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Kultur im Norden Kann jeder Mensch singen? LN-Redakteurin im Selbsttest
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11:42 24.12.2018
Drei Monate lang hat LN-Redakteurin Petra Haase Unterricht bei Sänger und Gesangslehrer Martin Hundelt genommen. Quelle: Olaf Malzahn
Lübeck

Gerade hinstellen. Gestreckte Haltung, und möglichst beweglich, sagt mein Lehrer. Den rechten Arm heben, einatmen und mit einem lauten fff ausatmen. Auf dem Weg nach unten die Längsstreckung halten. Fff. Gleichmäßiger. fff. Und den Punkt definieren, wenn es aufhören soll. fff. Ein bisschen mehr Ausdruck. fff. Und nicht so doll einatmen. fff. Jetzt mal mit dem linken Arm. fff.

Was mache ich hier eigentlich?  Warum fange ich als mittelalte Frau an, mit einem fremden Mann Atemübungen zu machen und mich die Tonleiter rauf und runter zu quälen?  Weil ich etwas beweisen will. Mir und all jenen, die behaupten, dass jeder Mensch singen kann. Die nicht akzeptieren, dass der liebe Gott nun mal Nachtigallen und Nebelkrähen  geschaffen hat und dass ich zur letzteren Art gehöre.

Dabei ist es ja nicht so, dass ich nicht singe. Meine Eltern haben mit mir gesungen, ich habe mit meinen Kindern gesungen,  wir singen zu Weihnachten mit der Familie, und ich bin sogar in unserem Dorfchor – allerdings als passives Mitglied. Eben weil ich finde, dass ich nicht richtig singen kann, die Töne nicht treffe und mir das schlechte Laune macht. Und immer  ärgert es mich, wenn man mich eines Besseren belehren will.

Deshalb also nun die Probe aufs Exempel: drei  Monate lang nehme ich Gesangsunterricht,  zehn mal für eine halbe Stunde, und zu Weihnachten dann der Test: Schaffe ich es, ein Weihnachtslied einigermaßen unfallfrei vorzusingen?

Der Lehrer ist überzeugt, dass jeder Mensch singen kann. Aber er kennt mich nicht!

Wenn  schon Unterricht, dann beim Profi. Martin Hundelt ist Sänger und Dozent für Gesang und Fachdidaktik an der Musikhochschule Lübeck. Wenn er nicht das bisher unentdeckte Talent in mir zutage fördert, wer dann? Denn natürlich ist auch er davon überzeugt, dass jeder Mensch singen kann. Aber noch kennt er mich nicht. Bisher hat er  nur musikalisch vorgebildete Schüler unterrichtet, „es ist auch für mich ein Experiment“.

Mitte Oktober treffen wir uns zur ersten Gesangsstunde, und schnell wird klar: Martin Hundelt ist nicht nur Profi, sondern vor allem ein sehr geduldiger und liebenswerter Mensch mit viel pädagogischem Geschick. Erst mal die Angst nehmen. Singen, sagt er, sei eine besondere Sache. Immer aufregend, auch für Sänger. Nervosität sei normal.

Aber noch singen wir nicht. Eine Viertelstunde lang mache ich fff. Mit mehr oder weniger Ausdruck.Mehr oder weniger gestreckt, mehr oder weniger locker. Dann spielt Martin Hundelt einen Ton auf dem Klavier an – den ich, natürlich, nicht treffe. Hab ich doch gesagt! Ich singe viel zu tief. Weitere Versuche im Töne-Lotto: ein paar Glückstreffer, ein paar Nieten. Sag ich doch.

Am Ende nimmt Martin Hundelt meinen Ton auf. Ich übe einen Dreiklang. G-E-C auf U. U-U-U rauf und runter. „Sie machen das richtig gut!“ Lob ist immer pädagogisch wertvoll.  Meine Stimme funktioniere gut in den oberen Stimmlagen, befindet er. Ich sei es nur nicht gewohnt, Tonhöhen zu halten und nachzusingen. Hausaufgabe: eine Klavier-App aufs Handy laden, Töne spielen und versuchen, sie nachzusingen. Na ja, nicht so schlecht für die erste Stunde.

Mom mom mom mom mom

In der nächsten Woche geht es weiter mit Atemübungen, dann wandern wir die Tonleiter abwärts auf mom mom mom mom mom. Klingt einfach, ist kompliziert. Ich spiele wieder Töne-Lotto. „Suchen Sie nicht nach den Tönen, es geht um den Ausdruck und um Bewegungsmuster“, sagt mein Motivator. Merke: Es geht beim Singen nicht (nur) um den richtigen Ton. „Singen ist eine kunstvolle Behandlung“, lerne ich. Ich soll eine Idee entwickeln für das mom mom mom mom mom.

