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Kultur im Norden Martin Walker schreibt nicht über Sex
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16:56 22.05.2019
Der schottische Journalist Martin Walker lebt in Washington und im Périgord. Quelle: Klaus Einwanger
Bergerac

Sein Kommissar heißt Bruno, Chef de police, und ermittelt im Périgord, einer attraktiven Region im Südwesten Frankreichs. Martin Walkers elfter Krimi mit dem Titel „Menu surprise“ (Diogenes) erschien Anfang Mai und sprang sofort auf Platz eins der Bestsellerliste.

Mister Walker, Sie sind gebürtiger Schotte, haben 25 Jahre als politischer Journalist in London beim „Guardian“ gearbeitet, dann historische und politische Sachbücher geschrieben und sind heute ein äußerst erfolgreicher Regiokrimi- und Kochbuch-Autor. Was sehen Sie persönlich als Ihr wichtigstes Werk an?

Martin Walker: Ich habe über Jahrzehnte jeden Tag geschrieben. Erst politische und historische Analysen und ungefähr seit dem Jahr 2000 Romane. In ihnen kann ich auch viele politische und geschichtliche Themen unterbringen. Es ist für mich eine schöne Herausforderung, auch über die romantischen Seiten des Lebens zu schreiben. Aber ich weiß, dass ich niemals über Sexualität schreiben werde. Ich habe zwei Töchter, 32 und 35 Jahre, und die Vorstellung, dass die etwas über Sexualität von ihrem Vater lesen, ist für mich ein Albtraum.

Was lesen Sie selbst?

Ich lese Sachbücher über Geschichte und Biografien, aber auch historische und moderne Romane, in denen ich etwas über Afrika oder China erfahre, und sogar Science-Fiction. Ich muss jeden Tag etwas lesen. Gerade fasziniert mich das neue Buch von Martin Edwards. Er war auf meinem College in Oxford und hat eine Geschichte der Polizeiromane der 1920er und 1930er Jahre geschrieben, das war die goldene Zeit für britische Krimis.

Elfter Bruno-Krimi

Martin Walker, geboren 1947 in Schottland, verfasste zahlreiche Sachbücher, unter anderem über den Kalten Krieg, über Gorbatschow und die Perestroika, über Präsident Bill Clinton sowie über das neue Amerika.

Martin Walkers Bruno-Romane wurden allein auf Deutsch über 2,5 Millionen Mal verkauft. Sie erscheinen in 15 Sprachen. Sein elfter Bruno-Krimi heißt „Menu surprise“ (Diogenes, 432 Seiten, 24 Euro).

Hatten Sie persönlich je in Ihrem Leben mit der Polizei zu tun?

Nach einem Buch über britische Politik und britischen Extremismus wurde ich von der britischen Polizeiakademie eingeladen. Von den Polizisten dort habe ich viel über Forensik gelernt. Und in Périgord bin ich mit unserem Dorfpolizisten gut befreundet. Von einem anderen guten Freund, der in Frankreich Capitain bei der Gendarmerie war, stammt sogar ein Tipp, der mich zu einem ganzen Roman inspiriert hat.

Bei ihrem früheren Arbeitgeber The Guardian gab es in letzter Zeit öfters mal Polizeieinsätze.

Die Zeitung ist sehr liberal und hat von Zeit zu Zeit Probleme. 1986 haben wir ein Geheimdokument über Langstreckenraketen veröffentlicht, das uns ein Beamter zugespielt hatte. Daraufhin gab es eine Durchsuchung. Aber das ist normal und hat in Großbritannien Tradition. Es ist die Pflicht des Journalismus, manchmal das zu schreiben, was die Regierung nicht hören will.

Ihre Hauptfigur, Bruno, Chef de Police, ist ein Feinschmecker. Ist er deshalb ein besserer und sensiblerer Polizist?

Er lebt in einem alten Haus mit einem Gemüsegarten, geht gern auf die Jagd und liebt Wein und gutes Essen. Und weil er ein ganz normaler Mensch ist, ist er auch ein guter Polizist, denn er hat enge Beziehungen zu den Menschen in seiner Region. Er ist allen vertraut.

Aber ist er auch fair gegenüber Menschen, die nur Fastfood essen? Oder straft er sie mit Arroganz?

Er fühlt sich nicht als etwas besseres, vertraut nicht allein darauf, dass er Macht hat. Als Polizist ist er wirklich für alle da, ein echtes Vorbild. Wenn es kein Vertrauen zwischen der Polizei und den Bürgern gibt, wird es problematisch.

