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Kultur im Norden Jonathan Meese in der Schule
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08:00 24.03.2019
„Man muss in seine Welt eintauchen“: Das haben Schüler der elften Klasse der Lübecker Prenski-Schule mit viel Leidenschaft getan. Quelle: Agentur 54°/Privat
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Lübeck

Herzen und Hakenkreuze, Erz und Liebe, die typischen Symbole und Worte des Künstlers Jonathan Meese dürfen nicht fehlen bei der ersten Annäherung. Ein großes weißes Blatt, zehn 16- und 17-Jährige versuchen sich schwungvoll an der Meese-Art, bevor sie ihre ganz eigenen Motive finden werden.

Neues von Meese

Noch laufen zwei Ausstellungen von Jonathan Meese im Günter-Grass-Haus (bis 4. August) und in der Petrikirche (bis 31. März).

Am 30. März werden in der Kunsthalle St. Annen und in der Overbeck-Gesellschaft zwei weitere eröffnet.

Am 7. Mai gibt es eine Performance mit Meese in der Gollan-Kulturwerft.

„Wenn schon ein polarisierender Künstler wie Jonathan Meese in der Stadt ist, sollten wir das doch für die Schüler nutzen“, sagt Edda Holl, Kunstlehrerin an der Lübecker Prenski-Schule. Zeitgenössische Kunst zu erklären, sei schwierig. „Da geht es um Fragen: Was macht diese Kunst mit mir? Was sagt sie mir oder auch nicht?“ Zusammen mit der Lübecker Künstlerin Angela Siegmund, die als Kulturvermittlerin an der Schule tätig ist, hat sie das Projekt konzipiert. Zunächst sahen die Schüler einen Film über Jonathan Meese. Danach erstellten sie einen Fragenkatalog, um gut vorbereitet zur Ausstellungseröffnung in St. Petri zu gehen.

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„Es war ziemlich krass“, sagt Henrike über ihren ersten Eindruck von der kunterbunten Materialsammlung Meeses. „Aber als ich mich genauer umgesehen habe, habe ich gemerkt, dass alles zusammengehört, auch die Dinge, die scheinbar an der Seite stehen. Es hat dann doch einen Sinn ergeben.“ Sie habe auch mit anderen Besuchern diskutiert. „Am Ende war es gar nicht so verrückt, wie ich gedacht habe.“ Auch Simon musste sich langsam annähern. „Erst mal habe ich einen Schreck bekommen. Man muss in seine Welt eintauchen, um ihn zu verstehen. Ich fand es dann auch total überraschend, was ich alles entdeckt habe.“

Anfangs schockiert

Während Flavia nach dem Film „total begeistert“ war von Meese, habe sie die Ausstellung schockiert. „Ich hab’ das nicht verstanden und dachte, das ist überhaupt nicht meins, ich konnte mich auch nicht darauf einlassen.“ Das kann man denken und die Ausstellung verlassen. Flavia ist geblieben, hat die Reden zur Eröffnung aufgenommen und später noch einmal angehört. „Ich habe dann doch einen Sinn darin erkannt und mag seine Kunst auf eine Art und Weise.“

Dann wurde es ernst. Drei Tage lang haben die Schüler sich mit ihrer eigenen Kindheit auf Meese-Art auseinandergesetzt, und das hatte seine Tücken. „So eine große Leinwand zu füllen und rotzfrech drauflos zu malen, fiel nicht allen leicht“, sagt Angela Siegmund. Kuschelkissen und Plüschtiere sind zu sehen, aber auch Symbole, die Konflikte andeuten: eine Schnecke etwa als Zeichen für die eigene Langsamkeit. Mut gehört dazu, auch solche Dinge auf die Leinwand zu bringen.

„Ein Experiment“

Faszinierend: Die zehn Bilder, die jetzt in der Schule hängen, lassen sofort an Meese denken und haben doch eigene Handschriften. Sie wurden auch mit anderen Schülern diskutiert. Im Foyer hingen Plakate mit provokanten Thesen und Fragen wie „Meeses Kunst ist schlecht ausgeführt, er bildet ja die Wirklichkeit nicht ab“ oder „Meese zeigt sich mit Hitlergruß und malt Hakenkreuze, ist er ein Faschist?“ In einer Art Speed-Dating haben mehr als 80 Schüler der Oberstufe und der 10. Klassen kontrovers darüber diskutiert. Themen waren zum Beispiel „Kunst und Provokation“, „Kunst und Ideologie“, „Kunst und Wirklichkeitsabbildung“, „Kunst und Kosten“. Durch diese teils hitzig geführten Debatten verschafften sich die Jugendlichen individuellen Zugang zu dieser provokativen, zeitgenössischen Kunst. Lebendiger kann Kunstvermittlung nicht sein.

Möglich durch großzügige Förderung

„Es war ein Experiment, das wir gerne fortführen würden“, sagt Edda Holl. Möglich wurde dieses ambitionierte Projekt durch Förderung durch die Michael-Haukohl-Stiftung, die Mercartor-Stiftung und die Initiative „Schule trifft Kultur“ des Bildungsministeriums Kiel. Begleitet wurde es auch vom Leiter der Overbeck-Gesellschaft, Oliver Zybok, der Meese nach Lübeck geholt hatte. Er ist begeistert von der Lebendigkeit dieser Aktion. „Man merkt, da hat sich eine Gruppe mit dem Thema auseinandergesetzt, und es ist auf die jeweiligen Personen zurückgefallen. Nichts Schöneres kann man sich als Ergebnis einer Kunstausstellung wünschen.“

Petra Haase

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