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Kultur im Norden Interview mit Daniel Kehlmann
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07:00 18.08.2019
„Ich mag einfach Gespenstergeschichten. Gespenster tauchen immer wieder in meinen Büchern auf“: Daniel Kehlmann. Quelle: dpa
Lübeck

Am 26. August wird Daniel Kehlmann im Theater Lübeck zur Eröffnung der Ausstellung „Grass, Kehlmann und die Welt des Barocks“ mit der Literaturkritikerin Mara Delius über die Barockzeit und seinen Roman „Tyll“ reden. Die Schauspielerin Christiane Paul wird aus dem Buch sowie aus Günter Grass’ „Das Treffen in Telgte“ lesen, das vor 40 Jahren erschien.

Sie sind jetzt in einer Ausstellung mit Günter Grass zu sehen. Und Sie haben ihn auch persönlich kennengelernt.

Einmal, bei einer Veranstaltung zum 80. Geburtstag von Siegfried Lenz. Da war ich eingeladen, aus dem Werk von Lenz zu lesen.

Da hat er Ihnen gesagt: Jetzt beginnt die Zeit, in der alle mehr über Sie wissen als Sie selbst. Hatte er recht?

Im Grunde gilt das für jeden, der einen gewissen Bekanntheitsgrad hat, auch wenn ich nie eine wirklich öffentliche Person gewesen bin.

Zur Person

Daniel Kehlmann (44) ist in München geboren und in Wien aufgewachsen. 2005 veröffentlichte er seinen Roman „Die Vermessung der Welt“ – ein ungeheurer Erfolg. Genauso wie der 2017 erschienene „Tyll“. Insgesamt hat er sieben Romane geschrieben, dazu Erzählungen, Essays, Theaterstücke. Ausgezeichnet wurde er unter anderem mit dem Kleist- und dem Thomas Mann-Preis. 2009 wurde sein Sohn Oscar geboren.

Ist das ein Fluch?

Es ist manchmal etwas anstrengend. Aber es wäre sehr undankbar, sich darüber zu beschweren. Grass selbst hat ja auch nicht darunter gelitten. Es ist ein großes Glück, als Schriftsteller gelesen zu werden und davon leben zu können. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er das genauso gesehen hat.

Sie haben Ihre ursprüngliche Einschätzung von Grass’ politischem Engagement geändert über die Jahre.

Vielleicht weil ich mich geändert habe. Aber auch, weil die Zeiten sich geändert haben. Anfangs war mein Bild des Schriftstellers bestimmt von Autoren wie Nabokov, Beckett oder Borges, also einem sehr zurückhaltenden Typus, der nur durch sein Werk spricht. Grass ist natürlich das Gegenbeispiel. Aber ich merke heute, angesichts der Weltlage, bei mir viel stärker den Wunsch und die innere Notwendigkeit, mich auch zu politischen Fragen zu äußern. An Grass habe ich immer seinen Einsatz für die Sozialdemokratie geschätzt. Das war in den Neunzigerjahren vielleicht nicht sehr originell. In den Sechzigern und Siebzigern aber galt er vielen seiner Kollegen als Rechtskonservativer. Volker Schlöndorff hat mir erzählt, dass Grass eine Vorstellung im Berliner Ensemble verlassen musste, weil die Schauspieler nicht „für den Faschisten“ spielen wollten. Grass’ Engagement war mutig seinerzeit.

Gegen die AfD

Sie haben sich unter anderem bei der Bürgermeisterwahl in Görlitz zu Wort gemeldet, wo ein AfD-Kandidat gute Chancen hatte.

Ich habe nur einen Aufruf für den Gegenkandidaten unterschrieben. Ich sah keinen Grund, es nicht zu tun. Ob solche Aktionen etwas bringen, ist eine andere Frage. Eine Unterschrift ist schnell geleistet, Günter Grass aber hat sein Einsatz für Willy Brandt einiges gekostet.

Wären Sie wie er damals zur Gruppe 47 gegangen?

Ich weiß es nicht. Die Gruppe 47 ist ein sehr ambivalentes Phänomen. Ohne sie wäre die NS-Vergangenheit nicht so aufgearbeitet worden, sicher. Aber sie agierte bald auch als eine Art Lobbyorganisation, die Zugänge zu Verlagen und Literaturpreisen ermöglicht hat. Oder erschwert, wie für einige rückkehrbereite Emigranten. Es wird ja gesagt, der Bachmannpreis sei eine Spätfolge der Gruppe 47. Dort vorzulesen habe ich mich allerdings immer geweigert. Ich fand diese Art öffentlicher Sofortkritik immer problematisch.

Diskutieren mit Schauspielern

Aber Sie besprechen Ihre Texte schon, unter anderem mit Schauspielern.

Auch mit Kollegen, aber im privaten Rahmen. Das Diskutieren mit Schauspielern am Theater ist etwas anderes. Da gehört es zum Arbeitsprozess und ist ein Privileg, weil man Dinge ausprobieren kann.

Sie sind also kein Typ für den Elfenbeinturm?

Nein, deshalb habe ich auch begonnen, fürs Theater zu schreiben. Für einen Romanautor, der allein arbeitet, ist das eine Erholung und eine sehr belebende Sache. Ich mag den Wechsel sehr.

