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Kultur im Norden „Ich bin nicht Sissi“
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10:11 22.02.2018
Marie Bäumer als Romy Schneider. Quelle: Foto: Dpa
Berlin

Zum ersten Treffen mit den Journalisten im Hotelfoyer erscheint sie im Trenchcoat, mit dicker Sonnenbrille und strengem Pferdeschwanz. Dieses Outfit muss man wohl als Romy-Schneider-Rüstung bezeichnen. Aber diese Frau ist nicht dafür gemacht, Verteidigungslinien zu halten. Was wir in dem Berlinale-Wettbewerbsbeitrag hautnah erleben, ist die Tragödie einer Frau, die Europas größter Kinoliebling ist und längst schon ein ausgebranntes Wrack.

Die Regisseurin Emily Atef konzentriert sich auf jene drei Tage im März 1981 im bretonischen Küstenstädtchen Quiberon. Damals führten der „Stern“Journalist Michael Jürgs und der mit Schneider gut bekannte Fotograf Robert Lebeck in einem Wellness-Hotel ein legendäres Interview mit ihr. Im Rückblick hat das in Etappen fortgesetzte Gespräch den Charakter einer Lebensbeichte: 14 Monate später ist Romy Schneider tot, gestorben mit 43 Jahren an einem Herzinfarkt.

Von ihr erfahren wir also nur das, was in diesen Tagen zur Sprache kommt, aber daraus dürfte sich auch für Unkundige ein Bild ergeben. Von der besitzergreifenden Mutter Magda Schneider ist die Rede, vom nie anwesenden Vater Wolf AlbachRetty, von unglücklichen Ehen und noch unglücklicheren Trennungen, vom gefühlten Versagen als Mutter ihrer zwei Kinder (ein paar Monate später wird auch Sohn David bei einem Unfall sterben), von horrenden Schulden, vor allem aber vom Korsett der „Sissi“-Rolle, dem Romy Schneider einst durch ihren Aufbruch nach Paris und zu Alain Delon entkommen wollte.

„Ich bin nicht die Filmfigur Sissi“, sagt Schneider (Marie Bäumer) schon bald. „Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren und heiße Romy Schneider.“ Die neben ihr sitzende Freundin Hilde (Birgit Minichmayr) warnt sie vergebens, nicht zu viel preiszugeben. Der geradezu zwanghafte Seelenstriptease der Romy Schneider hat begonnen, der Fotoapparat von Lebeck (Charly Hübner) klickt. Doch sogar bei Jürgs weckt diese verzweifelte Frau irgendwann Beschützerinstinkte. Das Schreckliche dabei ist: Die Befragung wird trotzdem unbarmherzig fortgesetzt, auch weil die Interviewte das so möchte. Wir erleben Schneider in diesen drei Tagen zugedröhnt mit Tabletten und Alkohol, weinend und sich verkriechend, melancholisch übers Meer blickend oder sich im Bett an den väterlichen Lebeck klammernd.

Und weil dieser Film in ein mildes Schwarzweiß getaucht ist und wir Lebecks Fotografien von damals im Internet betrachten können, sind wir noch einmal verblüfft: Die Verwandlung von Marie Bäumer in Romy Schneider ist geradezu beängstigend perfekt. Man kann Bäumer gut verstehen, dass sie so lange gezögert hat, Romy Schneider ihr Gesicht zu leihen.

LN

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