Hmm. Und deutlicher singen, mit dem Mut, dass es falsch sein kann. Mehr Gewicht auf das erste M. Ich soll ein Gefühl dafür entwickeln. „Es klingt, wie es sich anfühlt.“ Wie leicht und fluffig Martin Hundelt die Töne über die Lippen gehen.  Hätte nicht gedacht, auf wie viele Arten man  mom mom mom mom mom singen kann. Viel weiter kommen wir in der zweiten Stunde nicht. Fazit: „Gesangstechnisch ist noch Luft nach oben.“

Ich mache den Spitzmaulfrosch

In der dritten Stunde geht es dann schon in Richtung Lied. Nach fff und mom  und – neu – mnjammnjammnjam üben wir „Macht der Reiter plumps“. G-F-E-D-C, und immer wieder von vorn. Die nächste musikalische Eskalationsstufe ist „Der Kuckuck und der Esel“.  Achtung: Vokale! Unterkiefer fallen lassen und mit dem Mund einen Tunnel formen. Wie ein O. „Die Einstellung des Raums oberhalb der Stimmbänder entscheidet darüber, wie der Klang ist.“

Ich mache also den Spitzmaulfrosch. Konzentration. Zunächst: den Anfangston treffen. Klappt immer noch nicht.  „Sie sehen zu angestrengt aus.“ Wie soll ich nicht angestrengt aussehen, wenn ich auf den Ton achten soll, auf gestreckte Haltung und Lockerheit, auf die Vokale und den schönen Ausdruck. „Man muss erst mal aus dem Kopf kriegen, dass man‘s nicht kann“, sagt mein Mutmacher.

Training mit dem Gummiband

Mitte November beginnen wir mit dem Weihnachtslied. Ich bin skeptisch, Martin Hundelt optimistisch, dass wir „Alle Jahre wieder“ in vier Wochen hinbekommen. Bevor es an die Töne geht, werden die Vokale auf Hochglanz poliert. Mund zum O formen und dann A-E-A-E-IE-Ä. Aber bitte nicht abgehakt. „Mit einer positiven Grundeinstellung“. Wie singt man A-E-A-E-IE-Ä mit einer positiven Grundeinstellung? Und das erste A mit mehr Zutrauen und einem Vokalklang? 

Dazwischen wieder Atemübungen und Flaschenwerfen. Ich soll locker in die Knie gehen, dabei singen und nach jeder Zeile die Flasche werfen. Damit soll die Beweglichkeit in der Hüfte trainiert werden. Die Gesangsstudenten nach mir trainieren das mit einem Gummiband.

Merke: Gesang ist weit mehr, als zur richtigen Zeit den richtigen Ton zu treffen. Ich wäre allerdings schon zufrieden, wenn ich das könnte. Allerdings wollte ich ja beweisen, dass nicht jeder singen kann, doch erste Fortschritte kann ich nicht leugnen. Immerhin treffe ich inzwischen besser die Töne, habe weniger Hemmungen, kräftiger und in höheren Tonlagen zu singen.

Die Stunde der Wahrheit

Kurz vorm vierten Advent kommt die Stunde der Wahrheit mit dem Lied „Alle Jahre wieder“. Zunächst also das übliche fff und mnjam und mom, und dann geht’s gleich los. „Alle Jahre wieder“, die ersten beiden Strophen. Die erste klappt, aber bei der zweiten treffe ich schon den ersten Ton nicht und hangele mich dann tapfer durch die vier Zeilen. Geschafft!

Was sagt der Meister? „Ich habe nicht gezweifelt, dass es klappt. Wir haben uns ja sehr gut kennengelernt und ernsthaft gearbeitet. Wir haben beide gerungen, und am Ende haben Sie die erste Strophe gut gesungen. Wenn man es jetzt professionell betrachtet, ist da noch Luft nach oben.“ 

Trauen Sie sich, singen Sie!

Was soll ich sagen? Natürlich wird in drei Monaten aus einer Nebelkrähe keine Nachtigall. Aber es hat Spaß gemacht, zu üben und Neues auszuprobieren. Es hat mir sehr viel Freude gemacht, mit Martin Hundelt zu arbeiten. Ich habe viel gelernt über meine Stimme und traue mich auch, laute Töne zu singen.

Das Lied klingt definitiv besser als vor einem Jahr beim Familiensingen. Ob wirklich jeder singen lernen kann in einer bestimmten Qualität, weiß ich immer noch nicht. Aber ich weiß, dass man seine Stimme trainieren kann und dass es Spaß macht, und darauf kommt es ja schließlich an. Also trauen Sie sich, singen Sie, nicht nur in der Weihnachtszeit.

Petra Haase

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