„Tyll“ haben Sie in der Public Library in New York geschrieben.

Zum Teil. Ich hatte ein Stipendium, und dann bekommt man dort einen Arbeitsraum und Zugang zu den Sammlungen der Bibliothek. Das hat mir sehr geholfen.

Herr der Ringe“ – ein Werk der Avantgarde

Eine Ihrer großen Leseerfahrungen war der „Herr der Ringe“. Er stehe neben „Ulysses“ und dem „Mann ohne Eigenschaften“, sagen Sie.

Zumindest gibt es mehr Ähnlichkeiten, als man auf den ersten Blick denken würde. Es ist ja auch ein Werk voller Spracherfindungen. Tolkien hat unter anderem zwei eigene Elbensprachen entwickelt. Und aus dieser Sprachfantasie eines Linguisten ist ein mythologisches System entstanden. In der Hinsicht gehört es schon in diese Reihe der großen Sprachschöpfungen der literarischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Auch „Ulysses“ ist eine linguistisch-mythologische Phantasie. Da gibt es mehr Ähnlichkeiten, als man auf den ersten Blick denkt.

Sie haben ohnehin einen Hang zum Fantastischen und zum Horror.

Ich mag einfach Gespenstergeschichten. Gespenster tauchen immer wieder in meinen Büchern auf. Und ich habe mit „Du hättest gehen sollen“ selbst eine Horrornovelle veröffentlicht.

Horror!

Die von den Horrorexperten von Blumhouse auch verfilmt wurde.

Mit Kevin Bacon und Amanda Seyfried in den Hauptrollen. Und daher auch natürlich mit Schockeffekten, die es so im Buch nicht gibt. Es wird aber noch daran gearbeitet.

Wird „Tyll“ auch verfilmt?

Es sieht ganz so aus. Aber es ist zu früh, etwas Konkretes zu sagen.

Sie haben jetzt wieder mit dem Regisseur Detlev Buck gearbeitet, diesmal an der Verfilmung von Thomas MannsFelix Krull“.

Anfang nächsten Jahres soll gedreht werden. Es war eine schöne Arbeit, das Buch zu adaptieren, eines der Lieblingsbücher meiner Jugend. Und Detlev Buck ist einer der witzigsten Menschen, die ich kenne. Er hat wahnsinnig viele Ideen, immer, zu allem. Wir haben jetzt schon drei Drehbücher zusammen geschrieben, unter anderem für „Die Vermessung der Welt“. Ich arbeite wirklich gern mit ihm, weil er einfach ein guter Typ ist. Man ist sehr gern mit Detlev Buck im gleichen Zimmer.

Beim Schreiben nicht an den Film denken

Denken Sie beim Schreiben inzwischen schon an die Verfilmung?

Nein, gar nicht. Das klingt vielleicht seltsam, weil viele meiner Bücher verfilmt wurden. Aber es ist immer noch eine andere Form für mich.

Sie wohnen teils in New York, teils in Berlin. Wäre eine zweite Amtszeit von Donald Trump ein Grund, die USA zu verlassen?

Ich bin sehr zuversichtlich, dass Trump die Wahl verlieren wird. Es sieht nicht so schlecht aus, wie die europäischen Medien es oft berichten. Die Chancen stehen eigentlich ziemlich gut. Aber es wird noch mehr als die Wahl 2016 eine Richtungsentscheidung. Sollte Trump wirklich noch einmal gewinnen und die zerstörerische Politik der Republikaner bestätigt werden, wird es wirklich sehr, sehr schwer. Dann wird alles, was wir in den letzten drei Jahren gesehen haben, ein mattes Vorspiel gewesen sein zu dem, was kommt. Das Klima in den USA wäre dann so unerfreulich, dass man da nicht mehr sein möchte.

„Immer Shakespeare“

Shakespeare, haben Sie gesagt, sei der größte Autor überhaupt, aber jede Zeit habe ihren eigenen. Wer ist das in unseren Tagen?

Es ist immer Shakespeare. Nur spricht er zu jeder Zeit anders. In den dunkleren Zeiten wie jetzt ist es der Shakespeare von Macbeth und König Lear.

Viele sehen in dem auch von Ihnen sehr geschätzten Bob Dylan den Shakespeare unserer Zeit.

Wie kann man ihn nicht schätzen? Aber eher würde ich sagen, er ist einer der größten Lyriker unserer Zeit. Ich fand den Nobelpreis für ihn eine sehr gute Entscheidung. Dass er nicht zur Verleihung gegangen ist, war natürlich vollkommen konsequent. Es war amüsant zu sehen, wie viele Leute aus dem literarischen Milieu sich darüber empört haben. Aber wenn man irgendwas über ihn weiß, dann: Dort, wo man Bob Dylan erwartet, wird Bob Dylan nie auftauchen. Außer beim Konzert natürlich. Seine Interaktion mit der Welt ist doch ein ständiges Enttäuschen von Erwartungen.

Aber Sie würden schon hingehen, wenn der Anruf vom Komitee käme?

(lacht) Das ist so weit hergeholt, dass jede Antwort lächerlich wäre.

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