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Kultur im Norden „Istanbul“ zeigt eine verkehrte Gastarbeiter-Welt
Nachrichten Kultur Kultur im Norden „Istanbul“ zeigt eine verkehrte Gastarbeiter-Welt
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15:44 06.04.2019
Herausragendes Ensemble: Johann Moritz von Cube, Michael Fuchs, Susanne Höhne und Henning Sembritzki (v. l.) in „Istanbul“ an den Kammerspielen Lübeck. Quelle: E-Mail-LN-Medien
Lübeck

Verkehrte Welt kann ausgesprochen komisch sein. In der TragikomödieIstanbul“ von Selen Kara, Torsten Kindermann und Akin E. Sipal ist diese verkehrte Welt sogar ausgesprochen witzig, mehr noch: Sie geht keinem Kalauer aus dem Wege. Das macht den Reiz des Stückes aus, das am Freitag seine bejubelte Premiere in den Kammerspielen erlebte.

Die verkehrte Welt besteht darin, dass 1960 das Wirtschaftswunder nicht in Deutschland, sondern in der Türkei stattfindet. Vor allem aus strukturschwachen deutschen Regionen wie Bayern und Schleswig-Holstein strömen deshalb Arbeitslose als Gastarbeiter in die Türkei, in der starker Mangel an Arbeitskräften besteht. Mit auf die Reise an den Bosporus macht sich der Lübecker Klaus Gruber, seine Erlebnisse in der Fremde stehen im Mittelpunkt der Geschichte.

Kein Filterkaffee in Istanbul

Regisseur Pit Holzwarth überhöht diese Geschichte zum Glück nicht, er konstruiert aus dem Stoff keine Parabel über das Thema Fremdheit oder Unbehagen in der (fremden) Kultur. Er hält sich vor allem an die unterhaltsamen Kleinigkeiten des Stückes. Wenn Gruber mit seinem Dolmetscher in einen überfüllten Bus steigt, ergibt sich ein ganz wunderbar choreographiertes Tohuwabohu. Die Gruber angewiesene Wohnung hat ungefähr die Grundfläche einer Telefonzelle und deprimiert den deutschen Gastarbeiter heftig. Und als er vergeblich in halb Istanbul nach einem deutschen Filterkaffee sucht, schafft Pit Holzwarth dem Hauptdarsteller Michael Fuchs den Raum für ein fulminantes Solo, das in seiner Qualität schon fast an die Musterungs-Szene in der „Felix Krull“-Verfilmung von 1957 heranreicht.

Musik vom türkischen Popstar Sezen Aksu

Regisseur Holzwarth bringt Klaus Grubers Abenteuer ausgesprochen kurzweilig auf die große Bühne. Die ersten beiden Stuhlreihen der Kammerspiele sind überbaut, der Bühnenraum entsprechend vergrößert (Ausstattung: Werner Brenner), ein Teil des Publikums sitzt auf der Bühne. Kurzweilig und unterhaltsam und vor allem temporeich ist diese Inszenierung, gerade durch ihre zügige Bilderfolge kann sie einige logische Brüche und dramaturgische Schwächen der Stückvorlage kaschieren.

Michael Fuchs (Mi.) überzeugte in der Rolle des deutschen Gastarbeiters Klaus Gruber in „Istanbul“. Quelle: Marlène Meyer-Dunker

Zusammengehalten wird dieser ganz spezielle Clash der Kulturen durch die Musik und die Texte von Sezen Aksu, dem absoluten Topstar der türkischen Popmusik. 16 ihrer Songs, musikalisch angesiedelt zwischen biederem Türk-Pop, anspruchsvollem Chanson und klassischer türkischer Musik, erklingen in „Istanbul“. Die Texte werden in Deutsch eingeblendet, sie sind von erstaunlicher poetischer Kraft und Qualität. Diese Lieder sind das verbindende Element des Abends. Der Deutsche, den es in die Fremde verschlagen hat, und die „Eingeborenen“ am Bosporus kommen sich nicht zuletzt über die Musik näher. Das ist ein durchaus bekanntes Motiv, aber ein schönes.

Tee und Baklava fürs Publikum

Wirklich schwach an diesem Stück ist nur das Ende. Klaus Gruber, dessen Frau mittlerweile bei ihm am Bosporus lebt, weiß nicht mehr, wo er hingehört. Er stirbt ziemlich unvermittelt. Dass Regisseur Pit Holzwarth den Abend mit der Beerdigung beginnen und enden lässt, führt elegant über diese Untiefe hinweg – ebenso der schwarze Humor dieser Szenen. Dass Statisten dem Publikum dann auch noch Tee und Baklava servierten, trug ebenfalls zum Wohlbefinden des Publikums bei.

Herausragende Musiker und Darsteller

Herausragend an diesem Premierenabend waren Musiker und Darsteller. Michael Fuchs in seiner zweiten Hauptrolle als Mitglied des Lübecker Ensembles ist ein vorzüglicher Klaus Gruber, hin- und hergerissen zwischen Lübecker Matjes und türkischem Chai. Er singt ganz vorzüglich und chargiert auch nach Kräften, wenn es die Inszenierung erfordert – das tut sie einige Male. Michael Fuchs ist der neue starke Mann im Lübecker Ensemble. Susanne Höhne als seine Istanbuler Gespielin verkörpert die eher leichtlebige Sängerin Ela in all ihrer Laszivität überzeugend und eindringlich, Sara Wortmann als deutsche Ehefrau Luise kommt angemessen trampelig daher. Henning Sembritzki mit schön schmierig zurückgegeltem Haar erfüllt alle Klischees, die man den männlichen Einwohnern Istanbuls zuschreibt. Johann Moritz von Cube als Kneipenwirt Murat beeindruckt durch seinen präzise geführten Countertenor. Faszinierend ist, wie gut sich Darsteller und Musiker auf die Türkische Musik und Sprache eingestellt haben. Coach Ali Kermal Örnek, der selbst in der Band spielte, hat ganze Arbeit bei der Einstudierung geleistet.‘

Nächste Vorstellungen

Istanbul läuft in den Kammerspielen am Theater Lübeck noch an folgenden Terminen: 11. 4. um 20 Uhr, 28. 4. um 16 Uhr, 4. 5. um 20 Uhr, 12. 5. um 18.30 Uhr sowie am 8. und 20. Juni jeweils um 20 Uhr. Die vorgesehene Vorstellung am 18. 5. entfällt.

Karten im LN-Ticketshop unter https://tickets.ln-online.de/

Bei der Premiere waren erfreulich viele türkische und türkischstämmige Mitbürger im Publikum zu sehen. Sie stimmten in den gewaltigen Schlussapplaus mit ein: Diese Produktion über eine verkehrte Welt kann tatsächlich verbindende Kraft haben. Und deshalb war „Istanbul“ nicht nur ein unterhaltsamer, sondern auch ein wichtiger Theaterabend.

Jürgen Feldhoff

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