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Kultur im Norden Umstrittene Meese-Ausstellungen in Lübeck: Ist das Kunst?
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07:53 27.02.2019
Polarisiert: Künstler Jonathan Meese in Lübeck Quelle: Jan Bauer
Lübeck

„Es ist wirklich sehr gut besucht“, sagte Pastor Bernd Schwarze, Hausherr in der Petrikirche, wo Jonathan Meese eine große Installation aufgebaut hat. An normalen Wochentagen kämen etwa 200 bis 300 Besucher, auch von weiter her. Am Sonnabend sei es mit rund 700 Gästen „richtig voll“ gewesen. Es gebe natürlich Besucher, die eigentlich nur auf den Turm wollten und dann auch noch in die Ausstellung schauten. Viele kämen aber eigens wegen Meese.

Die Reaktionen seien unterschiedlich, „auch radikal unterschiedlich. Von ,Das ist das Aufregendste, was ich in meinem Leben gesehen habe’, bis zu ,Das ist der Niedergang der Kunst und der Kirche schlechthin’ – die ganze Palette. Aber es gibt auch viel Lust auf Gespräch. Es ist viel Leben drin.“

Das sagen LN-Leser

"Auch die Kunstwelt schafft sich ihre Marken – einmal etabliert, vermutet man Großes, Exklusives, Erfolgreiches dahinter und wer schmückt sich nicht gern mit diesen Attributen? Wenn die Marke Jonathan Meese daran erinnert, dass wir großartige lokale und regionale Künstler haben, ist das Engagement dieses Künstlers ein gelungenes Marketing für die hiesige Kunstszene." Dr. phil. Linda Dürkop-Henseling, Lübeck

"Wenn ich mal von allen Äußerlichkeiten absehe und versuche, eine Substanz zu erkennen, was bleibt da? Ich müsste jetzt unendliche Leerzeilen schreiben, weil da nämlich nichts kommt, rein gar nichts. Vor keinem seiner „Ausstellungsstücke“ (und davon gibt es viele, viele, viele!) wollte ich stehen bleiben und nachdenken. Keine Überraschung, keine Anregung, nein, nur Plattitüden, Banalitäten, destruktive Gedanken. Ein Beuys konnte noch schockieren, überraschen, der hat Neues gemacht, war kreativ. Das muss einem nicht gefallen, war aber wirklich NEU. Meese dagegen ist in seinem Tun total reaktionär. Seine Kunst ist die beliebige Nichtkunst und damit für ihn wieder Kunst - (s)ein Spiel ist (s)ein Spiel ist (s)ein Spiel." Matthias Krohn, Lübeck

"Es ist schon erstaunlich, wie viele Menschen sich aufregen, wenn es um Kunst geht, die sie angeblich nicht verstehen. Dabei übersehen sie zum einen, dass nicht jedes Kunstwerk jeden Menschen ansprechen kann, zum anderen, dass ansprechen nicht „verstehen“ bedeutet (wer hat denn zum Beispiel Mona Lisa verstanden?), sondern Kunst immer vielschichtig und nicht einfach übersetzbar ist. Wenn mich ein Kunstwerk anspricht, löst es ein Empfinden bei mir aus, manchmal von Schönheit, ein andermal gern auch ein anderes Empfinden, im positiven Sinne eines Anstoßes. Genau deshalb ist Kunst für den Menschen wichtig, und wen ein einzelnes Werk oder eine ganze Ausstellung nicht anspricht, mag sich anderen Künstlern oder ganz anderen Künsten zuwenden, aber hat keinen vernünftigen Grund, sich über etwas aufzuregen, was ihm gar nichts tut." Christian Horz, Reinfeld (Holst)

"Der Komiker Hape Kerkeling hat es vorgemacht: Man soll sich über die amüsieren, die seinen Mist (Wolf, Lamm, Hurz) ernst nehmen. So auch bei Meese: Er ist halt ein Spielkind, das in Lübeck gerade austestet, wie weit man Publikumsverarschung treiben kann. Wir haben ordentlich was zu lachen." Jürgen Backhaus, Lübeck

"Vielleicht ist ja Jonathan Meese ein „ Gesamtkunstwerk“, schräg und egomanisch, laut und aufdringlich, schrill und verschroben. In einem freien Land darf er das sein, so lange und so oft er will. Aber warum wird ihm so viel Aufmerksamkeit geschenkt, so viel Raum gegeben in einer Stadt, die das Weltkulturerbe pflegt? Und warum darf er sich austoben in einer Kirche, die gebaut, gepflegt und erhalten wurde als heiliger Raum? Ich fürchte unsere Kulturoberen und die LN und der Pastor von St. Petri wollen beweisen, wie offen sie sind für alles, was an Torheit und Unsinn durch unsere Zeit wabert. Aber merke: Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein." Frank Dahl, Lübeck

Von Anerkennung bis Ablehnung

Und es gehe „ausgesprochen zivilisiert zu. Kein Diebstahl, keine Störungen.“ Ein Besucher habe jedoch eine kleine Schneekugel in die Ausstellung gestellt, ein anderer einen Kommentar auf einen Zettel geschrieben und den dazu gelegt. Das werde aber weggeräumt. „Es ist ja nicht als Jeder-kann-mitmachen-Kunst gedacht.“

Anders als in der Petrikirche sind im Grass-Haus bislang noch keine Schul- oder Hochschulklassen gewesen, sagte dessen Leiter Jörg-Philipp Thomsa. Doch auch er berichtete von einem regen Besuch. „Die Gäste sind sehr neugierig. Auch sehr kritisch. Wir freuen uns, dass sie sich ein eigenes Bild machen wollen. Das ist ja auch die Aufgabe unseres Museums.“

Klicken Sie hier, um zahlreiche weitere Bilder von der Vernissage der ersten beiden Ausstellungen von Jonathan Meese im Günter-Grass-Haus und der Petrikirche in Lübeck zu sehen.

Die Reaktionen reichten wie in der Petrikirche von großer Begeisterung bis rigoroser Ablehnung. Ein Kritiker habe gar gefordert, Bürgermeister Jan Lindenau solle die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Dabei, so Thomsa, habe Lindenau das Projekt ja gerade befürwortet und den frischen Meese-Wind in Lübeck begrüßt.

Aber mit Ausstellungen zu Winston Churchill, Markus Lüpertz oder auch Günter Grass selbst hätten sie Erfahrungen mit stark polarisierenden Künstlerpersönlichkeiten. „Das Interesse jedenfalls ist da. Und ich glaube auch, dass es bleibt.“

Peter Intelmann

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