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Kultur im Norden Oskar Negt über Jürgen Habermas
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17:00 14.06.2019
„Dann werde ich eben Journalist“: Jürgen Habermas. Quelle: Imago
Lübeck

Die „Zeit“ nennt Jürgen Habermas „den berühmtesten Philosophen der Gegenwart“. Nach seiner Dissertation hat er 1956 zum Institut für Sozialforschung in Frankfurt gefunden, wo er nach Stationen in Marburg und Heidelberg 1964 Max Horkheimers Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie übernahm. Dorthin kehrte er nach einer Zeit am Max-Planck-Institut in Starnberg 1981 auch wieder zurück. 1994 wurde er emeritiert. Zu seinen wichtigsten Arbeiten zählt die „Theorie des kommunikativen Handelns“. Im September erscheint sein 1700-Seiten-Werk „Auch eine Geschichte der Philosophie“. Oskar Negt (Foto, 84) war Habermas’ Assistent und hat bis zu seiner Emeritierung 2002 Soziologie in Hannover gelehrt.

Wenn ich es richtig gelesen habe, sind Sie nach einem Referat Assistent von Jürgen Habermas geworden.

Naja, da bilden sich manchmal Legenden. Es war so, dass ich ein Marx-Referat vorbereitet hatte, das drei Stunden dauerte. Das war sehr ungewöhnlich. Und Habermas als Assistent von Theodor W. Adorno hatte die Vorprüfung zu übernehmen. Ich sagte ihm: Tut mir leid, es ist viel zu lang, aber ich kann es nicht kürzen. Da meinte Habermas, er habe mit Adorno geredet, und der fände es in Ordnung. Das war mein erster wissenschaftlicher Kontakt mit ihm. Ich war völlig verblüfft.

Und dann hat er Ihnen angeboten, sein Assistent zu werden?

Nicht sofort, vielleicht ein halbes oder ein Jahr später. Aber es mag schon sein, dass er in mir einen orthodoxen Marxisten vermutete.

Was er seinerzeit auch war?

Das kann man so nicht sagen. Er sympathisierte mit den Argumenten, die aus dem westlichen Marxismus von Philosophen wie Maurice Merleau-Ponty und anderen kamen. Ich persönlich habe ihn nicht für einen Marxisten gehalten.

Wochenlang Zettel in der Wohnung

Hat er Ihnen als Assistent viele Freiheiten gelassen?

Absolut alle, die man sich nur denken kann.

Sie hatten wenig Pflichten?

Überhaupt keine. Von meiner Assistententätigkeit hatte er nicht viel. Ich habe nur eine Dienstleistung für ihn erbracht, das Glossar für seine Habilitationsschrift „Der Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Das war sehr schwierig damals, es war ja nichts digitalisiert. Ich hatte die Zettel wochenlang über meine ganze Wohnung verteilt. Er war ein Ordinarius, wie er so kaum irgendwo erkennbar war.

Sie sind acht Jahre sein Assistent gewesen, von 1962 bis 1970.

Ja, und es kennzeichnet unser Verhältnis, das eines der gegenseitigen politischen Anerkennung war. In diesen acht Jahren hätte er schon mehrfach meinen Weiterförderungsantrag nicht verlängern und mich damit entlassen können. Aber das hat er nicht getan.

Versessen auf Argumente

Was haben Sie vor allem von ihm gelernt?

Eine nicht opportunistische Haltung. Das heißt eine Haltung, in der er bestimmte Linien konstant weiter verfolgte und sich auf jedes Gespräch einließ. Habermas gehört für mich zu jenen Personen, die argumentationswütig waren, wenn man das so sagen kann. Manchmal hat er auch im Gespräch die Argumente gegen sich gestärkt, um die Diskussion nicht abbrechen zu lassen.

1968 hat er mit Blick auf die protestierenden Studenten von „linkem Faschismus“ gesprochen. War das einer seiner größten Fehler?

Es war im Grunde ein Missverständnis. Habermas hatte Bedingungen formuliert: Wenn Sie das und das und das meinen, dann könnte man das heute linken Faschismus nennen. Er hat Tendenzen bezeichnet. Ich habe das damals selbst zu affirmativ verstanden und ein Buch „Die Linke antwortet Jürgen Habermas“ herausgegeben. Er wollte dafür ein Nachwort schreiben, aber als er die Beiträge las, hat er es nicht getan. Er war zu Recht sehr beleidigt. Ich habe mich später öffentlich dafür entschuldigt. Unser persönliches Verhältnis ist dennoch intakt geblieben. Es hat mehr mit Persönlichkeitsstrukturen zu tun, nicht so sehr mit sozialphilosophischen Inhalten.

Karriere verweigert

Habermas ist immer auch an Öffentlichkeit interessiert gewesen, er hat sich eingemischt. Und er hat Begriffe geprägt wie die „Kolonisierung der Lebenswelt“ oder die „neue Unübersichtlichkeit“.

Er hat damit auch eine Tradition der Realitätsanpassung von Leuten aus der Universität geprägt. Er intervenierte sachgebunden sein ganzes Leben lang. Und er hat viel Lust verspürt, auch journalistisch tätig zu sein. Er sagte mir einmal: Wenn die Habilitation bei Wolfgang Abendroth nicht klappt – Max Horkheimer hatte ihm die akademische Karriere verweigert –, dann werde ich eben Journalist. Er hatte ja im wissenschaftlich-philosophischen Zusammenhang auch schon einiges geschrieben.

War er einflussreicher als Philosoph oder als öffentliche Figur?

Ob als Philosoph, das werden wir wahrscheinlich jetzt bei den Veranstaltungen zu seinem Geburtstag am 19. und 20. Juni erfahren. Für mich persönlich war er einflussreich als ein politischer Intellektueller, der bei allen prekären gesellschaftlichen Problemlagen interveniert hat. Und zwar auf der Linie, die in Deutschland eher diskreditiert war: auf der Linie der Aufklärung. Die hat er konsequent verfolgt, und darin liegt auch seine große Bedeutung. Für mich liegt in seinen kleinen politischen Schriften sein eigentlicher Einfluss.

Keine Wahrheit, keine Verständigung

In der „Theorie des kommunikativen Handelns“ spricht er von der „idealen Sprechsituation“. Davon sind wir in Zeiten der Internet-Debatten offenbar weit entfernt.

Die ideale Sprechsituation ist eine transzendentale Voraussetzung für Kommunikation überhaupt. Ich habe sie nie als einen empirischen Vorgang betrachtet. Aber ohne diese Bedingungen gibt es keine Wahrheit, keine Verständigung. Ohne sie als Bezugspunkt entsteht keine friedensfähige Gesellschaft.

Peter Intelmann

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