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Kultur im Norden „Da kann ruhig mal was explodieren“
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18:24 28.05.2019
Jazzpianistin Julia Hülsmann ist als „Artist in Residence“ des Elbjazz-Festivals 2019 mit unterschiedlichen Formationen zu hören. Quelle: Volker Beushausen
Hamburg

Aufgrund seiner außergewöhnlichen Locations wie der Werft Blohm & Voss, der MS Stubnitz, der Elbphilharmonie oder der Hauptkirche St. Katharinen, dem maritimen Flair und seiner Programmatik hat sich Elbjazz zu einem der größten Jazzfestivals bundesweit gemausert. Nach Michael Wollny wurde in diesem Jahr die Jazzpianistin Julia Hülsmann ( 50) zum „Artist in Residence“ auserkoren. Alexander Bösch sprach mit der Wahlberlinerin.

Was bedeutet es Ihnen, auf dem Elbjazz Festival als zweiter„Artist in Residence“ aufzutreten und damit Michael Wollny zu „beerben“?

Als ich angefragt wurde, habe ich mich sehr gefreut und mir gleich überlegt, welche Formationen Sinn machen würden. Ich glaube, das sind alles ganz unterschiedliche Klangerlebnisse.

2013 traten Sie mit einem Kurt Weill-Programm schon einmal auf dem Elbjazz auf. Hatten Sie damals Gelegenheit, sich andere Künstler anzusehen? Als Jazzmusiker hat man ja zumeist nicht den Bekanntheitsgrad eines Rockmusikers und kann sich inkognito unter die Leute mischen . . .

Leider nicht, wir kamen gerade aus Berlin und mussten schnell wieder zurück, weil mein Sohn eine Betreuung brauchte. Aber dieses Mal ist das anders. Den Samstag habe ich frei bis zu meinem Konzert in der Elbphilharmonie um 23 Uhr. Da werde ich mir einiges angucken, ich freu mich auch schon auf die Barkassenfahrten!

Gehen wir einmal die drei Formationen durch, in denen man Sie bewundern kann. Beim besagten Gastspiel in der Elbphilharmonie kann man ein Beatles-Programm im Quintett erleben . . .

Ja, das ist mein Trio, der Vokalist Theo Bleckmann und der Gitarrist Werner Neumann. Theo Bleckmann und ich haben jeweils drei Stücke arrangiert, die anderen Musiker jeweils eines. Das ist schon manchmal eine wilde Herangehensweise, man hört die Songs in einem ganz anderen Gewand. Sonst müsste man so etwas ja nicht machen, die Musik der Beatles an sich ist schon großartig genug. Wichtig ist mir, dass man seine eigene Marke, seine eigenen Klänge mit hineinbringt.

Bei Ihrem Oktett-Auftritt auf der Hauptbühne Blohm & Voss gehören die Echo-Jazz Gewinnerinnen Eva Kruse und Eva Klesse zum Ensemble.

Das Programm wird sehr songlastig sein, da ist viel Power dabei! Es ist toll, wenn viele Leute auf der Bühne stehen. Es sind auch Coverversionen dabei von Alanis Morissette und von der Band Archive. Das Oktett ist richtig international – allein schon, wenn man die drei Vokalisten betrachtet: Live Maria Roggen kommt aus Norwegen, Aline Frazao aus Angola. Michael Schiefel ist Deutscher. Unsere Bassistin Eva Kruse lebt inzwischen in Göteborg und hat die schwedische Staatsbürgerschaft angenommen. Da versuchen wir, aus vielen Welten etwas hereinzuholen! Beim dritten Konzert mit Christopher Dell am Vibraphon wird es viel Raum für Improvisation geben.

Das Feuilleton bezeichnet Sie als Meisterin der Reduktion, überflüssige Töne wären Ihnen ein Gräuel. Bei all diesen verschiedenen Formationen ist es sicher nötig, gut zuzuhören, dem Mitmusiker den nötigen Raum zu gewähren und sich im Sinne des Musikstücks nicht selbst in den Vordergrund zu spielen . . .

