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Kultur im Norden Interview mit Deichkind: „Wir sind eine Show-Instanz“
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16:59 24.09.2019
Deichkind bringt am 27. September das neue Album „Wer Sagt Denn Das?“ heraus. Quelle: Auge Altona
Lübeck

„Wer Sagt Denn Das?” erscheint am 27. September und soll an den Nummer-Eins-Erfolg von „Niveau weshalb warum“ anknüpfen.

Die besten Bilder von Deichkind.

Macht ihr einfach euer Ding oder steht man da auch unter Druck, um an alte Erfolge anknüpfen zu müssen?

Beides. Das gab es anfangs mal, als wir mit Remmidemmi so berühmt geworden sind, aber so groß ist der Druck nicht mehr. Die ganzen alten Songs sind ja noch da – und wenn wir jetzt ein Kack-Album herausbringen, würden die Hallen deswegen nicht leer bleiben. Mich interessiert auch nicht, wie gut das neue Album von ACDC ist, ich gehe trotzdem zu deren Konzerten und freu mich, dass ich die Band live erleben darf.

Wenn man Mäuschen spielen dürfte, was würde man an einem Studiotag mit Deichkind erleben?

Man wäre wahrscheinlich geschockt, wie strukturiert und langweilig das ist. Wir haben natürlich auch mal heftige Lachanfälle zwischendurch, aber wir arbeiten meist sehr konzentriert. Mit vielen Listen und Material, das wir sortieren, bis dann davon etwas hängen bleibt. Es wirkt immer alles so locker flockig, was wir machen – aber um das so hinzubekommen, tun wir auch sehr viel.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Schauspieler Lars Eidinger?

Den kennen wir schon seit fünf, sechs Jahren aus der Hamburger Kunst- und Theaterszene – also noch bevor er quasi zur A-Prominenz gehörte, wo es immer Blitzlichtgewitter gibt, wenn sie bei Events aus dem Auto steigen. Lars war schon immer Deichkind-Fan und da hat sich das dann ergeben.

Fehlt euch Ferris MC?

Als Freund fehlt er ganz sicher, aber bei der Arbeit nicht. Da weiß ich viel zu sehr, was ich will, als dass mir da jemand fehlen würde.

Im Song Cliffhänger singt ihr vom Streamen – was streamst du denn so?

Ich guck’ gern Dokus. Knastdokus. Drogendokus – damit kann ich besser als mit Filmen, weil ich so konstruierte Gewalt nicht mehr ertragen kann, dafür bin ich irgendwie zu dünnhäutig geworden. Aber Dokus gehen.

Kann man davon ausgehen, dass ihr so viel feiert, wie ihr davon singt?

Nicht mehr so wie früher, aber trotzdem wird dem Ausgelassensein auch viel Zeit gewidmet. Ich mag heute aber auch gern so gediegene Sachen wie in Kneipen gehen, Skatspielen oder Kegeln.

Ihr macht ja in eurer Bandgeschichte auch gesellschaftliche Veränderungen mit – was ist heute besonders anders als damals?

Die Zeit rast viel schneller. Früher stand man immer so unter Druck bei der ganzen Arbeit und den vielen Terminen. Da war ich schon ausgebrannt, wenn ich nur daran gedacht habe. Heute hab ich viel weniger Angst vor einem vollen Kalender, weil ich weiß, wie schnell das wieder vorbei geht.

Denkst du, dass Musik einen politischen Beitrag leisten kann?

Wir sind ganz klar Unterhaltung, auch mal mit einer sozialkritischen Haltung, aber ohne weiteren Auftrag. Man kann auch einfach nur zu unseren Shows kommen und Spaß haben. Die andere Ebene ist unserer Beobachtung geschuldet.

Welche andere Ebene?

Dass wir durch unsere Songs Themen aufgreifen, die wir als Beobachter in der Gesellschaft wahrnehmen, wie zum Beispiel verbale Gewalt im Internet oder die Algorithmen, die unser Leben bestimmen.

Welche Algorithmen?

Das mag man so vielleicht gar nicht wahrnehmen, aber unser Denken und unser Konsum werden im Netz durch vorprogrammierte Parameter festgelegt. Das greifen wir als Thema auch auf, ganz besonders im Song „Wer Sagt Denn Das?“: Da geht es um diese Ohnmacht der Menschen und zum Beispiel den Rechtsruck im Land. Da geht’s um dieses ganze Gerede und dieses Hin und Her. Das Getue, Gemache und Gehetze im Netz, was ganz klar der Globalisierung und den Algorithmen geschuldet ist.

Schwarz-weißes-Denken, das man auch im Video zum Song sieht.

Ja. Es gibt gefühlt nur noch zwei Seiten: Das ist alles richtig scheiße und das ist richtig geil. Dadurch sind Vielfalt und Gleichberechtigung in Gefahr, weil wir den Großteil der Welt durchs Netz sehen und nachplappern, was uns da vorgegeben wird.

Aber ihr verpackt das im Spaßformat.

Humor ist unser Transportmittel. Und Politik nicht unser Statement. Es ist überhaupt nicht schlimm, wenn man Deichkind mag und über Inhalte nicht weiter nachdenken möchte. Wir haben trotzdem schon gewonnen, wenn wir nur einen kleinen Denkanstoß gegeben haben.

Beschreibe mal einen ganz normalen Tag als Sebastian Dürre.

