Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Ist Romantik rechts?
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Ist Romantik rechts?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:18 24.01.2018
Lübeck

Es ist mal wieder so weit. Das deutsche Feuilleton mit seiner selbstverliehenen Deutungshoheit hat ein Opfer gefunden, auf das einzudreschen sich offensichtlich lohnt. Simon Strauß, Verfasser des Romans „Sieben Nächte“, ist das Objekt der absurden Treibjagd.

Preisgekrönt und umstritten: Autor Simon Strauß. Quelle: Foto: Hrf

„Der einzige Kampf, der jetzt noch lohnt, ist der ums Gefühl.Simon Strauß

Den Auftakt zu dieser Scheindebatte lieferte die „Tageszeitung“. Bei ihrer aufopfernden Suche nach Gefährdern des linken Mainstream-Denkens war sie auf Strauß gestoßen und hatte ihm vorgeworfen, rechtes Gedankengut zu verbreiten. In seinem Roman, in den Artikeln, die Strauß in seiner Eigenschaft als Redakteur der FAZ schreibt und natürlich in seinem „Jungen Salon“ in Berlin. In diesen hatte Strauß den Vordenker der neuen Rechten, Götz Kubitschek, eingeladen, um dessen denkerische Positionen und Perspektiven kennen zu lernen. Man ging im Streit auseinander, was wirklich nicht verwunderlich ist. Denn Simon Strauß ist alles andere als ein geistiger Wegbereiter rechten Denkens und schon gar nicht die intellektuelle Speerspitze der AfD. Im Gegenteil. Und so entsteht immer mehr der Eindruck, dass hier versucht wird, mit den Prügeln für den Sohn Simon den Vater Botho Strauß zu treffen.

Der hatte 1993 in seinem berühmten, für manche berüchtigten „Spiegel“-Essay „Anschwellender Bocksgesang“ der politischen und philosophischen Gegenwartskultur die Leviten gelesen. Ein todeswürdiges Verbrechen für den liberal-libertären Mainstream, der sich völlig zu Recht in seiner Existenz als einzig zulässige Diskursform gefährdet sah. Botho Strauß schrieb unter anderem: „Die Intelligenz der Massen hat ihren Sättigungsgrad erreicht. Unwahrscheinlich, dass sie noch weiter fortschreitet, sich transzendiert und 10 Millionen RTL-Zuschauer zu Heideggerianern würden. Hellesein ist die Borniertheit unserer Tage. Die High-Touch-Intelligenz, alle immer miteinander in Tuchfühlung, unterscheidet nicht mehr zwischen Fußvolk und Anführern. Was einmal die dumpfe Masse war, ist heute die dumpfe aufgeklärte Masse.“

Solche Ausführungen haben die linken Meinungsführer Botho Strauß bis heute nicht verziehen – obwohl sich die geistige Situation in Deutschland noch weiter verschlimmert hat. Und wenn Simon Strauß

darauf hinweist, dass das Land unter der Regierung Merkel gerade in geistiger Hinsicht dahinsiecht und immer mehr verkommt, dann kann man ihm kaum widersprechen – außer, man trägt ideologische Scheuklappen.

Denn es ist nicht gerade ein Ruhmesblatt, dass ein Viertel der Viertklässler nicht mehr lesen kann, um nur ein Beispiel für den immer mehr fortschreitenden Verlust klassischer Kulturtechniken zu nennen. Von Bildung ganz zu schweigen: Durch eine unter Länderhoheit stehende Bildungspolitik ist es gelungen, einen neuen Kulturbegriff zu definieren, der mit Werten, Würde und auch der Kenntnis der klassischen Werke nichts mehr zu tun hat. Das färbt natürlich ab auf den politischen Zustand, die Demokratie in diesem Lande ist dabei, sich in eine Telekratie zu verwandeln, an die Stelle von argumentierenden, informierten und womöglich auch gebildeten Entscheidungsträgern ist eine Kaste von Politiker-Darstellern getreten, die in einem schauerlichen Neusprech versucht, die Welt zu erklären. Sieben Minuten Brüllerei auf dem Parteitag der ehemaligen Volkspartei SPD hatten mehr Wirkung als stundenlange Diskussionen.

Diese Entwicklung hin zu einer immer stromlinienförmigeren, leereren und damit auch dümmeren Welt hat Botho Strauß beschäftigt, sie beschäftigt auch Simon Strauß. Der steht natürlich in einer romantischen Tradition, das macht ihn für manchen Exegeten bereits verdächtig. Er hat auch Ernst Jünger, Martin Heidegger und womöglich auch Carl Schmitt gelesen – damit ist er erst recht untendurch.

Obwohl der Alt-Grüne Joschka Fischer, der nun wirklich jeglicher faschistischen Neigungen unverdächtig ist, ausgerechnet Carl Schmitt immer wieder zitiert, der nicht nur der „Kronjurist des Dritten Reiches“, sondern auch ein brillanter Denker war. Aber solche Feststellungen fallen unter das Diskursverbot – die Romantik steht kurz davor.

Sie habe das Irrationale in die Welt gebracht, den geistigen Weg bereitet in Unrecht und Unterdrückung, heißt es. Wer so argumentiert, verdammt zum Beispiel Werke von Richard Wagner und Anton Bruckner, weil Hitler sie über alles schätzte. Das taten und tun aber auch viele andere, die mit faschistischem Gedankengut nichts am Hute haben – zu diesen gehörte auch Thomas Mann.

Simon Strauß hat es nicht verdient, durch eine solche Scheindebatte an den Pranger gestellt zu werden. Er hat sich bei objektiver Betrachtung nichts zuschulden kommen lassen, außer einen bemerkenswerten Debütroman zu schreiben. In dem er der liberal-libertären und wohlstandsironischen Generation seiner Eltern ein klares „so geht es nicht weiter“ entgegen setzt. Was man auch mit den Worten seines Vaters Botho Strauß ausdrücken kann: „Was sich stärken muss, ist das Gesonderte. Das Allgemeine ist mächtig und schwächlich zugleich.“

Debütpreis für den umstrittenen Autor

In der Laudatio hieß es unter anderem: „Man kann an diesem Buch lernen, dass die literarische Fiktion weitaus wahrer sein kann als die Realität. Dass Literatur vielleicht der einzige Weg ist, aus dem Meer des Zynismus aufzutauchen. Dass erfundene Universen das eigene Denken anregen und ganz einfach glücklich machen können.“

In dem Roman geht es um einen jungen Mann um die 30, der Angst vor dem Eintritt in eine bürgerliche Existenz hat. Ein Bekannter fordert ihn auf, in sieben Nächten sieben Todsünden zu begehen und darüber bis zum nächsten Morgen um sieben Uhr einen Text zu schreiben. Der Erzähler lässt sich auf das Experiment ein und erlebt die erstaunlichsten Dinge.

Jürgen Feldhoff

„Ich möchte niemanden mit meinem Privatleben belästigen. Ich halte das für unappetitlich.“ Das hat Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow vor zwei Jahren gesagt. Jetzt erscheint morgen ein Album der Band mit zwölf autobiografischen Songs. Ein Widerspruch?

24.01.2018

Los Angeles. Der für diesen Sommer geplante Kinofilm über die Spielzeugpuppe Barbie wird um zwei Jahre verschoben.

24.01.2018

Rostock. Mit einer Ausstellung will das Zentrum für verfemte Musik an der Hochschule für Musik und Theater (HMT) Rostock die während der NS-Zeit verfolgten und ermordeten Musiker würdigen.

24.01.2018