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Kultur im Norden „Man sollte die Sprache so lassen“
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20:40 04.02.2019
„Es ist hässlich“: der Sprachwissenschaftler Wolfgang Klein in der Bibliothek der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Quelle: dpa
Lübeck

Wolfgang Klein ist Vizepräsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und Vorsitzender der dortigen Sprachkommission. Der Linguist hat an den Universitäten Heidelberg und Frankfurt am Main gelehrt und bis zu seiner Emeritierung 2015 auch am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen gearbeitet. 1996 hat er den renommierten Leibniz-Preis erhalten. In der vergangenen Woche ist ein von ihm geleitetes Projekt zur Erfassung des deutschen Wortschatzes im größten digitalen Wörterbuch gestartet worden.

Tut man der deutschen Sprache mit gendergerechtem Sprechen Gewalt an?
Man tut ihr vielleicht keine Gewalt an, aber es ist hässlich.

Sind denn bei Bürger oder Besucher tatsächlich nur die Männer gemeint?
Nein, das ist eine seltsame Auslegung. In vielen, wenn nicht den meisten Sprachen der Welt gibt es überhaupt keine Unterscheidung nach dem Geschlecht in der Grammatik; das Chinesische kennt sie nicht, und in anderen Sprachen, etwa dem Englischen, beschränkt sie sich auf die Wörter „he“ und „she“ Ursprünglich war die Unterscheidung des Genus eine Klassifizierung zwischen „belebt“ und „unbelebt“. Später hat man das innerhalb des Belebten noch einmal aufgegliedert, dann wieder zusammenfallen lassen – es kommt und geht, es entwickelt sich.

Also hat das generische Maskulinum, dass etwa bei Bürger auch die Frauen gemeint sind, seine Berechtigung?
In den Sprachen jedenfalls, die ich kenne, wird eine Form als die markierte genommen. Das heißt: Wenn nichts anderes gesagt wird oder der Kontext nichts anderes nahelegt, meint man beide.

Wäre es ein Ausweg, wenn man künftig statt des Bürgers nur von der Bürgerin spräche?
Wenn sich das historisch so entwickelt hätte, könnte es genauso gut umgekehrt sein. Ein interessanter Fall, der in dieser Diskussion nur am Rande erwähnt wird, ist das juristisch überhaupt wichtigste Wort dieser Art: die „Person“. Da meint jeder, dass es Mann oder Frau sein kann, obwohl es „die“ Person heißt. Das ist in der Tat eher ungewöhnlich.

Aber wie kommt man raus aus diesem Dilemma ohne Doppelung, Gendersternchen oder großes Binnen-I?
Am besten, indem man zwei Dinge tut. Zum einen sollte man die Sprache so lassen, wie sie ist. Und zum anderen sollte man sich einer gewissen Höflichkeit und eines gewissen Anstands befleißigen, also keine Sprache verwenden, die andere als kränkend empfinden.

Das heißt?
Man kann zum Beispiel keinen Vortrag eröffnen, indem man sagt: Meine sehr verehrten Herren! Wenn Frauen explizit angesprochen werden sollen, sollte man das auch entsprechend deutlich machen. Ich glaube überhaupt, dass die Rolle der Sprache in diesem Zusammenhang ein bisschen überschätzt wird. Den Frauen in China ging und geht es bestimmt nicht deshalb besser, weil es seit jeher eine neutrale Form gibt, und meiner Mutter ist all das auch vollkommen egal.

Aber Sprache ist Veränderung.
Sicher. Aber hier erfährt sie keine Veränderung durch den Sprachgebrauch, sondern die Veränderungen werden oktroyiert. Es wird versucht, zu einer Vorschrift zu machen, was vielleicht eine Frage des Anstands ist. In der DDR oder im Nationalsozialismus wurde ein bestimmter Sprachgebrauch vorgegeben. Aber alle solche Eingriffe aus ideologischen Gründen finde ich hässlich. Außerdem verbergen sie das Problem nur. In einer offenen demokratischen Gesellschaft sollte man die Probleme selber in Angriff nehmen und sie nicht sprachlich übertünchen.

Haben Sie an der Hochschule von Studierenden gesprochen?
Nein, immer von Studenten.  „Studierende“ ist ja ein Partizip Präsens, und da ist es normalerweise so, dass man jemanden meint, der gerade etwas tut. Der Fahrer und der Fahrende zum Beispiel, das ist schon etwas anderes. Der Fahrende ist der, der gerade fährt. Die Tänzerin muss nicht unbedingt gerade tanzen, die Tanzende aber sehr wohl.

Hoffen Sie, dass sich das von selbst einpendelt?
Ich bin optimistisch, weil es so wahnsinnig kompliziert ist, dass es sich nicht wird durchsetzen können.

Aber die gendergerechte Sprache ist eher in kleinen Kreisen von Interesse?
Dieser Gedanke ist in Deutschland überhaupt erst Anfang der 80er Jahre aufgekommen. Aber nehmen wir nur mal das Grundgesetz, Artikel 5. Dort heißt es: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten. . .“. Da denkt niemand, dass die Frauen das nicht dürften.

Sie sehen auch keine große Änderungswelle von der Bibel bis zum Grundgesetz kommen?
Nein. Die Versuche haben jetzt an Fahrt aufgenommen, zuletzt durch die neuen Regelungen bei der Stadt Hannover. Diese Beispiele haben ja etwas ziemlich Komisches an sich. Aber wenn es die allgemeine Empfehlung gibt: „Seid anständig gegenüber den Leuten und verwendet keine kränkenden Wörter“, dann ist das eine selbstverständliche Rücksichtnahme, die sonst auch gilt im Leben. Man kann das aber nicht dadurch regeln, dass man absurde komplexe Ausdrucksformen einführt.

Wie halten Sie es bei Ihnen in der Akademie?
Dort hält man, soweit ich es überblicke, das alles für schrullig und kümmert sich nicht weiter darum.

Peter Intelmann

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