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Kultur im Norden „Kanalschwimmer“: Warum Ulrike Draesner einen alten Mann durch den Ärmelkanal treibt
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17:26 16.01.2020
Ulrike Draesner liest in Lübeck aus ihrer Extremsport-Novelle „Kanalschwimmer“. Quelle: Foto: Dominik Butzmann
Lübeck

Es ist die längste Nacht seines Lebens. Sie führt ihn an die Grenzen seiner Physis, in die totale Erschöpfung und darüber hinaus. Charles, ein Wissenschaftler und nüchterner Kopf, ist entschlossen, den Ärmelkanal zu durchschwimmen. Ein Jahr lang hat er sich vorbereitet, abgehärtet, zielgerichtet darauf hintrainiert. In „Kanalschwimmer“ begleitet Ulrike Draesner ihren alternden Protagonisten, in seiner Jugend Leistungsschwimmer, auf der Strecke durch den Kanal, der das europäische Festland von Großbritannien trennt.

Ein unerhörter Vorschlag

Es ist ein schmaler Roman, schmal wie der an seiner engsten Stelle 32 Kilometer breite „Ärmel“ – „la manche“ sagen die Franzosen –, und er hat einen ähnlich Zug wie die Strömung im Kanal. Was den 62-Jährigen ins kalte Wasser treibt, ist nicht allein die Herausforderung der Grenzerfahrung oder ein Bedürfnis nach Selbstbehauptung. Charles hat sich abgesetzt aus dem gut eingerichteten Leben mit seiner Ehefrau Maude, nachdem diese die Selbstverständlichkeit und Sicherheit ihrer 37-jährigen Ehe mit dem unerhörten Vorschlag einer „ménage à trois“ unterhöhlt hat.

Kanal-Durchquerung als innere Odyssee

Charles hat den Boden unter den Füßen verloren, ist ins Schwimmen geraten. Instinktiv taucht er ab in den aufgewühlten und schlagenden Wassern seines Ehelebens, wo kein Horizont mehr auszumachen ist. Taucht ab wie in jenem Moment in den Fluten des Kanals, die Gefahr in den Fasern seines Körpers erfassend, vielmehr erahnend als erkennend, als ein in der Strömung treibendes Blechdach seine Bahn kreuzt. Ungeheuer kunstvoll, mit großer sprachlicher Raffinesse schildert Ulrike Draesner Charles’ Kanal-Durchquerung als innere Odyssee.

Aufbruch zu Horizonten

„Ich schreibe, um hörbar zu machen, in Sprache zu übersetzen, was gemeinhin nicht gesprochen wird, nicht sprechbar scheint.“ Diesen Satz hat Ulrike Draesner der eigenen Biografie auf ihrer Webseite vorangestellt und damit einen hohen Anspruch formuliert. Die vielfach ausgezeichnete Autorin und Literaturwissenschaftlerin, die literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig lehrt, wird ihm mit jedem Satz gerecht und erzählt Charles’ „Challenge“ als einen Aufbruch zu Horizonten, die jenseits der bislang so gut eingerichteten Wirklichkeit liegen.

„Kanalschwimmer von Ulrike Draesner, Mare Verlag, 20 Euro. Quelle: hfr

Lesung in Lübeck

Ulrike Draesnerliest am 20. Januar um 20 Uhr im Rahmen der LiteraTour Nord in der Buchhandlung Hugendubel in Lübeck, Königstr. 67a. Karten unter T. 0451/160060

Freischwimmen im Kanal

Den Naturgewalten ausgesetzt, abhängig von der ihn im Boot begleitenden Crew, die seine Route und seinen körperlichen Zustand überwacht, ihn mit Nahrung versorgt, lösen sich im Durchkreuzen des Wassers auch die Grenzen des Denkens. „Er war frei. Er konnte sich entscheiden“, schreibt Ulrike Draesner. „Der Kanal hatte ihn in einen Zustand gezogen, in dem sich von allem, was ihm begegnete, die Schicht löste, die ihn bislang am Verstehen gehindert hatte.“

Die Liebeslüge

Unbewusstes steigt auf, verdrängte Wahrheiten drängen an die Oberfläche zur Selbsterkenntnis wie jene „Liebeslüge“, die lange zurückliegt und mit der Charles damals in den 70ern seine große Liebe Maude dem einst besten Freund und Liebeskonkurrenten Silas abspenstig machen wollte. Das komplizierte Beziehungsgeflecht zwischen Charles, Silas, Maude und ihrer damals tödlich verunglückten Schwester Abigail liegt 40 Jahre zurück, aber die Bindungen bestehen fort, reichen über die Zeit hinweg in seine Ehe hinein. Jetzt ist Silas wieder da, zurück in ihrem Leben, und Charles muss sich entscheiden, wie weit der Horizont des eigenen Lebensentwurfs gesteckt ist.

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