer hypnotischen Rock und Pop mit dem Gefühl der Verlorenheit im unendlichen Nichts zu vereinen, den Sehnsüchten Liebender, Verschmähter und Unverstandener einen maßgeschneiderten Soundtrack zu verpassen.

Neues Cure-Album im Herbst

Smith ist dabei immer mehr zum in sich ruhenden, verschrobenen Außenseiter geworden, mit unbeholfenen Gesten und Blicken, aber auch mit Selbstverständlichkeit und unverhohlener Freude. Weder er noch die Band zeigen musikalische Alterserscheinungen, der Sound pulsiert und schwelgt, gönnt sich keinen Augenblick der inneren Ruhe. Gitarrist Reeves Gabrels, der vor sieben Jahren zu The Cure stieß, entpuppt sich als Gewinn. Er hatte da bereits viele Jahre lang den Sound David Bowies mit geprägt. Fans erwarten das neue Album im Herbst wohl zu Recht mit Spannung.

Als die letzten Töne von The Cure verklingen, setzen die Foo Fighters nebenan bereits mit „The Pretender“ zum allerletzten Konzert des Festivals an. Sänger Dave Grohl gründete die Band bereits ein Jahr nach dem Ende von Nirvana, deren Schlagzeuger er war. Smiths britischer Verschrobenheit setzt Grohl seine lässige US-Großmäuligkeit entgegen. Den Anspruch, eine gute Show abzuliefern, teilen sich beide. Die Foo Fighters verneigen sich sogar kurz vor The Cure, indem sie kurz deren „Just Like Heaven“ anspielen.

Foo Fighters: Hauptsache Rock’n’Roll

Auch mit den eigenen Songs lassen sie es nicht langweilig werden. Sie spicken sie wie gewohnt mit Soli, Zitaten und Plaudereien. Das Programm ist bekannt, aber nie langweilig – und vor allem immer kompromisslos. Dass Grohls Stimme bei „Rope“ fast wegbricht, ist ihm egal. Hauptsache Rock’n’Roll. Die Band beschließt das Festival mit dem Hit „Everlong“ und einem fast endlosen Gitarrenfeedback. Es ist das würdige Ende eines Festivals, dessen Bandliste wohl noch nie so gut funktioniert hat. „Wir haben in diesem Jahr zum ersten Mal alles bekommen, was wir haben wollten“, sagt Stephan Thanscheidt vom Veranstalter FKP Scorpio. Die Sonne hat den Rest erledigt.

Info: Das nächste Hurricane-Festival findet vom 19. bis 21. Juni 2020 statt. Die erste bereits angekündigte Band ist Seed. Der Vorverkauf läuft ab Montagabend (24. Juni, 19 Uhr).

Thomas Kaestle

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