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Kultur im Norden „Ich mag die Provinz“
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18:10 27.04.2018

In Ihrem aktuellen Krimi tauchen zwei Leichen auf. Haben Sie selbst schon einmal eine gesehen?

Buch, Kino, TV

Im „Kaiserschmarrndrama“ von Rita Falk (dtv, 15,90 €) liegt eine nackte Leiche im Wald von Niederkaltenkrichen. Franz Eberhofers Ermittlungen führen ins persönliche Umfeld.

Im Kino: „Sauerkrautkoma“, ab 9. August (5. Verfilmung)

„Grießnockerlaffäre“, Im TV: am 6. August erstmals in der ARD

Rita Falk: Gleich mehrere sogar. Die Münchner Kriminalpolizei hat mich im vergangenen Jahr durch ihre Büros geführt und gemeint, als Krimiautorin müsste ich schon auch mal bei einer Obduktion dabei sein. Also bin ich mit zur Gerichtsmedizin und habe den Mitarbeitern dort beim Sägen und Schneiden zugeschaut. Die sind wirklich mit Werkzeug zugange, das man beim OBI kaufen könnte!

Was mich erstaunt hat: Dort arbeiteten überwiegend junge Frauen, und die machten ständig Witze und lachten. Das war eine total lockere Arbeitsstimmung.

Klingt so, als ob auch Sie den Anblick ganz gut vertragen haben.

Im Gegensatz zu meinem Mann schon, ja. Der ist schneeweiß im Gesicht geworden und lieber wieder rausgegangen.

Basiert Ihr fiktives Dorf Niederkaltenkirchen auf einem realen Ort?

Nicht auf einem bestimmten. Aber die Dörfer rund um Landshut sind schon sehr ähnlich, und die Leute dort ticken so ähnlich wie meine Figuren. Wenn ich einen echten Ort genommen hätte, wären bestimmt viele sauer gewesen, so nach dem Motto: So durchgeknallt, wie du uns beschreibst, sind wir doch gar nicht! Und ich hätte geantwortet: Doch, so seid ihr! Dadurch, dass ich Niederkaltenkirchen erfunden habe, läuft es genau umgekehrt: Niemand fühlt sich auf die Füße getreten, und viele glauben, dass ich über ihr Dorf schreibe.

Funktioniert diese Identifikation auch außerhalb Bayerns?

Erstaunlicherweise schon. Neulich bekam ich eine Mail von einem Mann, der in der Nähe von Hamburg lebt. Er schrieb: „Ich wohne in Niederkaltenkirchen und mein Nachbar ist der Flötzinger.“ Das ist eine meine Figuren.

Die neun Bücher Ihrer Serie werden als „Provinzkrimis“ vermarktet. Hat Sie dieses Label nie gestört?

Warum sollte es das? Ich mag die Provinz. Mit Menschen, die in einer Großstadt leben müssen, habe ich größtes Mitleid.

Meinen Ihre Leser, dass Sie ein realistisches Bild von Bayern vermitteln?

Und wie! Sie glauben gar nicht, wie viele Exilbayern mir schreiben und sich für meine Krimis bedanken. Die lesen sie nämlich überall – in Kanada, auf Hawaii und in Neufundland. Sie freuen sich darüber, in der Ferne ein Stück vertraute Welt zu haben. Aber natürlich wissen meine Leser, dass ich alles mit einem Augenzwinkern erzähle.

Eher satirisch als ganz realistisch.

Stimmt es, dass Sie Ihre Hauptfigur aus den Erzählungen Ihres Ehemannes, eines ehemaligen Polizisten, geformt haben?

Als Robert noch bei der Polizei gearbeitet hat, haben mich tatsächlich viele seiner Geschichten inspiriert. Damals bin ich auch oft auf Weihnachtsfeiern und Sommerfeste der Polizei mitgegangen – die Erzählungen der Kollegen wurden immer schräger, je mehr Bier geflossen war.

Schreiben Sie Ihre Krimis nach einem festgelegten Plan?

Früher habe ich mehr drauflos geschrieben, und einmal ist es mir deswegen passiert, dass ich erst im 20. Kapitel merkte, noch keinen Mörder zu haben. Daraufhin musste ich alles umschreiben, eine Wahnsinnsarbeit. Seitdem lege ich den Krimiplot fest, bevor ich anfange. Andererseits geschieht noch immer sehr viel spontan, wenn ich schreibe. Manchmal verarbeite ich auch Dinge, die ich an diesem Tag gerade erlebe.

Was denn zum Beispiel?

Wenn mich eine Nachbarin ärgert oder ein Handwerker Mist baut, dann kann es vorkommen, dass ich das gleich verwurstle. Einmal kam mein Sohn total verärgert von der Schule, knallte seinen Ranzen in die Ecke und meinte: „Den Rektor bring ich um.“ Meine Antwort war: „Lass das mal lieber, mein Schatz. Das erledige ich schon.“ In „Dampfnudelblues“ habe ich dann einen Schuldirektor umbringen lassen.

Warum schreiben Sie Ihre Krimis aus der Perspektive von Franz Eberhofer – wäre eine weibliche Figur nicht viel einfacher für Sie?

Ach, ich weiß doch ganz gut, wie Männer ticken! Schließlich sitzen ja einige von dieser Spezies bei mir daheim rum. Aber das allein war nicht ausschlaggebend. Ich glaube, dass ich mich unterbewusst für die Franz-Perspektive entschieden habe, weil dann noch ein bisschen Abstand zu mir selbst da ist. Ich gebe grundsätzlich viel von mir preis in den Büchern, und so bleibt mir noch eine kleine Distanz.

Haben Sie sich Ihren Serienhelden so vorgestellt, wie ihn Schauspieler Sebastian Bezzel spielt?

Genau so! Bevor ich überhaupt an eine Verfilmung denken konnte, habe ich Bezzel in der BR-Fernsehserie „Franzi“ gesehen und gedacht: Der ist wie der Eberhofer! Als er später zugesagt hat, die Rolle zu spielen, war ich überglücklich. Aber Simon Schwarz als Rudi Birkenberger und der Rest des Teams spielen auch hervorragend.

Interview: Günter Keil

LN