Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Salman Rushdie über die „Blechtrommel“
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Salman Rushdie über die „Blechtrommel“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:17 22.11.2019
Besuch beim verstorbenen Freund: Salman Rushdie im November 2017 im Garten des Günter-Grass-Hauses. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Salman Rushdie („Die satanischen Verse“) war ein enger Freund von Günter Grass. Grass-Haus-Leiter Jörg-Philipp Thomsa hat mit ihm zum 60. Geburtstag des Romans das folgende Interview gemacht, das man sich im Grass-Haus auch als Video anschauen kann:

Welche Bedeutung hat die „Blechtrommel“ für Sie ganz persönlich?

Die „Blechtrommel“ hat mich sehr beeinflusst. Ich las den Roman erstmals als College-Student; da war ich wohl noch nicht mal 20 Jahre alt. Es ist ein atemberaubendes Buch! Aber ich glaube, damals habe ich es noch gar nicht vollständig erfassen können. Ich legte es beiseite und nahm es neun oder zehn Jahre später wieder zur Hand, um es erneut zu lesen. Und da war ich erwachsen genug. Für mich war es eine hilfreiche Lektüre im Sinne einer Anleitung für meine eigenen Bücher, die ich schreiben wollte. Ich würde sagen, Die „Blechtrommel“ und Garcia Marquez’ „Hundert Jahre Einsamkeit“ sowie zwei, drei weitere Bücher haben mir geholfen, herauszuarbeiten, wie ich selbst schreiben wollte. Ja, und das ist die sehr wichtige Rolle, die der Roman in meinem Leben spielt.

Was schätzen Sie besonders an dem Roman?

Ich mag daran, dass es ein lustiges Buch ist. Wissen Sie, es behandelt eines der dunkelsten Themen, die Nazizeit, mit einem schwarzen Humor, der mich sehr anspricht. Ich mag auch die surrealen Elemente des Romans. Manchmal ist die Realität so außerordentlich, dass es des Außerordentlichen bedarf, um damit umgehen zu können. Ich finde, die surrealen Elemente der „Blechtrommel“ sind dem Material sehr angemessen. Ja, das Komische und der Surrealismus, das sind die beiden Aspekte.

Wie das Grass-Haus die „Blechtrommel“ neu präsentiert, lesen Sie hier

Was fasziniert Sie an der Figur Oskar Matzerath?

Oskar Matzerath ist ein erstaunlicher Charakter! In einer gewissen Weise ist er komplett unwirklich, weil alles, was er verkörpert, unwirklich ist. Seine Entscheidung, nicht zu wachsen. Seine Fähigkeit, Glas zerspringen zu lassen. All diese Dinge. Und dann später im Roman, als er schließlich doch wächst, ist sein Körper entstellt. All das ist symbolträchtig und allegorisch. Gleichzeitig ist er ein enorm kraftvoller Charakter mit einer sehr starken Persönlichkeit, und nicht alles an ihm ist liebenswürdig. Er hat auch sehr fiese Züge. Aber er ist ein sehr glaubwürdiger junger Mensch; man vertraut ihm als einen guten Lotsen durch die Welt des Romans.

Warum sollte man den Roman heute, 60 Jahre nach Erscheinen, noch lesen?

Großartige Romane sollten immer gelesen werden! Sechzig Jahre sind für einen Roman noch keine lange Zeit. Wir lesen doch heute immer noch „Krieg und Frieden“ oder „Ulysses“. Die „Blechtrommel“ steht für mich auf der gleichen Stufe. Der Roman hat uns so viel zu sagen über das menschliche Wesen. Er erzählt von den schlimmsten Seiten des Menschen, er sagt so viel über die Geschichte und über das Leben in Deutschland Mitte des 20. Jahrhunderts. Die „Blechtrommel“ ist ein enorm fesselndes Buch, das sich sehr ansprechend liest, und es hat alles was nötig ist, um nicht nur 60 Jahre zu überleben, sondern noch Hunderte von Jahren.

Glauben Sie, dass der Roman die deutsche Gesellschaft verändert hat? Den Blick auf die Geschichte des Nationalsozialismus?

Ich weiß nicht, ob Romane die Geschichte auf unmittelbarem Weg ändern. Aber ich halte die „Blechtrommel“ durchaus für eines der zwei oder drei bedeutsamsten Bücher, die über die Zeit des Nationalsozialismus geschrieben worden sind. Von amerikanischer Seite sind das „Catch-22“ und „Schlachthof 5“. Und von deutscher Seite ist das zuallerst die „Blechtrommel“. Und auch Heinrich Bölls „Gruppenbild mit Dame“. Aber für mich ist die „Blechtrommel“ die wesentlichste Antwort eines deutschen Schriftstellers auf das, was mit Deutschland in jenen Jahren geschah.

Von LN

Ich spiele nur Hits, hatte Alex Christensen angekündigt. Keine Übertreibung, beim Konzert in der Lübecker MuK konnte man alle Songs mitsingen. Aber die Evergreens der Neunziger Jahre kamen anders daher als gewohnt. So ging die Party ab in der MuK.

22.11.2019

Mit „Tintenherz“ bringt das Theater Lübeck ab 29. November den ersten Teil der Trilogie von Cornelia Funke auf die Bühne. Wir durften bei den Proben zusehen.

22.11.2019

Engelbert Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“ wird in Lübeck seit 2010 gespielt und kommt am 7. Dezember wieder auf die Bühne. Für Jüngere, die noch nicht zwei Stunden lang still auf ihren Stühlen sitzen können, spielt die Lübecker Taschenoper „Hans und Greta“ zum Mitmachen.

22.11.2019