Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden „Ich glaube, dass wir mutig sind“
Nachrichten Kultur Kultur im Norden „Ich glaube, dass wir mutig sind“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:48 29.12.2018
10 Jahre Museumsleiter des Günther Grass Hauses Jörg-Philipp Thomsa Foto: Ulf-Kersten Neelsen Quelle: Neelsen
Lübeck

Interview mit Jörg-Phillip Thomsa (39), der in Moers geboren wurde und Geschichte und Germanistik studiert hat. Er ist verheiratet und Vater eines kleinen Sohnes.

Sie leiten das Haus seit zehn Jahren. Hat Günter Grass Sie persönlich eingestellt?

Nein, aber ich weiß, dass er damit sehr einverstanden war. Und das war mutig, schließlich war ich erst 29 Jahre alt. Zuvor hatte ich hier schon zwei Jahre als Volontär gearbeitet. In dieser Zeit durfte ich eine Ausstellung über Günter Grass und Willy Brandt kuratieren, die von Siegfried Lenz miteröffnet wurde. Das war 2008 ein wichtiger Auftakt. Und dann liefen Projekte wie das Kinderfest und einige größere Veranstaltungen sehr gut.

Eine schwere Entscheidung?

Ich hatte zur selben Zeit ein Doktoranden-Stipendium erhalten und stand vor der Frage: Werde ich Lehrer, gehe ich in die akademische Welt, oder mache ich ein Volontariat – mit 800 Euro netto pro Monat, auf zwei Jahre befristet und ohne Aussicht auf Übernahme? Aber es war die richtige Entscheidung.

Was waren die wichtigsten Schritte in diesen zehn Jahren?

Am wichtigsten war, das Grass-Haus besser in der Stadt zu vernetzen. Es ist inzwischen ein selbstverständlicher Teil der Lübecker Kulturszene. Wir haben unsere Sammlung und unser Archiv erweitert und den Bestand digitalisiert. Zudem hat sich das Haus stark für unterschiedlichste Besucherschichten geöffnet. Günter Grass hat mich immer darin unterstützt, neue Wege zu gehen, um Literatur, Kunst und politische Themen zu vermitteln. Wichtig war natürlich auch die Gedenkveranstaltung nach seinem Tod 2015 und dass wir dafür gesorgt haben, dass es in seinem Sinne weitergeht.

Was steht in den nächsten zehn Jahren an großen Dingen an?

Wir haben eine tolle Sammlung mit über 1300 Bildern und zahlreichen Manuskripten und werden diese Materialien weiterhin in Ausstellungen präsentieren. Das ist ein Schwerpunkt. Die Bedeutung der Forschung nimmt zu. Und wir werden uns weiter den neuen Medien widmen. Vor der Aufgabe stehen alle Museen, aber wir sind auf diesem Feld sehr weit und haben gute Ideen. Und wir wollen das Haus weiter öffnen, gerade auch für Familien.

Wie ist der Stand bei der Übernahme des audiovisuellen Archivs der Bremer Grass-Stiftung?

Wir führen Gespräche, aber es ist ein steiniger Weg. Wir wissen noch nicht, ob es klappt. Eine Verlegung wäre für die Pflege des Werks von Günter Grass und den Lübecker Standort langfristig sehr wichtig. Das sollte auch kulturpolitisch erkannt werden. Das Archiv würde genau zu uns passen. Nur mit guten Ideen und persönlichem Einsatz der Mitarbeiter wird es hier auf Dauer nicht so gut weitergehen wie bisher.

Wie steht das Haus finanziell da?

Wie alle öffentlichen Museen haben wir zu kämpfen. Gerade die personelle Ausstattung ist äußerst rudimentär. Aber wir haben uns irgendwann entschlossen, nicht zu verzagen, sondern zu liefern. Und wir haben in Lübeck Stiftungen und private Förderer, die uns helfen und vieles finanzieren. Ohne unseren Freundeskreis ginge allerdings gar nichts. Er ist für unsere Arbeit elementar.

Welche Aufgabe hat das Grass-Haus in der Lübecker Kulturszene?

Ich glaube, dass wir mutig sind und oft ungewöhnliche Wege gehen, um unsere Arbeit zu vermitteln. Wir haben beispielsweise zum 85. Geburtstag von Günter Grass Helge Schneider eingeladen, bei uns zu spielen. Eigentlich eine verrückte Idee, aber sie passte wunderbar, da Grass ein großer Jazz-Freund war. Wir haben versucht, Lübeck überregional ins Gespräch zu bringen, etwa durch Veranstaltungen mit Persönlichkeiten wie Salman Rushdie, John Irving, Markus Lüpertz, Mario Adorf oder Cornelia Funke, und durch internationale Ausstellungen. Dabei darf man nicht vergessen, dass das Grass-Haus ein sehr kleines Museum ist. Es ist jedenfalls kein Tempel zu Lebzeiten eines Nobelpreisträgers gewesen, und es ist keiner danach.

Macht es Ihnen das Leben schwer, dass die Lübecker Hochschulen keine geisteswissenschaftliche Fakultät haben?

Das ist natürlich sehr schade, aber wir haben enge Kontakte zu anderen Hochschulen. Wir betreuen auch Dissertationen.

Was ist Ihre liebste Erinnerung an Günter Grass?

Die letzte. Das war im Hamburger Thalia-Theater, als er zu meiner Frau und mir sagte: „Ihr gehört ja quasi zur Familie.“ Das war sehr schön. Und eine der ersten zählt auch dazu. Da hatte ich die Ausstellung über ihn und Willy Brandt kuratiert und ihm in der Frage der Wiedervereinigung heftig widersprochen. Ich glaube, er war beeindruckt, dass ich so offen mit ihm diskutierte. Aber ab da war klar, dass ich nicht mache, was er will. Das hat er immer sehr geschätzt.

Welche Seite von Günter Grass ist der Öffentlichkeit verborgen geblieben?

Sein Humor! Wir haben sehr viel gelacht, das vermisse ich. Gleichzeitig war er warmherzig und strahlte eine Würde aus, weil er so gelassen war. Ich erinnere mich an das sogenannte Israel-Gedicht 2012, als er in der Weltpresse heftig kritisiert wurde und hier oben ruhig im Büro saß und Tee trank. Für mich war er durch und durch ein Künstler. In allem, was er tat.

Planen Sie schon die 20-Jahr-Feier des Hauses 2022?

Nein, aber wir denken schon an den 100. Geburtstag 2027. Unsere Dauerausstellung wird sicher biografischer und wir möchten mehr persönliche Gegenstände von Günter Grass zeigen.

Und Sie werden dann noch hier sein?

Das weiß ich nicht. Es gab sicher auch frustrierende Erfahrungen, aber ich arbeite gern hier und fühle mich wohl. Und Lübeck als Stadt liebe ich nach wie vor.

Peter Intelmann

Kultur im Norden Ein Flüchtling aus dem Iran erzählt seine Geschichte - Wenn Glück unter die Haut geht

Sein Traum vom Tätowieren hat Shahab nach Deutschland verschlagen, weil er in seiner Heimat Iran dafür im schlimmsten Falle die Todesstrafe bekommen hätte. Die Geschichte eines Flüchtlings.

30.12.2018

Seit er 17 Jahre alt ist, schreibt und singt der Lübecker Jörg Lornsen Songs. Am Freitag ist er in der Musikkneipe Tonfink.

27.12.2018

Andreas Schüller dirigiert das Neujahrskonzert in der Lübecker MuK: Beethovens 9. Sinfonie

27.12.2018