Interview: „Es wird ein großes Kino-Sterben geben“, sagt der Cinemaxx-Gründer Joachim Flebbe
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Kultur im Norden „Es wird ein großes Kino-Sterben geben“, sagt der Cinemaxx-Gründer Hans-Joachim Flebbe
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Interview: „Es wird ein großes Kino-Sterben geben“, sagt der Cinemaxx-Gründer Joachim Flebbe

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12:14 01.07.2021
„Es war desaströs“: Hans-Joachim Flebbe in seiner Hamburger Astor Film Lounge.
„Es war desaströs“: Hans-Joachim Flebbe in seiner Hamburger Astor Film Lounge. Quelle: Christian Charisius/dpa
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Lübeck

Er selbst freue sich auf „Der Spion“ mit Benedict Cumberbatch und „Ich bin dein Mensch“ von Maria Schrader, sagt Hans-Joachim Flebbe. Und es gebe einen Film, der das Kinojahr 2021 retten könnte.

Es sind aufregende Zeiten – wie geht es Ihnen?

Ein bisschen ist man das ja schon gewohnt. Wir sind jetzt eineinhalb Jahre im Ausnahmezustand. Und es gibt mehrere Kriegsschauplätze: die Entschädigungszahlungen, die sehr langsam – wenn überhaupt – geflossen sind, die Einschränkungen, unter denen wir jetzt wieder öffnen dürfen, und die Filmverleiher, die die Auswertungsfenster fürs Kino zusammengestrichen haben. Ja, das sind turbulente Zeiten.

Kino zu 50 Prozent geöffnet

Im Spätsommer 2020 durften Sie noch einmal kurz öffnen. Wie war das?

Wir mussten kämpfen, dass die Politik von einer Auslastung von 25 Prozent abrückte – unter der Bedingung wäre es wirtschaftlicher gewesen, die Kinos zuzulassen. In Niedersachsen hatte Ministerpräsident Stephan Weil zum Glück ein offenes Ohr und ein Einsehen, so dass wir mit einer Kapazitätsobergrenze von 50 Prozent öffnen durften. So konnte man wenigstens mit Plus/Minus Null arbeiten. Aber dann kam der nächste Lockdown.

Zur Person

Hans-Joachim Flebbe stammt aus Hannover und gilt als einer der Kino-Vordenker in Deutschland. Vor gut 30 Jahren hat er die Cinemaxx-Kette gegründet, ist dort aber 2008 im Streit ausgeschieden und hat 2009 auch den Aufsichtsrat verlassen. Heute betreibt er großzügig ausgestattete und beschaffene Premium-Kinos in Berlin, Köln, München, Frankfurt am Main, Hannover und Braunschweig. In Hamburg unterhält er die Astor Film Lounge in der Hafencity und das Savoy Filmtheater am Steindamm.

Wie sind die Regeln jetzt?

Ich muss gestehen: Wir haben in fast allen Bundesländern Kinos, und die Regelungen sind zum Teil komplett unterschiedlich. Ich blicke persönlich nicht mehr durch. Aber im Astor zum Beispiel gibt es keine Testpflicht, eine Maskenpflicht nur bis zum Platz, dort auch die Möglichkeit, etwas zu verzehren. Das ist mit das Liberalste, was es gibt.

Können Sie so wirtschaftlich arbeiten?

Naja, das Wetter, die Europameisterschaft und auch das Filmangebot, das wir haben, würden nicht unbedingt für ausverkaufte Kinos sorgen. Der Juli bringt Kinos generell eher selten an die Auslastungsgrenze.

„Die schleppende Abwicklung ist ein Skandal“, sagt Hans-Joachim Flebbe.

Haben Sie Entschädigungszahlungen bekommen?

Am Anfang habe ich massiv geschimpft über die nicht nachvollziehbaren Entscheidungen. Es ist dann besser geworden. Worüber ich mich immer noch beklage, ist, dass bis heute die Novemberhilfe nicht ausgezahlt ist. Es ist jetzt Ende Juni! Die schleppende Abwicklung ist ein Skandal.

