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Kultur im Norden Interview: Vollverschleiert an der Uni?
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17:22 11.03.2019
Hinter Schleiern: Wenn Frauen wie hier einen Nikab tragen, sind nur die Augen frei. Quelle: dpa
Lübeck

Interview mit Mathias Rohe (59) von der Universität Erlangen-Nürnberg. Der Islamwissenschaftler und promovierte Jurist ist Inhaber des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, Internationales Privatrecht und Rechtsvergleichung an der Universität Erlangen-Nürnberg. In einer Stellungnahme für die Universität Kiel hat er sich für ein gesetzliches Verbot der Vollverschleierung ausgesprochen. (www.zr2.rw.fau.de)

Schreibt der Islam Frauen das Kopftuch vor?

Dafür finden sich keine klaren Aussagen. Es gibt nur einige sehr vage Textstellen zu züchtiger Bekleidung und dass man ein Kleidungsstück irgendwie über das Haupt ziehen solle. Das ist aber alles in hohem Maße interpretationsbedürftig. Allerdings herrscht seit der Frühzeit des Islam weitestgehende Einigkeit, das Haar zu bedecken. Es ist also eine Auslegungsfrage.

In Sure 33:53 ist von einem Vorhang die Rede, der von manchen als Verschleierung interpretiert wird.

Das ist noch mal ein spezieller Fall, weil er die Frauen des Propheten betrifft, die hinter einem Vorhang angesprochen werden sollen. Es gibt aber mehrere Stellen, aus denen man in der Kombination eine Bedeckung des Haupthaars herausliest. Das dürfte aber schlicht auf kulturelle Gewohnheiten zurückgehen, denn in vorislamischer Zeit war das auch schon so.

„Uneindeutige Stellen“

Es gibt also keine theologische Begründung für das Kopftuch?

Es gibt sie schon, wenn man der Auffassung ist, dass diese uneindeutigen Stellen im Koran so zu lesen seien.

Aber von einer Vollverschleierung ist im Koran nicht die Rede?

Definitiv nicht.

Wie würden Sie reagieren, wenn in Ihrer Vorlesung eine vollverschleierte Studentin säße?

Ich würde sie nach der Veranstaltung ansprechen und versuchen, Überzeugungsarbeit zu leisten. Ihr also deutlich machen, dass ich es in meiner Veranstaltung nicht akzeptiere. Im universitären Rahmen ist Kommunikation nicht nur wünschenswert, sondern notwendig, um die Aufgaben erfüllen zu können. Sonst ist man dort fehl am Platz.

In Bayern gibt es seit 2017 ein gesetzliches Gesichtsverhüllungs-Verbot an Hochschulen. Das haben Sie in einer Stellungnahme auch der Universität Kiel empfohlen.

Ja. Ich halte das für den besten Weg.

Gewisses Maß an Aufmerksamkeit

Wie überzeugend ist es, bei einer Vollverschleierung von einem freien Willen zu sprechen?

Gerade der Kieler Fall scheint ja darauf hinzudeuten. Es handelt sich um eine Frau, die zum Islam konvertiert ist, sich also bewusst entschieden hat. Die Vollverschleierung findet man deutlich überproportional bei Konvertitinnen. Sie wollen so vielleicht in besonderer Weise dokumentieren, dass sie einer sehr strikten Form des Islam zu folgen gedenken. Es verschafft einem natürlich auch ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit. Da würde ich schon von einem freien Willen ausgehen – anders als etwa in Saudi-Arabien oder Pakistan, wo Frauen dazu gezwungen werden. Man muss aber strikt trennen zwischen dem Kopftuch und der Vollverschleierung. Das Kopftuch behindert die Kommunikation in keiner Weise, das ist der große Unterschied.

Für manche Frauen ist es auch ein Zeichen der Emanzipation.

Das gibt es in der Tat. Frauen tragen das Kopftuch dann bewusst als eine Absage an gängige modische Zwänge. Sie unterstreichen, dass es ihnen um die inneren Werte geht. Manchmal ist es auch eine Protesthaltung gegenüber den Eltern. Man findet eine Fülle von Motiven.

Kopftuch bei Akademikerinnen

Ist das Kopftuch eine Frage der Bildung?

Das ist schwer einzuschätzen. Es gibt allerdings natürlich auch Kopftuchträgerinnen in akademischen Milieus.

Trotzdem wird es in Deutschland nur von einer Minderheit der muslimischen Frauen getragen.

Allerdings gilt die Religionsfreiheit auch für Minderheiten. Auch für Minderheiten in Minderheiten. Deshalb fällt die Gesichtsverschleierung ebenfalls in den Anwendungsbereich dieses Grundrechts. Da darf sich der säkulare Staat ja nicht einmischen. Man muss daher abwägen und fragen, ob es auch gegenläufige Interessen gibt. Und da sehe ich in der Universität – anders als auf der Straße – deutlich überwiegende Gründe für ein Verbot der Vollverschleierung.

Ist der Islam eine durch und durch patriarchale Angelegenheit?

Das kann man so nicht sagen. Zumal es den Islam nicht gibt, sondern viele Auslegungsformen und Facetten davon. Allerdings ist der Islam in einer sehr patriarchalisch geprägten Umgebung entstanden – wie das Judentum und das Christentum. Aber es kommt auf die Lesart an. Man kann den Koran dynamisch lesen und sagen, dass sich durch seine Offenbarungen die Rechtsposition der Frauen massiv verbessert hat. In vorislamischer Zeit waren Frauen Objekt des Rechts, der Islam brachte ihnen dann subjektive Rechte – wenn auch keine Gleichheit mit den Männern. Aber es gibt natürlich weit verbreitete patriarchalische Interpretationen.

Nicht alle in einen Topf

Könnte man sich in Kiel damit beruhigen, dass es nur ein Einzelfall ist?

Man muss immer schauen, ob man nicht mit Kanonen auf Spatzen schießt. Zumal es in Deutschland nicht viele solcher Fälle wie in Kiel gibt. Aber sie mehren sich. Ich habe in den vergangenen Jahren verschiedene Anfragen von Universitäten erhalten, wie man mit dieser Frage umgehen soll. Man kann eine Satzung erlassen oder noch besser ein Gesetz, das kann in unserem Rechtsstaat gerichtlich überprüft werden, und dann hat man eine Basis. Übrigens kenne ich auch nicht wenige Musliminnen, die ein Kopftuch tragen und sagen: Verbietet die Vollverschleierung, denn wir werden mit diesen Frauen in einen Topf geworfen, und das wollen wir nicht. Die Idee, in dem Kieler Fall könnten Musliminnen diskriminiert werden, halte ich für verfehlt.

Peter Intelmann

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