Das ist vielleicht gar nicht so krass, wie man sich das vorstellt. Im Grunde ergibt sich vieles durch die Spielfreude, die man an den Tag legt. Beim Oktett muss man tatsächlich viel organisieren, man schreibt die Arrangements, muss reduzieren und so weiter. Es hat aber durchaus jeder sein Solo, bei dem er auch loslassen kann und weiß, dass er nicht befürchten muss „Jetzt spiele ich acht Takte und dann ist es vorbei“. Wichtig ist, dass sich jeder Musiker auf seinem Platz wohlfühlt.

Eine strenge „tonale Selbstkontrolle“ wäre also nicht im Sinne des Erfinders . . .

Um Gottes Willen, nein! Da darf gern mal was explodieren auf der Bühne- und das tut es auch! Bei CD-Aufnahmen ist das ein wenig anders und kontrollierter. Auf der Bühne darf es aber gern mal die Welle nach oben geben! Wenn man schon lang miteinander spielt, so wie bei meinem Trio, in dem mein Mann den Bass spielt, vertraut man einander natürlich wieder auf andere Weise.

Sie covern Songs von Randy Newman, Feist, Alanis Morissette oder Radiohead auf derart originelle Weise, dass Zuschauer mitunter denken, Originale aus Ihrer Feder zu hören . . .

Dieser Prozess hat schon etwas mit viel Nachdenken und Zuhören zu tun. Ich versuche, mich auf einen Teil zu fokussieren, den ich als elementar für diesen Song halte. Es muss aber nicht krampfhaft ein neues Arrangement sein. „Your Congratulations“ von Alanis Morissette haben wir 1 : 1 im Arrangement von Geige, Cello und Klavier gelassen.

Das Festival

Alle Konzerte und Bühnen unter: elbjazz.de

Julia Hülsmann ist zu hören mit dem Julia- Hülsmann-Oktett am 31. Mai, 19 Uhr, Hauptbühne Blohm & Voss; mit Christopher Dell am 31. Mai, 19 Uhr, Hauptkirche St. Katharinen. Am Samstag, 1. Juni, 23 Uhr, Elbphilharmonie, Großer Saal: „Julia Hülsman plays The Beatles

Wie gehen Sie bei Ihren vertonten Gedichten der amerikanischen Poeten Emily Dickinson und E. E. Cummings vor, die Sie mit der norwegischen Sängerin Rebekka Bakken auf die Bühne brachten?

Ich versuche, durch die Musik den Kern der Gedichte noch besser herauszuarbeiten, mich ihrem Sinngehalt zu nähern. Das kann auch mal etwas plakativ sein.

Anders als man es von Showkarrieren wie etwa von Lang Lang kennt, sind Sie nicht im sehr frühen Alter auf ihr Instrument „gedrillt“ worden. Sie haben mit der Flöte begonnen, dann erst mit 11 Jahren das Piano entdeckt. War diese Herangehensweise gut für die sprichwörtliche Gelassenheit und Unaufgeregtheit, die man Ihnen nachsagt?

Das ist gut möglich! Symbolisch für diese Entwicklung ist vielleicht, dass ich mich mit 13 oder 14 Jahren geweigert habe, bei „Jugend musiziert“ vorzuspielen, nachdem meine Eltern mich angemeldet hatten. Sicher muss man viel üben und sicher gibt es auch Konkurrenz- aber diese Art des Wettkampfs hatte mir widerstrebt.

Den Vorsatz, mit 23 Jahren Jazzpiano in Frankfurt und Berlin zu studieren, sollen Sie mit zwei Freunden in einer feuchtfröhlichen Nacht in einer Studentenkneipe gefasst haben . . .

Das stimmt – wobei ich zuerst Bedenken hatte, dem Konkurrenzdruck gewachsen zu sein. Die beiden wollten damals auch Musiker werden, leben aber nicht davon.

