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Kultur im Norden Die „Klexpertin“ vom Ratzeburger Bahnhof
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18:22 20.04.2019
Künstlerin Ingrid Heuser Wandklex Kunstatelier Quelle: Wolfgang Maxwitat
Ratzeburg

Selbstbewusst blinzelt sie mit ihren Katzenaugen in die Kamera und zählt auf die Aufmerksamkeit des Fotografen. Doch dem geht es eigentlich weniger um die vierbeinige Bewohnerin des Ateliers im Ratzeburger Bahnhof, sondern um die „Klexpertin“: Ingrid Heuser, Kunstmalerin. Und aus dem Süden, das hört man gleich. „Aus Niederbayern. Aber mit offenen Armen hier aufgenommen.“

Kundenglücklichmachungspakete

Die Kunstmalerin Ingrid Heuser ist zu finden unter www.wandklex.de, bei Twitter unter @wandklex.

„Lillepüss“ und „Lumpsi“, die Atelierkatzen – sind bei Twitter zuständig für die Versandkartonsendkontrolle – unter @katzenschafe.

Impressionen aus dem Atelier und Bilder querbeet unter www.flickr.com/photos/wandklex.

Die weltweit adressierten „Kundenglücklichmachungspakete“ von Ingrid Heuser gehen werktäglich zur Post, analog begleitet von Border-Collie-Hündin „Malaika“ – @frauwau – , die den einen oder anderen Regionalexpress einhütet und nebenbei längst ihre eigene Fan-Gemeinde hat. Und digital von Ingrid, die keine Sendung aus den Augen lässt, bis die Kunden sie in Händen halten.

Was sie in den Norden verschlagen hat? „Wunsch, Gelegenheit und Möglichkeit“, sagt die 53-Jährige. Erst nach Lübeck, von wo aus sie ein Eisenbahn-Waggon-Projekt in Schmilau betreute. So bot sich die Gelegenheit, ein Atelier im Bahnhof einzurichten und Teil des Erlebnisbahn-Ratzeburg-Universums zu werden, wie sie es nennt. Das aufwendige und körperlich herausforderndeBemalen von Waggons oder Wandbemalung im Auftrag großer Firmenkunden, „klexuelle Therapie für deprimierte Wände“, ist heute passé.

Das „bunte Schaf“ der Familie

Seit sechs Jahren konzentriert sich Ingrid nur noch auf Atelierarbeit. Während draußen Reisende ein- und aussteigen und ihrer Wege gehen, malt sie hinter den großen Bahnhofsfenstern – sie ist das „bunte Schaf“ ihrer Familie, von Kind auf hatte sie einen Pinsel in der Hand. Später arbeitete sie im Öffentlichen Dienst, behielt das Malen und Zeichnen aber bei. Nachdem ihre Tochter geboren war, verschönerte Ingrid Heuser Wände, dann trudelten Anfragen ein und sie wagte den Sprung ins kalte Wasser als freiberufliche Künstlerin, mit allen Vor- und Nachteilen.

Seitdem arbeitet sie eigentlich immer, ganz gleich, was die Bahnhofsuhren draußen anzeigen. Denn hier geht es um Disziplin, „Mit viel Durchhaltevermögen, Ausdauer und Fleiß“, mit Buchhaltung und „Datenschutzgedöns“ rückt Ingrid Heuser das romantische Bild der freien Künstlerin gerade. Alles ist von Hand gemalt oder gezeichnet, „bei mir kann man keine Drucke kaufen“. Und die Aquarellminiaturen unter Glas seien schon etwas ganz Besonderes, betont Ingrid und wendet sich wieder ihrem Motiv zu: „Ich muss erst der Farbe zeigen, wo sie lang soll.“ Öl sei da eher unverbindlich. „Beim Aquarell arbeiten Papier und Farbe selber, was man nur begrenzt beeinflussen kann.“

„Immer ehrlich“

Ihre Motive tragen die Handschrift eines empathischen Blicks auf das Leben in all seinen Facetten: auf Mensch, Flora und Fauna, sogar auf die Architektur. Doch wer nun meint, die Künstlerin arbeite isoliert hinter den über 150 Jahre alten „sicheren, trutzigen“ Bahnhofsmauern, nur als Beobachterin der Reisenden dort draußen, sollte sich einen Twitter-Account zulegen. Vor allem hier gibt sie täglich Einblick in ihre Arbeiten, lässt sich über die Schulter schauen, berichtet von den vielen Begegnungen und ganz offen von guten und schlechten Momenten: „Ich bin immer ehrlich.“

Viele Aufträge sind Abschnitte fremder Lebenswege, die sie ein Stückchen mitgeht. Etwa, wenn das Porträt des gerade verstorbenen Vaters für die Urne so sehr gewünscht wird. Dann gibt es „selbstverständlich“ eine weitereNachtschicht. Oder Ehepartner, die jeweils für den anderen etwas bei ihr bestellen, ohne dass der davon erfahren soll, „nur ich weiß über beide Bescheid“. Aus einem Hochzeitsmotiv für Einladungskarten wird nun ein Einsatz als Trauzeugin;Ein Zebra wird orange-weiß, damit ein farbfehlsichtiger Kunde es „für ihn richtig“ sehen kann. Ein bisschen scheint ihr Atelier wie ein Bahnhof von Lebensreisenden, die hier kurz Station machen. Ihren Job macht die Künstlerin, „damit die anderen eine Freude haben“. Emotional? „Immer.“

Margitta True

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