Sie leben heute in Washington als Vorsitzender einer privaten Denkfabrik für Topmanager. Und Sie leben in Périgord in Frankreich und schreiben dort Bücher in englischer Sprache. Was bezeichnen Sie als Ihre Heimat?

Meine Heimat ist dort, wo ich bin. Das habe ich als Auslandskorrespondent in Afrika, Russland und Amerika gelernt. Überall ist es interessant. Im Herzen habe ich natürlich Schottland, aber auch Frankreich, Périgord, und sogar Moskau, denn dort hatte ich eine gute Zeit. Wir sind Kinder der Erde. Ich bin Schotte, habe einen britischen Pass, bin aber auch Europäer. Die Idee, dass wir zu einem Staat halten müssen, ist in meinen Augen überlebtes 19. Jahrhundert.

Wie kommt es, dass Sie Deutsch verstehen?

Ich hatte zwei Jahre Unterricht. Ich liebe deutsche Musik, etwa Kurt Weill, Lotte Lenya, Marlene Dietrich und die Toten Hosen. Ich kann die ganze Dreigroschenoper singen. Ich versuche, Heinrich Heines „Wintermärchen“ zu lesen, aber das ist schwer für mich.

Im aktuellen Krimi „Menu surprise“ bringen Sie auch weltpolitisches Wissen ein, britische und US-amerikanische Geheimdienste spielen eine Rolle. Was denken Sie über den Brexit?

Ich weiß, von Zeit zu Zeit kann ein Land verrückt sein. Deutschland war 1933 verrückt, Italien 1922 mit Mussolini, Frankreich 1793 mit dem Terror. Heute ist Großbritannien verrückt, genauso wie Trump in den USA ein verrückter Präsident ist. Ich hoffe jeden Tag, dass der Brexit nicht zustande kommt. Aber für mich gibt es auch einen Unterschied zwischen meinem Ideal-Europa und dem realen Europa, für das Brüssel steht. Wenn ich nur an die schreckliche Landwirtschafts- oder Fischereipolitik gegen die kleinen Bauern denke. Auch für Europa gibt es ohne Großbritannien ein Problem, denn es verliert sein Gleichgewicht.

Verfolgen Sie die Debatten in Großbritannien?

Wir haben eine äußerst chaotische britische Politik. Die Mehrheit im Parlament ist gegen alles, aber für nichts. Von den Brexit-Anhängern werden viele Lügen gestreut. So ist es schwer, die Wahrheit zu ermitteln. Die meisten Menschen wählen mit dem Herzen, nicht mit dem Kopf. Sie entscheiden sich für die Vergangenheit und nicht für die Zukunft. Aber mehr und mehr junge Leute fühlen sich als Europäer.

Könnte es sein, dass sich Nordirland und die Republik Irland wieder vereinigen?

Die Irland-Frage kommt auch in meinem aktuellen Roman vor. Dass die „Neue IRA“ gerade in Belfast eine junge Journalistin erschossen hat, gibt mir leider recht. Wer Nordirland ein bisschen kennt, weiß, dass die IRA niemals tot war. Die Spannung bleibt. Irland und England verbindet eine lange tragische Geschichte. Die Vision, dass sich Irland und Nordirland vereinen, ist nicht absurd. Alles ist heute möglich. Aber ich glaube, es gibt viele Leute in Nordirland, die ihre Identität stark mit Großbritannien verbinden. Europa war für die irische Insel die beste Lösung, die nun der Brexit gefährdet. Es ist alles sehr komplex und nicht mit einfachen Mustern wie Katholik gegen Protestant, Nord gegen Süd, zu beschreiben. Der erste Führer, der für die irische Selbstständigkeit eingetreten ist, war Wolfe Tone, ein Protestant im 18. Jahrhundert. Heute gibt es zwei Millionen Iren, die in Großbritannien leben und den Sonderstatus haben, mit ihrem irischen Pass wählen zu dürfen. In Irland leben nicht ganz so viele Briten.

Was raten Sie im Falle des Brexits den Schotten? Eine erneute Abstimmung über die Abspaltung von England?

Vor drei Jahren habe ich dafür gestimmt, dass Schottland in Großbritannien bleibt. Sollte es heute eine Mehrheit für Schottlands Selbstständigkeit und für den Verbleib in der EU geben, wird wohl Europa etwas dagegen haben. Denn Spanien will sicher keinen Präzedenzfall, dass eine Provinz eigene Wege geht.

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