Die gesamte Branche beklagt für 2020 einen Umsatzrückgang von 68 Prozent. Wie viel war es bei Ihnen?

Ich würde fast sagen, es waren mehr als 68 Prozent, es war desaströs. Wenn aber die Entschädigungszahlungen in der versprochenen Höhe ausgezahlt werden, werden wir immer noch Verluste erwirtschaftet haben, aber wir werden damit leben können. Wir haben zum Glück ein gutes Polster gehabt. Sonst hätten wir das nicht überlebt.

„Ich bin da pessimistisch“, sagt Hans-Joachim Flebbe

Was bedeutet die Streamingkonkurrenz für Sie?

Sie bedeutet zum Beispiel, dass wir wegen des Geschäftsgebarens von Disney „Black Widow“ nicht ab 8. Juli im Kino zeigen werden. Wir haben uns entschieden, Filme, die gleichzeitig im Streamingdienst erscheinen, nicht aufzuführen. Es ist gerade eine US-Studie veröffentlicht worden, die besagt, dass durch die Verkürzung der Streamingfenster die Kinobesuche um 20 Prozent zurückgehen werden. Ich glaube, es wird noch mehr sein; ich bin da pessimistisch.

Scarlett Johansson spielt Natasha Romanoff in „Black Widow“. Quelle: Film Frame/Marvel Studios/Walt Disney/dpa

Mit welchen Folgen?

Es wird eng für viele Kinobetreiber. Ich denke, dass es ein großes Kino-Sterben geben wird. In den Produktionsfirmen übernehmen immer mehr die Streamingmanager das Sagen. Für die ist ein Kinostart nur ein Marketinginstrument unter vielen.

Nachteil für das Kino, Vorteil für den Verbraucher

Haben Sie eine Idee, wie man dem begegnen kann?

Nein, habe ich nicht. Ich habe immer gedacht, die Kinobranche müsste zusammenhalten und gemeinsam Widerstand leisten. Leider haben sich meine Kollegen nicht auf eine einheitliche Linie einigen können. Für die Verbraucher ist es toll. Die können entscheiden: Gehe ich ins Kino, oder gucke ich den Film beim Streamingdienst? Für die Kinos ist es keine gute Nachricht: 20 oder 30 Prozent Umsatzrückgang werden nur einige Kinos aushalten; wir werden mit Sicherheit dazugehören, weil uns auch die Immobilien gehören. Andere aber werden langfristig von hohen Mieten erschlagen werden. Es wird Leerstand geben. Ich als Kinomann bedaure diese Entwicklung sehr.

Auf diesen Film freut sich Hans-Joachim Flebbe: „Der Sipon“ mit Benedict Cumberbatch (l., neben Jessie Buckley). Quelle: Nick Wall/Telepool/dpa

Warum sollte man denn ins Kino gehen?

Es gibt zum Glück viele Filmemacher, die sagen, sie verramschen ihre Filme nicht bei Streamingdiensten, die glauben, nur im Kino, mit großer Leinwand und gutem Sound, ist das Gemeinschaftserlebnis möglich. Ein wunderbares Beispiel ist für mich „Bohemian Rhapsody“. Das ist ein komplett anderer Film, ob man den im Kino mit Atmos-Sound hört und sieht oder zuhause am Bildschirm. Das Erlebnis im Kino ist viel größer: Nur dort sieht man den Film richtig. Darum glaube ich, dass wir jetzt nach der langen Pause ein Revival erleben werden.

Flebbes Favoriten: Cumberbatch, Schrader und James Bond

Auf welche Filme freuen Sie sich persönlich?

Zum Beispiel auf „Der Spion“ mit Benedict Cumberbatch und „Ich bin dein Mensch“ von Maria Schrader. Und natürlich freue mich sehr auf James Bond, der hoffentlich jetzt wirklich Ende September startet. Das ist der Film, der dieses Kinojahr retten könnte.

Von Stefan Gohlisch