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Kultur im Norden Kampf gegen Vorurteile: Museum zeigt islamische Kunst
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09:35 10.04.2015
Prägte das westliche Bild des märchenhaften Orients: Szene aus dem Silhouettenfilm „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ von Lotte Reiniger (1899-1981) von 1926. Quelle: Comenius-Film G.m.b.H., Berlin
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Hamburg

Krüge, Vasen und Schalen, immer wieder Krüge, Vasen und Schalen: Ein ganzer Raum ist damit gefüllt; man sieht graue, türkise, vergoldete Krüge in verschiedenen Formen und Größen, mit Figuren, Blumen oder blau-weißen Ornamenten bemalte Schalen. Entstanden ist diese Keramik zwischen dem achten und 18. Jahrhundert, irgendwo zwischen Spanien und Indien. Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe sollen diese Exponate deutlich machen, wie vielfältig die islamische Kunst war und ist.

Vom Wochenende an ist in dem Haus die neueingerichtete Sammlung Islamische Kunst zu sehen. Gemeint ist damit Kunst aus islamisch geprägten Ländern. Die Neugestaltung, sagt Direktorin Sabine Schulze, sei ein programmatischer Schritt, ihr Haus wolle dieser vielfältigen Kultur das Gewicht geben, das sie verdiene. Auf knapp 400 Quadratmeter wurde die Sammlungsfläche verdoppelt. 400 Quadratmeter, um Kunst aus einer riesigen Region, aus weit über 1000 Jahren zu präsentieren? Und das in einer Zeit, in der schon das Wort Islam Ressentiments hervorruft? Islam, Islamismus, Islamischer Staat — diese Assoziationskette funktioniert bei nicht wenigen.

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Das Museum will dem Vorurteil entgegenwirken, der Islam sei eine geschlossene Welt, „die durch ein einheitliches Erscheinungsbild gekennzeichnet ist“. Laut Direktorin Schulze soll gezeigt werden, „welche Innovationen, welche Leistungen diese Kultur geschaffen hat“. Große Worte angesichts von fünf überschaubaren Ausstellungsräumen plus einem Flur, in dem Videos und Comics zu sehen sind. Hilft der neugestaltete Trakt tatsächlich, jenen „differenzierten Blick auf den Islam zu werfen“, den sich Nora von Achenbach, die die Sammlung Ostasien und Islam leitet, wünscht?

Jeder Raum steht unter einer Überschrift — etwa „Poesie und Figuration“ oder „Glaube und Spiritualität“. Im „Poesie“-Raum können Besucher ein persisches Gedicht bewundern, das Künstler im 18.

Jahrhundert mit irisierender Tusche auf vergoldetes Papier geschrieben haben. Und im „Glaube“-Raum wird die hohe Bedeutung der Schrift im Islam anschaulich gemacht: Weil in islamischer Vorstellung Gott in seiner Allmacht nicht darstellbar ist, die Schrift aber als göttliche Erfindung gilt, hat sie einen hohen Stellenwert in der Kunst. „Schrift und Ornament sind das Dominante — nicht das Bild“, sagt Nora von Achenbach.

Erst zum Abschluss des Rundgangs durch die Sammlung sind reichlich Bilder zu sehen: aktuelle Graphic Novels und Animationsfilme. Darin nehmen junge muslimische Künstler „Stellung zu den Vorgängen in ihren Ländern“, sagt Sabine Schulze. Die Graphic Novels könne man schnell austauschen, wenn Zeichner auf Veränderungen innerhalb der islamischen Welt reagierten. Fast schon historisch wirkt der Comic von Zeina Abirached, die in „Das Spiel der Schwalben“ vom Alltag ihrer Familie während des Bürgerkriegs im Beirut der 1980er Jahre erzählt. Die Berliner Zeichnerin Tuffix schildert in ihren Comics ironisch „Die Leiden einer jungen Muslima“.

Wie der angeblich märchenhafte Orient im Westen rezipiert und zum Klischee wurde, zeigt die Aladin- Episode aus Lotte Reinigers Silhouettenfilm „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ von 1926: Der älteste erhaltene Animationsfilm der Welt prägte unsere Vorstellungswelt von Tausendundeiner Nacht.

Die Sammlung ermöglicht tatsächlich einen Einblick in die islamische Kunst. Beim Rundgang fragt man sich aber, wie wohl auf diesem Raum eine Schau über christliche Kunst aussehen könnte — von frühmittelalterlichen Tonscherben aus Italien bis zu moderner Videokunst aus Skandinavien.

Weder die christliche noch die islamische Kunst lässt sich in solch einem Rahmen darstellen, geschweige denn erklären. Und doch bekommt der Besucher im Museum für Kunst und Gewerbe eine leise Ahnung davon, wie vielfältig und schön vieles aus der islamischen Welt ist. Die unschönen Dinge aus dem Alltag islamischer Länder entnimmt man weiterhin der Zeitung.

Islam als kulturelle Größe
Das Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) am Hamburger Hauptbahnhof stellt seine Sammlung islamischer Kunst nun prominent aus, um „den Islam als kulturelle Größe und Weltreligion in seiner historischen, geografischen, sozialen und politischen Vielfalt und Bedeutung erfahrbar zu machen“, wie es zur neuen Präsentation heißt. „Die aktuelle Zerstörung historischer Stätten im Nahen Osten macht es umso dringlicher, die Geschichte und die Errungenschaften der großen Zivilisationen der Menschheit zu bewahren und weiterzuerzählen.“
MKG Hamburg, Steintorplatz, www.mkg-hamburg.de

Martina Sulner