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Kultur im Norden Jonathan Meese in Lübeck
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16:50 15.02.2019
„Ich will mich nicht aufhalten lassen. Ich will in die Zukunft. Und die Kunst gibt uns das Recht dazu“: Jonathan Meese vor dem Holstentor. Quelle: Olaf Malzahn
Lübeck

Pressekonferenzen im Holstentor sind eher selten. Aber der Ort ist gut gewählt. Und er kommt nicht von ungefähr. „Das Holstentor ist totale Kunst“, sagt Jonathan Meese (49). „Kunst ist das, was überlebt. Und sie kommt von oben wie ein Blitz. Die schlägt ja ein, die Kunst“ – am Freitag, 15. Februar, in Lübeck.

Die Pressekonferenz war der Auftakt zu den Meese-Festspielen in der Hansestadt. Fünf Veranstaltungen wird es bis August geben, vier Ausstellungen und eine Performance. Die ersten beiden Ausstellungen werden am Sonntag, 17. Februar, im Günter-Grass-Haus und in der Petrikirche eröffnet, zwei weitere folgen Ende März in der Kunsthalle St. Annen und der Overbeck-Gesellschaft. Im Mai steht noch eine Performance in der Gollan-Kulturwerft an.

Jonathan Meese wird in diesem Jahr in Lübeck gleich an fünf Orten zu erleben sein – Bilder von den Vorbereitungen.

Zu verdanken ist die Reihe zuvörderst Overbeck-Direktor Oliver Zybok. Er kennt Meese seit dessen Zeit an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Als Petri-Pastor Bernd Schwarze ihn wegen einer Meese-Ausstellung fragte und Grass-Haus-Leiter Jörg-Philipp Thomsa etwas später unabhängig davon ebenfalls, kam die Sache ins Rollen. Ab Sonntag kann sie besichtigt werden, vor allem dank des Zusammenspiels der beteiligten Häuser.

Man habe Meese „Carte blanche“ gegeben, sagte Hans Wißkirchen, der Chef der Lübecker Museen. Mit ihm setze man einen Kontrapunkt zu Lübecks Image als alte Ehrwürdigkeit hinter dicken Backsteinmauern. „Ich bin sicher: Lübeck ist wird nach diesen fünf Monaten eine etwas andere Stadt sein. Wie, werden wir sehen.“

„Dr. Zuhause: K.U.N.S.T (Erzliebe)“ ist das Projekt überschrieben. Es ist eine Art Heimkommen für den in Ahrensburg aufgewachsenen Künstler, der dort immer noch regelmäßig ist. Und er hielt sich nicht lange mit Vorreden auf, sondern ein fulminantes Plädoyer für die Kunst.

„Kunst ist mit einem Mitläufergehirn nicht möglich“

Die sei „die Abwesenheit von Ideologie“, sagte er. Ideologie verstelle den Blick und mache unfrei. Er sei auch kein Atheist, selbst das wäre ihm schon zu ideologisch. Kunst sei der Angriff auf die Ideologie und „mit einem Mitläufergehirn nicht möglich“. Kunst müsse mutig sein und angreifen. Sie sei eine „Wahrnehmungsstörung“ und in die Zukunft gerichtet. Und vor der dürfe man keine Angst haben.

Günter Grass habe er mal im ICE getroffen, erzählte er. „Ich habe sofort gespürt: Der Typ ist ein Hermetiker. Und das braucht man in der Kunst. Es muss ja nicht alles super sein, aber man muss weitermachen, immer weiter. Tu es einfach. Mach klar Schiff zu Hause und mach weiter. Das ist das, was wir Menschen können: Schritt für Schritt vorwärts, auch im Orkan. Ab Windstärke 13 wird’s gemütlich.“

Meese kritisierte die Selbstzensur der Künstler, die nie so schlimm gewesen sei wie heute. Und er schlug eine Bresche für die freie Flucht nach vorne. „Ich bin auf einer Autobahn unterwegs, wo keiner mehr ist“, sagte er. „Die Gegenfahrbahn ist voll. Aber ich will mich nicht aufhalten lassen. Ich will in die Zukunft. Und die Kunst gibt uns das Recht dazu.“

In der Gegenwart kann man vorerst im Grass-Haus Porträts von Mao bis Martin Heidegger sehen, Blätter aus seiner Kunsthochschulzeit und anderes mit biografischem Hintergrund. In St. Petri mäandert eine Installation durch den ganzen Kirchenraum. Es sieht aus wie eine Mischung aus Geisterbahn, Trödelladen, Kinderzimmer und Guggenheim. Bemalte Decken hängen oben wie an einer Wäscheleine, darunter finden sich Plastikblumen und Schaufensterpuppen, Skelette, leere Red-Bull-Dosen und eine mannshohe Currywurst mit Perücke. John-Sinclair-Hefte liegen aus, von „Der Pfähler“ bis „Im Terrornetz der Monster-Lady“, ein uferloses Gesamtkunstwerk. „Es gilt ja in der Kunst, die Zwischenräume zu füllen“, sagte Meese.

Peter Intelmann

Zum Thema: Auf dieser Seite sammeln wir LN-Berichte zum Meese-Jahr in Lübeck