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Kultur im Norden Jan Brandt erzählt vom unfreiwilligen Nomadentum
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18:00 29.06.2019
Auf der Suche nach einem sicheren und bezahlbaren Ort zum Schreiben: Autor Jan Brandt. Quelle: Foto: A. Büssemeier
Berlin

Es geschah in Kreuzberg, dort, wo die Nächte immer noch lang sein können. Erst wurde einem populären türkischen Gemüseladen im Wrangelkiez gekündigt, dann das Eiszeit-Kino geschlossen, und nahe der Markthalle IX, der Lieblingsgastronomie der Hipster, wurden zwei Häuser an einen Immobilienfonds in der Steueroase Jersey verhökert. Da ging es Jan Brandt (45) auf: „Die Stadt will dich nicht mehr.“ Eine Erkenntnis, die vielen Berlinern sehr vertraut ist.

„Was kann ich mir noch leisten?“

In einem Interview mit der „Berliner Zeitung“ hat der gebürtige Ostfriese es auf den Punkt gebracht: „Die Frage lautet nicht mehr: Wie will ich leben? Sondern: Was kann ich mir noch leisten?“ Er absolvierte wochenlang Besichtigungstermine, Bewerbungen, Ablehnungen, widerrufene Zusagen und Kündigungen wegen Eigenbedarfs. „Irgendwann dämmerte mir, das ich nichts wert bin“, hat er erklärt. Es handelt sich um den Autor des Romans „Gegen die Welt“ (2011), ein Provinzepos, das auf Bestsellerlisten stand und großen Zuspruch beim lesenden Publikum fand.

Berlin – von Spekulanten aufgemischt

Nach der Finanzkrise 2008 wurde Berlin nach und nach zum Standort von Investoren, die unter Stadtentwicklung verstehen, noch aus dem Objekt im miserabelsten Zustand Rendite zu schöpfen. Die deutsche Hauptstadt wurde von Spekulanten aufgemischt, Abertausende Wohnungen gingen über ihren Spieltisch. Brandts Erlebnisse lesen sich wie Kriegsberichte von der Gentrifizierungsfront.

Jan Brandt: „Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt" Quelle: Jan Brandt

Er erzählt Geschichten, die er mit Fakten, Zahlen und Statistiken aus den letzten Studien anreichert. Das alles geht davon aus, dass die Berliner Durchschnittsmiete sich in zehn Jahren verdoppelt hat, wobei das mittlere Haushaltseinkommen nicht annähernd mitgewachsen ist. Er zog mit zwei Koffern durch die Stadt, von Zwischenmiete zu Zwischenmiete, träumte von Erlösung auf den Sofas von Freunden und einem sicheren Ort zum Schreiben. Deshalb war er nach Berlin gekommen.

Wohnen ist keine Selbstverständlichkeit mehr

Das Buch liest sich wie eine Mietspiegelstatistik, wie eine Sozialstudie und wie ein Drama. Berlin ist keine offene Stadt mehr, man muss Geld haben, um hier innerhalb des S-Bahn-Rings leben zu können. Vermieter setzen auf Sicherheit, ein freiberuflicher Autor ist für sie eine Art Komiker. Sie wollen seine Jobgarantie und die Höhe des monatlichen Einkommens belegt haben, im Ernstfall werden Anwälte eingeschaltet. Wohnen ist keine Selbstverständlichkeit mehr, auch wenn es ein Wohnrecht gibt, und die Politik kommt mit dem Furor der Verdrängung nicht mit.

Jan Brandt: „Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt" Quelle: Jan Brandt

Mit der Stadtgeschichte konfrontiert Brandt seine Heimatgeschichte. „Von einem, der auszog, um in seiner neuen Heimat anzukommen“, und „Von einem, der zurückkam, um seine alte Heimat zu finden“. Das Buch muss einmal um sich selbst gedreht werden. Man liest es von zwei Seiten zur Mitte hin: zwei Geschichten vom Verlust der Heimat – der neuen in Berlin und der alten unweit der holländischen Grenze, seinem Elternhaus. Gemeint ist ein Ostfriesenhof von 1863, in dem schon der Urgroßvater lebte. Aber auch das ging schief, obwohl Brandt gekämpft hat. Ein Investor war stärker, auch hier, er hatte mehr Geld.

Auch weg: Das Elternhaus des Autors in Ostfriesland. Quelle: Jan Brandt

„Gegen die herrschenden Verhältnisse“

Geld regiert so sehr die Welt wie schon lange nicht mehr. Seine Erfahrungen haben Jan Brandt politisiert. Sein Buch sei „gegen die herrschenden Verhältnisse“ geschrieben worden, sagte er. Es ist eine bemerkenswerte Dokumentation des Heimats- und Identitätsverlusts, den wir gerade in Deutschland erleben. Die Aufgabe von Schriftstellern ist, die psychische Seite des gesellschaftlichen Wandels zu beschreiben. Brandt tut das. Vielleicht wäre es gut gewesen, die über 400 Seiten mehr zu verdichten, weniger Anekdoten einzufügen. Nach dem zigsten Mahnschreiben an die Hausverwaltung wird es langsam etwas mühselig. Aber einer musste es ja mal aufschreiben. Er wird nicht der Letzte sein.

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