Die unbefriedigende ökonomische Situation vieler Jazzmusiker war auch eines der zentralen Themen, als Sie 2012 und 2013 Vorsitzende der wiederbelebten Union Deutscher Jazzmusiker ( UdJ) waren, die sich gerade in „Deutsche Jazzunion“ umbenannt hat.

Ich und Felix Falk, der stellvertretende Vorsitzende der UdJ, hatten uns überlegt, wie man da vorgehen kann. Wir saßen anfangs bei uns in der Küche in Berlin und wurden immer mehr Leute (lacht). Der Jazz kann unglaublich viel, die Improvisation, die Kreativität, die Denkweise- das ist etwas sehr Wertvolles, muss aber gepflegt werden. Wir haben ja kulturelle Fördertöpfe in Deutschland, aber es ist auch wichtig, dass etwas davon beim Jazz hängenbleibt! Damals waren wir 150 Leute, inzwischen 1000 Mitglieder. Wir haben eine Menge erreicht.

Elbjazz Festival: Entspannte Stimmung am Elbufer in der Neuen Hafencity. Quelle: E-Mail-LN-Redaktion

Tragen große Festivals wie das Elbjazz oder Jazz Baltica am Timmendorfer Strand – bei dem es auch Gratiskonzerte am Strand gibt – dazu bei, auch weniger jazzaffine Menschen für das Genre zu begeistern?

Das ist ein guter Weg, damit sich ein Publikum durchmischt – auch wenn für die kleineren Clubs natürlich auch etwas getan werden muss. Der Jazz hat immer noch das Problem, mit gewissen Klischees behaftet zu sein. Einigen ist er zu intellektuell oder verkopft, andere denken eher an Dixie oder Swing. Da helfen solche Events, bei denen es von den Künstlern her eine Mischkalkulation gibt, schon sehr. Ich hatte mal ein Pärchen in meinem Konzert, die sagten nach dem Auftritt zu mir: „Eigentlich dachten wir, wir mögen keinen Jazz. Aber wenn das, was Sie hier heute gemacht haben, Jazz ist, dann sind wir doch Jazzfans!“

Gibt es denn heutzutage überhaupt noch klar umrissene Genregrenze beim Jazz? Mitte der 80er Jahre wurden Bands wie Matt Bianco, Working Week und Swing Out Sister bekannt, für die manche das Label „Cocktailbar- Jazz“ bemühten. In den 90ern reüssierte der „Acid Jazz“ mit Fusionmusik von Galliano, Jamiroquai und den Brand New Heavies. Inzwischen tritt ein Rapper wie Ferris MC ebenso selbstverständlich auf Jazzfestivals auf wie ein Helge Schneider . . .

. . . und genau das finde ich wunderbar! Ich bin überhaupt kein Freund von Labels. Mich interessiert der Begriff Jazz gar nicht unbedingt. Für mich ist das die Musik von einem Jamie Cullum oder einer Sophie Hunger – um zwei Acts vom diesjährigen Elbjazz zu nehmen. Da schaue ich, ob mich das mitnimmt und berührt, egal, in welche Schublade man diese Musik einordnet. Ich mag den Straightahead Swing genauso wie eine Improvisation. Mein Klavierlehrer Jack Taylor hatte mir damals gesagt, ich soll die Rhythm Changes einfach weglassen, als ich damit Probleme hatte. Diese Unverkrampftheit und Freiheit zeichnet den Jazz aus.

Sie geben an der Universität der Künste in Berlin Songwritingkurse, touren aber auch um die ganze Welt, wen sich die Gelegenheit ergibt. Sind Ihnen Konzerte in besonderer Erinnerung geblieben?

Oh ja! In Turkmenistan verstanden die Leute nicht so recht, was wir wollten. In China hatten unglaublich viele Leute CDs von uns dabei, die sie signiert haben wollten. Die Zusammenarbeit mit afro-peruanischen Musikern in Lima war auch etwas Besonderes.

Alexander Bösch

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