Wenn ich nicht arbeite, stehe ich auf, mache mir ’nen Instant-Kaffee und schaue, was der Tag so bringt. Und dann mach ich auch einfach Sachen, die dann einfach passieren, ohne Stress. Und wenn mal nichts kommt, dann sitz ich auch mal da und mach gar nichts. Ich versuche, einen natürlichen Flow zu haben, ziemlich öko-mäßig. Und Familie hab ich ja auch noch – also ich bekomm den Tag schon ’rum mit ein paar Pott Kaffee.

Du wohnst ja in Schleswig-Holstein. Was magst du daran?

Die Zurückgezogenheit und die mega schöne Natur.

Wie oft werdet ihr privat mit euren Bühnencharakteren verglichen – oder mit Deichkind-Floskeln angesprochen?

Nicht so oft. Wir sind ja trotz unserer Popularität nicht so sehr über unsere Gesichter bekannt. Hier stand schon mal jemand im Dorf und hat nach mir gesucht – und dabei stand ich neben ihm und er hat mich nicht erkannt. Das ist ok. Mit Marteria zum Beispiel möchte ich gesichtsprominenzmäßig nicht tauschen. Ich find’s geiler, auf ’nem Festival vor 80 000 Leuten zu spielen und hinterher selbst ins Publikum zu gehen und mir ’ne andere Band anzuschauen, weil mich niemand erkennt.

Stellt man im Kopf von Vater auf Freak um? Wie trennt man das?

Das ist tagesformabhängig, aber ich halte die Welten sehr getrennt und meine Kinder aus der Öffentlichkeit raus.

Und wie schafft man es, mit 42 noch so sehr die Jugend abzuholen?

Ich glaube, Konzerte haben einen großen Stellenwert, die Sehnsucht nach analogen Dingen ist groß, weil man ja heute alles mögliche per Klick bekommt: Aber ein Konzert zum Beispiel, das ist etwas zum Anfassen, das kann man riechen und spüren. Das höre ich auch von vielen Bandkollegen, dass deren Konzerte so voll sind wie nie, obwohl die Plattenkäufe einbrechen. Und: Man kann sich bei Deichkind darauf verlassen, dass man da etwas Gutes erlebt.

Kann man sich nach so vielen Jahren noch ertragen?

Es ist wie eine Beziehung. Manchmal können wir uns überhaupt nicht ausstehen – und dann liegen wir uns wieder im Arm, weil wir so gute Freunde seit so vielen Jahren sind. Das ist nach so vielen Jahren völlig normal. Uns ist ein gutes Gefühl innerhalb der Band aber wichtig und deshalb reden wir auch ganz offen über alles und schlucken nichts runter. Das ist der gesündeste Umgang, wenn man schon so lange zusammenarbeitet.

Was darf bei euch im Tourbus nicht fehlen?

Sandwiches.

Wie finden euch eure Kinder als Künstler?

Sehr gut.

Irgendwann laufen auf den Partys eurer Kinder Krawall und Remmidemmi – ist das komisch oder cool?

Da denk ich noch nicht drüber nach. Ich lebe im Jetzt und es ist noch nicht so weit.

Könnt ihr eure Song selbst noch hören?

Wenn sie im Radio laufen, höre ich sie gerne.

Beschreibe euch mal selbst.

Wir sind ein Entertainment-Unternehmen mit Fokus auf Konditionierungslockerung – eine Show-Instanz, die mit verschiedenen Musikstilen eine gute Zeit verspricht.

Liegt dir noch was auf der Seele?

Ja, passt auf euch auf. Macht nicht so viel Stress da im Netz und seid nett zueinander. Mein Psychologe sitzt ansonsten in Lübeck, den kann ich sehr empfehlen.

Spielt ihr im Rahmen der Tour in Lübeck?

Nee, da scheitert es an einer größeren Halle, wo Tausende Menschen reinpassen. Aber wir spielen in Kiel.

22 Jahre – und kein bisschen leise

„Wer Sagt Denn Das“ ist das siebte Deichkind-Album. Die Band kommt ursprünglich aus Hamburg wurde dort 1997 gegründet.

Die Besetzung wechselte immer wieder mal. Bis 2018 war auch Rapper Ferris MC Mitglied der Band, bis er sich nach zehn Jahren bei Deichkind verabschiedete, um sich neuen eigenen Projekten zu widmen. Einziges festes Mitglied von Beginn an Philipp Grütering als Kryptik Joe.

Seit 2005 ist der Bassist Sebastian „Porky“ DürreMitglied – mittlerweile spielt Dürre nicht mehr Bass, sondern verfasst zusammen mit Philipp Grütering die Songtexte und setzt diese gesanglich um.

In den vergangenen 22 Jahren hat Deichkind mehrere „Hymnen“ wie„Krawall und Remmidemmi“, „Leider geil“ oder „Arbeit nervt“ herausgebracht. Charakteristisch für die Band sind die Texte, die ironisch-humorvoll beziehungsweise demonstrativ „prollig“ sind.

Außerdem ist Deichkind vor allem für seine Live-Shows bekannt: Die Shows arten, wie die Band selbst sagt, gern in einen „Kindergeburtstag für Erwachsene“ aus, bei dem exzessiv gefeiert werde. Dafür gab es 2016 auch den Preis für Popkultur in der Kategorie „Beeindruckendste Live-Show“.

Mit dem neuen Album geht es natürlich auch wieder aufTour durchs ganze Land. Termin und weitere Infos dazu gibt es auf www.deichkind.de

Von Schabnam Tafazoli

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